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Promotion bei Mutter, Vater, Onkel und Tante

In Deutschland ist es als Betreuungsmodell noch die Ausnahme: das sogenannte Thesis Committee. So heißt der Ansatz, bei dem mehrere Wissenschaftler einen Doktoranden betreuen. Am Bernstein Center der Universität Freiburg wird er bereits seit 2005 praktiziert. Welche Erfahrungen hat man im Südwesten gemacht?

Die Empfehlung des Wissenschaftsrats im Jahr 2011 war eindeutig: Die Individualbetreuung von Promovierenden soll zukünftig von der Betreuung durch ein Thesis Committee abgelöst werden (siehe Positionspapier des Wissenschaftsrats zum Thema „Anforderungen an die Qualitätssicherung der Promotion“, 2011). Nach US-amerikanischem Vorbild wird unter einem Thesis Committee eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern verstanden, die sich regelmäßig mit dem Promovenden trifft, ihm während der Promotion beratend zur Seite steht und den Fortschritt der Forschungsarbeit beobachtet.

Chancen und Risiken
Die Erwartungen an ein Thesis Committee sind hoch: Der Promovend erhofft sich mehr Projektideen und zusätzliche Expertise auf jenen Gebieten, in denen der Erstbetreuer vielleicht weniger Erfahrung hat. Er wäre während der Promotion nicht nur von einer Person abhängig und bekäme die Möglichkeit, ein wissenschaftliches Netzwerk aufzubauen. Gleichermaßen würde auch der Erstbetreuer profitieren, da er seine Verantwortung bei der Betreuung mit Kollegen teilen kann. Das führt im besten Fall auch dazu, dass eventuelle Fehlentwicklungen in der Forschungsarbeit früher erkannt und Maßnahmen zum Gegensteuern ergriffen werden können. Über allem steht der Wunsch, einheitliche Ausbildungsstandards zu schaffen und qualitativ hochwertigere Dissertationen einzureichen.

Neben all den Vorteilen erwarten den Promovenden bisweilen auch Komplikationen. Manchmal wird es bei den Diskussionen um sein Projekt unterschiedliche Meinungen zu berücksichtigen geben, und es gilt zu entscheiden, wessen Wort am schwersten wiegt. Oder das Gegenteil tritt ein: Keines der Mitglieder des Thesis Committee fühlt sich mehr an erster Stelle verantwortlich für die Betreuung.

Die Teambildung
Im Bernstein Center Freiburg (BCF), der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für Computational Neuroscience und Neurotechnologie der Universität Freiburg, wurde im Jahr 2005 ein strukturiertes Promotionsprogramm aus der Taufe gehoben. Dessen Regularien sehen den Einsatz eines Thesis Committee für jeden Promovierenden vor. Jeder Doktorand ist aufgefordert, zusammen mit seinem für die Fakultät verantwortlichen Betreuer innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Beginn der Promotion ein Thesis Committee zusammenzustellen. Dabei handelt es sich um den Erstbetreuer und zwei weitere Wissenschaftler, wobei die zweite Person typischerweise ein BCF-Mitglied ist, die dritte aber auch aus einer anderen Forschungseinrichtung innerhalb oder außerhalb Freiburgs stammen kann.

Die Startphase
Im ersten Thesis Committee Meeting, das etwa ein halbes Jahr nach Beginn der Promotion stattfinden soll, präsentiert der Promovend seinen Projektvorschlag, den er idealerweise in Abstimmung mit den Mitgliedern des Thesis Committee entwickelt hat. Im Verlauf der Promotion findet jährlich ein solches Treffen statt, bei dem der Promovend zunächst den aktuellen Stand seines Forschungsprojektes vorstellt. Anschließend wird (im besten Fall sehr offen) über Probleme und Fortschritte der Arbeit diskutiert.

Arbeitsstand wird schriftlich festgehalten
Das Protokoll, das bei jedem Treffen angefertigt wird, beinhaltet eine Auflistung der Ziele, die der Doktorand bis zu einem definierten Zeitpunkt erreicht haben soll. Die Protokolle werden vom Promovenden und allen anwesenden Mitgliedern des Thesis Committee unterzeichnet. Für den Nachwuchswissenschaftler ist diese Art der Promotion auf den ersten Blick durchaus mit Mehraufwand verbunden. Ihm obliegt sowohl die Zusammenstellung des Teams, wobei ihm sein Erstbetreuer beratend zur Seite steht, als auch die Organisation der Treffen seines Thesis Committee, für die eine Vorbereitungszeit eingeplant werden muss.

Die Hackordnung
Darüber hinaus ist es denkbar (und auch schon vorgekommen), dass die gleichzeitige Betreuung durch drei Wissenschaftler zu Widersprüchen führt, beispielsweise bei der Interpretation der vorgestellten Ergebnisse oder der zukünftigen Schwerpunktsetzung. Loyalitätskonflikte des Promovierenden können die Folge sein. In einer solchen Situation muss allen Beteiligten klar sein, dass der Erstbetreuer immer noch die erste und wichtigste Ansprechperson bleibt und damit den größten Teil der Betreuungsverantwortung trägt.

Der Aufwand
Je nachdem, wie groß die zu betreuende Gruppe von Doktoranden ist, kann dieses Instrument zu einem erheblichen Mehraufwand für alle beteiligten Betreuer führen. Deshalb empfiehlt¬ es sich für einen Wissenschaftler durchaus, Anfragen neuer Promovenden in Hinblick auf die eigenen Interessen und den eigenen Terminkalender genau zu prüfen. Auch sollte der zweifellos hohe Aufwand der Betreuung und Organisation auf möglichst viele Schultern verteilt werden. Das schließt die Rekrutierung von jungen Gruppenleitern und gut ausgewiesenen Postdoktoranden mit ein, sofern das die jeweilige Promotionsordnung zulässt.

Ein Schlüssel zum Erfolg: die Teamgröße
Überhaupt ist die Auswahl der Mitglieder des Thesis Committee durchaus mit einem Risiko verbunden, sofern sie noch nie in einem solchen Zusammenhang miteinander gearbeitet haben. Die Gefahr eines Konflikts wächst mit der Anzahl der Mitglieder eines solchen Teams. Generell stellt sich die Frage nach der optimalen Größe.

Das Teaching & Training-Committee am BCF, dem neben den Direktoren der Teaching & Training-Koordinator sowie zwei gewählte Doktoranden-Vertreter angehören, hat sich auf jeweils drei Mitglieder verständigt. Auch die beiden anderen biologischen Graduiertenprogramme in Freiburg, die Spemann Graduate School of Biology and Medicine und das PhD-Programm des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie und Epigenetik, setzen auf ein dreiköpfiges Team. Aber auch bei einem Committee, das nur aus zwei Mitgliedern bestünde, könnten der Promovend und sein Promotionsprojekt stark profitieren. Gerade wenn der Zweitbetreuer am selben Institut beziehungsweise am selben Ort angesiedelt ist, würde das den organisatorischen Aufwand für alle Beteiligten verringern. Auf der anderen Seite kann ein gut ausgewählter dritter Betreuer, zum Beispiel ein externer Spezialist, eine große Bereicherung für das Projekt sein, da er für den Promovenden eine wertvolle Kontaktperson für den Aufbau eines wissenschaftlichen Netzwerkes ist. Zu beachten ist bei diesem Modell jedoch, dass die Teilnahme externer Mitglieder eines Thesis Committee an den Treffen mit einem erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden sein kann.

Das BCF der Universität Freiburg muss sich einer besonderen Herausforderung stellen, da die Promovenden im Fachgebiet Computational Neuroscience typischerweise aus vielen verschiedenen Disziplinen wie den Naturwissenschaften, der Mathematik oder den Technikwissenschaften stammen. Deshalb hat es sich immer wieder angeboten, die Thesis Committees komplementär auszurichten. Das soll den Promovenden bei der Bearbeitung eines Forschungsthemas helfen, für das ihr bisheriges Wissensspektrum nicht ausreicht. So würde beispielsweise das Thesis Committee eines Promovenden aus der Mathematik nicht nur Theoreti¬ker, sondern auch einen Biologen beinhalten.

Wichtig: Termine und Teams sollten möglichst von einer Person koordiniert werden

Aber auch die Kombination von etablierten und jungen Wissenschaftlern oder die bewusste Berücksichtigung von Wissenschaftlerinnen, die insbesondere im Falle von Promovendinnen eine wichtige Mentorinnen-Funktion übernehmen könnten, kann sich anbieten.
Natürlich sind sowohl Betreuer als auch Promovenden sehr beschäftigt. Am BCF hat es sich deshalb sehr bewährt, dass ein Koordinator den Überblick über die Committees und deren Termine behält, für die Dokumentation der Treffen der Betreuungsgruppen zuständig ist und als Ansprechpartner für Promovenden und Mitglieder der Thesis Committees fungiert.

Entscheidend ist die Motivation
Thesis Committees sind bislang kein verbindlicher Bestandteil der Promotionsordnungen der Fakultäten, an denen die Promotionen der BCF-Doktoranden offiziell durchgeführt werden. Auch genügen sie in ihrer Zusammensetzung nur teilweise den formalen Regeln für die offiziellen Gutachter der Dissertation beziehungsweise für die Prüfer im Rigorosum. Derzeit ist die Einrichtung eines solchen Teams freiwillig, der Nutzen hängt von der Motivation der Beteiligten ab.
Trotz der allgemein sehr guten Erfahrungen mit diesem Modell besteht daher immer das Risiko, dass sich der potenziell enorme Mehrwert eines Thesis Committee im Verlauf einer Promotion nicht voll entfalten kann. Im Zuge der Diskussionen um neue Promotionsordnungen wird daher diskutiert, Thesis Committees einen höheren Stellenwert als bislang einzuräumen.

Die Autoren:

Prof. Dr. Stefan Rotter
ist Professor für Computational Neuroscience an der Universität Freiburg und Direktor des BCF.

 

 

 

 

Dr. Birgit Ahrens
ist seit 2013 als Teaching & Training Coordinator am BCF für die Koordination des Doktorandenprogrammes zuständig.
Internet: www.bcf.uni-freiburg.de

Handout Thesis Committee (TC)

VOR- UND NACHTEILE EINES TC

Der Doktorand ist nicht von einer einzigen Person abhängig und kann sich ein wissenschaftliches Netzwerk aufbauen.

Der Erstbetreuer kann die Betreuungsverantwortung teilen.

Das Projekt profitiert von zusätzlicher Expertise und potenzielle Fehlentwicklungen können früher erkannt werden. 

Unterschiedliche Meinungen können zu Loyalitätskonflikten beim Doktoranden führen.

Download

Wer mehr über die Situation von Promovierenden erfahren möchte, findet dazu aktuelle Hinweise im ProFile-Promovierendenpanel des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung:
www.forschungsinfo.de/profile/start.html

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