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Früher war ja alles viel einfacher: Smartphone und Internet gab es nicht mal im Science-Fiction, das Fernsehen sendete bis 16 Uhr das Testbild und danach kam die Sendung „Drehscheibe“, die Läden waren fast immer zu und das Wetter ohne den Klimawandel zumeist eher schlecht.

Es blieb einem gar nichts anderes übrig, als sich an den Schreibtisch zu setzen und an seiner Abschlussarbeit oder Dissertation zu schreiben. Und heute? Jetzt packe ich es und fange endlich mit dem Abschnitt über die Prozesshaftigkeit autopoietischer Systemstrukturen an, denkt sich der Doktorand und stiert in die bläuliche Leere seines Schreibprogramms. Hey, ich schaue noch schnell, ob jemand meinen letzten Facebook-Post gelikt hat, meine E-Mails müsste ich auch beantworten … ich mach´ erst mal ein Foto von meinem Schreibtisch, schreibe „Doktortitel, ich komme“ drunter und schick das über Twitter. Der Kühlschrank ist ganz leer, besser ich gehe rasch einkaufen. Mensch, draußen scheint mächtig die Sonne. Das muss man ausnutzen, schreiben kann ich am Abend oder morgen oder am Wochenende, da ist jede Menge Zeit. Und schon hat sie den Doktoranden erwischt, die Uni-Modekrankheit der letzten Jahre: die Aufschieberitis, in verschärfter Form Prokrastination genannt.

Ein Wort, das früher kein Mensch kannte. Aber ist so ein hochtrabender Begriff erst mal in der Welt, dann muss es sich natürlich um eine sehr ernste Sache handeln, eine psychische Erkrankung, die proaktiv mit Beratung und Therapie angegangen werden muss. In Unis gibt es mittlerweile Prokrastinations-Ambulanzen und Selbsthilfegruppen. Der Buchmarkt reagiert mit Ratgebern wie „So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund!“ oder „Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner!“.

Aber es geht nicht nur um dich, es geht um uns alle: „Aufschieberitis – die Volkskrankheit Nr.1“ – so ein aktueller Titel. Wir, die Deutschen, weltweit gefürchtet für Fleiß und Arbeitswut, sind ein Volk von Aufschiebern geworden. Wie, liebe Studierende, wollen wir da im internationalen Konkurrenzkampf bestehen? Bis der deutsche Doktorand endlich mal das Exposé für die Dissertation geschrieben hat, hat der chinesische Kommilitone schon seine erste Professur angetreten.

Deshalb reichen Uni-Beratungsstelle und Selbstcoaching-Literatur nicht mehr aus. Der in den Tag hinein daddelnden akademischen Aufschieberjugend kann man nur noch mit „Methoden religiöser Exzellenz“ beikommen, wie sie neuerdings ein Schreib-Ashram in Berlin anbietet. Dort im Ashram sollen blockierte Promovenden mit den „Techniken des klösterlichen Lebens“ fit gemacht werden: ora et labora. Aus der Suche nach Erleuchtung wird die Suche nach dem passenden Literaturbeleg.

Alles wohlgeordnet und diszipliniert. Wecken, Sport, Schreiben, Meditation, Licht aus. Kein Handy und kein Internet, dafür aber „leistungsbetonte Wohlfühlatmosphäre“. Als Verbindung von Big-Brother und DSDS – Deutschland sucht die Superdissertation – vielleicht auch etwas für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. ARD und ZDF könnten mit einer entsprechenden Show ihrem Bildungsauftrag auf moderne Weise nachkommen. Jeden Tag fliegt derjenige raus, der am wenigsten geschrieben hat. Und der Gewinner bekommt eine Juniorprofessur.

Aber Vorsicht – gefährliche Nebenwirkungen sind wie immer nicht ganz ausgeschlossen. Mit Hilfe von Psycho-Profis, Peers und dem eigenen Selbst zum Turboschreiber gecoacht, kommen manche Promovenden so richtig in den Flow und können nicht mehr aufhören zu schreiben! Die auf 200 Seiten angelegte Dissertation wird zur Freude des korrigierenden Professors 600 Seiten lang.

Doch das ist oft erst der Anfang. Beständig sein Mantra „publish or perish“ murmelnd, erklimmt der junge Doktor weitere Stufen der wissenschaftlichen Karriereleiter und erfreut die Community mit Bergen von Aufsätzen und dicken Büchern. Bestimmt alles bahnbrechende Erkenntnisse und hochrelevante Forschungen, die die Wissenschaftswelt erschüttern werden.

Aber wer soll das alles lesen? Hilfe, ich schreibe zu viel! Gibt es denn für dieses Problem schon einen Namen, einen Wikipedia-Eintrag, eine Therapie? Da sollten sich die Psychologen mal drum kümmern.

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