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„In gewisser Weise Antragsknechte“

Für den Professor ist es perfekt: Doktoranden zu haben, die forschen, lehren und Anträge schreiben. Die Promovenden haben aber wenig davon. Das weiß der Vorsitzende des Promovierenden-Netzwerks Thesis, das Mitte Oktober 20 Jahre alt wird. Ein Gespräch mit Norman Weiss über Geld.

duz: Professoren stecken durchschnittlich neun Prozent ihrer Arbeitszeit ins Antragschreiben. Wieviel Zeit ist es bei Ihnen?

Weiss: Glücklicherweise muss ich das in meiner jetzigen Position als Dekanatsgeschäftsführer nicht mehr machen. Allgemein bezogen auf die Gruppe der Doktoranden hängt das stark von den konkreten Jobumständen ab. Es gibt welche, bei denen ist der Anteil relativ hoch, und es gibt Promovenden, die mit Antragswesen überhaupt nichts zu tun haben.

duz: Dann sind die Klagen übertrieben, dass Doktoranden mitunter als Antragsknechte ausgenutzt werden?

Weiss: Naja, in gewisser Weise sind sie durchaus Antragsknechte. Denn mittlerweile besteht das Hauptpersonal an den Lehrstühlen zur 75 Prozent oder mehr aus Doktoranden. Sonstige Mitarbeiter im Mittelbau gibt es ja kaum noch. Insofern ist klar, dass ein großer Anteil der Arbeit bei den Promovenden hängenbleibt und dazu gehört auch das Forschungsanträgeschreiben.

duz: Was kostet da eigentlich soviel Zeit?

Weiss: Das Antragschreiben ist Fleißarbeit. Sie müssen detailliert zeigen, dass Sie nicht nur eine tolle Forschungsidee haben, sondern auch, wie Sie diese umsetzen wollen. Also wie viele Mitarbeiter werden gebraucht, welche Arbeitspakete bearbeiten diese in welcher Reihenfolge? Sie müssen dem Geldgeber plausibel machen, dass Sie es schaffen in der Zeit mit dem Geld, das er Ihnen gibt.

duz: Für ein Millionenbudget lohnt es sich aber auch, etwas Zeit zu investieren?

Weiss: Das kommt drauf an. Der Doktorand selbst hat relativ wenig davon. Forschungsmittelanträge zu schreiben ist ein Baustein von vielen, die den Doktoranden aufgebürdet werden mit der Folge, dass sich die Dissertationszeit verlängert, die Dissertationsqualität sinkt oder die Quote der Promotionsabbrecher steigt. Es sei denn, der Doktorand schreibt einen Forschungsantrag, mit dem seine eigene Stelle finanziert wird. Und das sollte natürlich gar nicht sein.

duz: Warum nicht, wo liegt das Problem?

Weiss: Der klassische Fall ist: jemand hat eine Dissertationsidee, aber es gibt keine Stelle für ihn. Dann wird ihm vom potenziellen Doktorvater gesagt, dass er die die Dissertation entweder auf eigene Kosten als externer Doktorand oder einen Forschungsmittelantrag schreiben könnte. Für den Professor ist das die perfekte Situation, denn er investiert nichts. Er hat jemanden, der den Antrag schreibt. Wenn der Erfolg hat, ist das super. Und wenn eine Ablehnung kommt, dann hat er keinen Aufwand gehabt. Ich gehe eigentlich davon aus, dass jeder Professor genug Verantwortung gegenüber dem Personal seines Lehrstuhls hat, dass er sowas nicht auf diese Art und Weise ausnutzt. Aber es kommt durchaus vor. Zudem muss man fragen, was sagt das über Wissenschaft, wenn Doktoranden die Forschungsanträge schreiben.

duz: Was meinen Sie damit?

Weiss: Ich finde es bedenklich, wenn man gerade das Unidiplom in der Tasche hat und einen relativ großen Teil des Forschungsmittelantrags selbst schreiben muss. Eigentlich sollten Anträge ja für Vorhaben geschrieben werden, die tatsächlich Neues bringen, die aber wissenschaftliche Erfahrung voraussetzen.

duz: Welche Lösung sehen Sie?

Weiss: Die Doktoranden brauchen eine längerfristige Perspektive. Eigentlich müsste jeder Promovend zu Beginn der Promotion eine gesicherte Stelle für drei Jahren haben. Wenn in der Zeit auch ein Antrag geschrieben wird, der neue Promovenden finanziert, umso besser.

duz: Die Verantwortung liegt also bei den Professoren?

Weiss: Jein. Es wäre unfair, ihnen die alleinige Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Verantwortung liegt bei der Hochschulpolitik, die aus finanziellen Gründen möchte, dass Promovierende an Universitäten alles möglich machen: Forschung, Lehre, Drittmittel akquirieren, dafür Anträge schreiben, Verwaltungsaufgaben übernehmen und natürlich auch, dass ihre Promotionen in vertretbarer Zeit und guter Qualität abgeschlossen werden. Das sind Ziele, die beißen sich. Und das wird von der Hochschulpolitik nicht wirklich gesteuert. Darin liegt das Grundproblem.

Norman Weiss

Norman Weiss

Der 34-Jährige hat Informatik und theoretische Medizin studiert. An der Technischen Universität Wien promovierte er im Themengebiet „Bildanalyse im Roboterfußball“. Im Februar 2010 wurde er zum Bundesvorsitzenden von Thesis gewählt. Das interdisziplinäre Netzwerk für Promovierende feiert am 15. Oktober 2011 mit einem Symposium in Berlin sein 20-jähriges Bestehen. Weitere Informationen dazu: www.thesis.de

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