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Die Sucht des Zählens

Ständig und möglichst genau zählen wir die verrinnende Zeit. Der Wiener Mathematiker und Autor Rudolf Taschner erklärt, warum dieser Zwang auch den Wissenschaftsbetrieb so schnell gemacht hat.

Messen, was messbar ist, und messbar machen, was es noch nicht ist.“ Dies war Galileis Devise, der sich die Wissenschaft mit inbrünstigem Glauben verschrieb – und dies, insbesondere bei der Messung von Zeit, mit durchaus beachtlichen Erfolgen. Zwar wurde schon in vorgeschichtlichen Epochen die Zeit mit Sonnenuhren gemessen, aber Galilei selbst hatte weitaus ausgeklügeltere Messverfahren ersonnen – Christiaan Huygens konstruierte nach seinen Vorschlägen präzise gehende Pendeluhren – und für seine eigenen Experimente erfunden: Galilei meldete dem Gehilfen durch Zuruf den Beginn des Versuchs, und dieser ließ von da an bis zum Ende des Versuchs Wasser gleichmäßig in einen Behälter fließen; die zwischen den beiden Zeitpunkten „verflossene“ Zeit wurde danach regelrecht gewogen.

All dies verblasst gegen die Messverfahren, mit denen die heutige Physik Zeitspannen zu fassen imstande ist: Beginnend vom gigantischen Zeitintervall der circa 13 Milliarden Jahre, die das Universum – so wie wir es kennen – alt sein dürfte, und endend bei Attosekunden, aberwitzig kurzen Zeitintervallen, denn eine Attosekunde ist das Millionstel des Millionstels einer Millionstel Sekunde. Anders ausgedrückt: Würde eine Sekunde unseres Lebens so lange dauern wie das Alter des Universums, wäre eine Attosekunde davon noch immer kürzer als eine Sekunde. In einer Attosekunde legt das Licht gerade einmal eine Entfernung zurück, die kaum größer ist als die Länge eines Wassermoleküls.

Wer Zeit misst, erfährt nichts über Dauer und Augenblick

Fatal jedoch wäre es, aus der Messkunst der Wissenschaft zu folgern, das Phänomen des Augenblicks selbst sei in den Messungen und Gleichungen der Physiker aufgesogen und entzaubert. Die banale Definition, Zeit sei, was man mit der Uhr misst, genügt allein denjenigen, die Zeit eben auf das Messbare reduzieren wollen. Diejenigen aber, welche dem Phänomen Zeit, Dauer und Augenblick als solchem nachzuspüren trachten, erfahren daraus fast nichts.
Allein soviel: Messend versuchen wir die Zeit im Bild der geraden Linie, einer Zeitskala zu fassen. Eine Uhr nennt die Zeit, indem ihr Zeiger auf einen Punkt der Geraden weist. Um diesen Punkt benennen zu können, wurde die Gerade zuvor geeicht, das heißt zwei voneinander verschiedene Punkte wurden willkürlich als null Uhr und als ein Uhr benannt. Die Eintragung der weiteren Markierungen in dieser Skala ergibt sich daraus von selbst. Es ist bloß eine Vereinfachung, wenn in den meisten Uhren diese Gerade auf einen Kreis mit zwölf Markierungen aufgerollt wird; das geometrische Bild bleibt bestehen. Auch die seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Mode gekommenen Digitaluhren konnten es nicht verdrängen: das analoge Bild des die Skala entlanglaufenden Zeigers steht uns näher als seine digitale Umsetzung.

Allerdings verhindert das geometrische Bild der Zeit, den Lauf der Zeit zu verstehen. Denn die gerade Linie als solche ist da, die Zeitskala liegt vor uns ausgebreitet. Wir können auf ihr – wenigstens in Gedanken – an eine beliebige Stelle tippen, vorwärts und rückwärts laufen. Was bedingt, dass wir immer nur den gegenwärtigen Augenblick, den einen unaufhaltsam vorwärtsschreitenden Punkt der Skala, erleben, diesen aber nicht halten können.
Dies zwingt uns, die Markierungen auf der geraden Zahlenskala richtig zu lesen, nämlich als Zahlen. Als Wesen, die dem Lauf der Zeit unterliegen, erleben wir auf diese Weise die an sich zeitlosen Zahlen. Wir hören den Schlag der Turmuhr: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Dann herrscht Stille. Sieben ist die Zahl, welche die Turmuhr uns als Zeit mitteilt. Wir verstehen dies, weil wir zählen können.

Im Glockenschlag der Turmuhr hören wir die Zukunft

Es ist wichtig, dieser scheinbar so banalen Einsicht in ihrer Tiefe nachzuspüren. Auch der siebente Schlag der Uhr klingt wie der erste oder der vierte, aber im Zählen bis sieben vergegenwärtigen wir uns, dass eins oder vier bereits gezählt sind, dass der erste oder der vierte Schlag der Uhr bereits der Vergangenheit angehören. Der siebente Schlag der Uhr war der letzte – dies hätte nicht der Fall sein müssen. Wir wissen um die Möglichkeit, dass auf sieben die Zahl acht folgt, dass allgemein keine Zahl die letzte ist. Wir brechen das Zählen nicht willkürlich mit sieben ab, wir hören vielmehr, ob die Uhr weiter schlägt und uns zum Weiterzählen zwingt. In diesem Hören vergegenwärtigen wir uns die Erwartung der Zukunft.
Im Zählen erfahren wir, dass Zahlen nicht so einfach verfügbar sind, wie es das zu simple Bild der geradlinigen Skala mit den eingetragenen Markierungen nahelegt. Mit der Nennung einer Zahl verbinden wir geistig die Gesamtheit aller Zahlen, die ihr, beginnend mit eins, vorangingen, und wir wissen, dass auch die eben genannte Zahl, selbst wenn es sich um Leporellos berühmte 1003 in Mozarts Oper Don Giovanni handelt, nie die letzte ist.

Bei der Zeit ist es ebenso. Im bewussten Erfassen des Augenblicks ist uns klar: Dieser steht nicht für sich isoliert, sondern entspringt aus der Folge der vergangenen Augenblicke und muss keineswegs der letzte sein. So gesehen ist es prinzipiell einerlei, ob wir die Zeit am Schlag des eigenen Pulses, an der Schwingung eines Pendels oder am Aufgang eines Sterns am Himmel in ihrem Fluss zu verfolgen trachten. Zeit manifestiert sich im Fundament aller Rhythmen, in der Basis, auf der alle periodischen Vorgänge gründen: dem Zählen. Deshalb ist Zeit nicht irgendwo draußen in der Welt zu finden, sie ist ein zutiefst menschlicher Begriff, der dem Kosmos aufgeprägt wird.

Sich vom Zwang des Zählens zu lösen, bedeutet Freiheit

Eigentlich sollten wir über die Zeit verfügen können. Denn es liegt an uns zu entscheiden, wieder neu mit dem Zählen zu beginnen, zu entscheiden, ob wir schnell oder langsam zählen. Doch wir zählen selten abstrakt und allein. Wir sind eingebunden in Umstände und Verpflichtungen, gesellschaftlichen Normen ausgesetzt. Nur wer über sein ganzes Leben unumschränkt zu verfügen vermag – und dies waren vielleicht in grauer Vorzeit allein die Asketen und Eremiten –, hatte auch die Verfügungsgewalt über die Zeit. Eine Autarkie, die sich kaum jemand noch vorstellen kann. Uns Heutigen scheint das Zählen, das wir als Zeitenlauf empfinden, von außen aufgezwungen. Sich von diesem Zwang wenigstens in kleinen geschützten Nischen, in kleinen, gleichsam paradiesischen Bereichen des Daseins lösen zu können, bedeutet Freiheit.
Von ihrem Inbegriff her verspricht Wissenschaft, ein solches Paradies zu sein. Denn im Wesen der Wissenschaft liegt, dass sie frei ist. Insbesondere sollten all jene, die sie betreiben, frei in der Gestaltung ihres Zeitenlaufs sein.

Doch dies ist eine Freiheit, die dem gängigen Wissenschaftsbetrieb immer mehr abhanden zu kommen droht. Man liest nicht mehr, man zählt bloß Publikationen. Man sucht nicht mehr originelle Thesen in Dissertationen, man zählt bloß die kopierten Zitate. Man bewertet in Berufungsverfahren nicht mehr den persönlichen Eindruck, man zählt bloß die Impact-Faktoren der Schriften. Man studiert nicht mehr ein Fach, man zählt bloß die erworbenen ECTS-Punkte. Die Zeit, die nur als blasses Ordnungsschema einer mit Inhalt zu füllenden Struktur erfunden wurde, überdeckt in ihrem scheinbar rasenden Lauf, der allein von einer in unaufhaltsamer Beschleunigung befindlichen Zählsucht herrührt, schließlich alles, was früher als Gedankentiefe galt.
Kaum hatte Immanuel Kant in Königsberg eine Professur erlangt, veröffentlichte er zehn Jahre lang keine Zeile. Er nahm sich nach Belieben Zeit. In diesen zehn Jahren hat er allerdings nachgedacht. In seinem Kopf wuchs die „Kritik der reinen Vernunft“. Welchem Wissenschaftler, fragt der Kritiker des Wissenschaftszirkus Konrad Paul Liessmann zu Recht, würde man heute eine solche Zeitspanne gönnen, sein Hauptwerk vorzubereiten?
Ein so langsam zählender, mit anderen Worten: ein mit so souveräner Freiheit über die Zeit gebietender Immanuel Kant, in die Gegenwart versetzt, wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein Anachronismus.

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