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Die neue Liebe zu Brasilien

Als aufstrebende Wirtschaftsmacht ist das größte lateinamerikanische Land längst auch für die Wissenschaft attraktiv. Nicht nur Deutschlands Hochschulen buhlen um die Aufmerksamkeit der akademischen Elite Brasiliens.

Olympische Spiele 2016, Fußball-Weltmeisterschaft 2014, Nachhaltigkeits-Gipfel der Vereinten Nationen 2012 – drei Großereignisse von weltweiter Ausstrahlung stehen in Rio de Janeiro in den nächsten Jahren an. Veranstaltungen von einem Format, wie sie auch Forscherherzen höher schlagen lassen: „Wir können damit deutsche Forscher und Lehrende nach Brasilien locken“, sagt Prof. Dr. Christoph de Oliveira Käppler. Der Psychologe der TU Dortmund ist Akademischer Direktor der ConRuhr Latin America. Das Bündnis gehört zur Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR), die, bestehend aus Technischer Universität (TU) Dortmund, Universität Bochum sowie Duisburg-Essen, vergangenen Mai ein Büro in der brasilianischen Großstadt eröffnete. Früh genug, um die Veranstaltungen nutzen zu können.

Deutsches Haus ist Sammelpunkt

ConRuhr Latin America will mit dem Verbindungsbüro der UAMR in Rio und einem zweiten in São Paulo die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit brasilianischen Unis stärken. Käppler soll, unterstützt von einem festangestellten Mitarbeiter vor Ort, den Austausch von Bachelor- und Master-Studierenden sowie Doktoranden fördern, Forschungskooperationen initiieren und gemeinsame Studienprogramme anregen.

Nicht nur die UAMR, auch andere deutsche Hochschulen haben sich für den Schritt über den Atlantik entschieden. Sammelpunkt in Brasilien ist für sie das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) in São Paulo, rund 400 Kilometer westlich von Rio. Wenn das Haus ab Herbst voraussichtlich bezugsfertig ist, wird es neben der UAMR nicht nur andere Unis wie die Freie Universität Berlin oder die TU München beherbergen, sondern auch Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder die Alexander von Humboldt-Stiftung. Insgesamt elf Institutionen aus Deutschland wollen dann Räumlichkeiten bezogen haben. Für DWIH-Direktor Dr. Bertram Heinze, der zum Richtfest des Gebäudes im Mai auch Bundespräsident Christian Wulff zu Gast hatte, ist das nur ein logischer Schritt, denn „die Nachfrage deutscher Hochschulen und Forschungseinrichtungen nach Kontakten zu Universitäten und Unternehmen in Brasilien hat stark zugenommen“.

„Die Etats wurden aufgestockt, neue Unis in der Provinz gegründet."

Dass Brasilien, immerhin fünftgrößtes Land der Erde, erst jetzt in den Fokus der deutschen Wissenschaft rückt, wundert den Leiter der DAAD-Außenstelle in Rio de Janeiro Christian Müller etwas. „Deutsche Hochschulen haben sich lange Zeit nur sehr verhalten um Brasilien gekümmert, dabei hat das Land enorm aufgeholt“, sagt er. In der Tat konnte Brasilien, das zusammen mit Russland, Indien und China Teil der weltweit am stärksten wachsenden Schwellenländer ist, mit ökonomischen Superlativen aufwarten: Niedrigste Arbeitslosenzahlen aller Zeiten, Rekordhoch bei den Exporten und ein jährliches Bruttoeinkommen pro Einwohner von knapp 7000 Euro. Nicht vernachlässigt habe die Regierung dabei die tertiäre Bildung, lobt Müller. Allein in dem von 2007 bis 2010 laufenden Aktionsplan für Wissenschaft, Technologie und Innovation – übrigens dem ersten in der Geschichte Brasiliens überhaupt – steckte die Regierung mehr als 17,6 Milliarden Euro. Parallel investierte der Staat kräftig in die Universitäten: „Die Etats wurden aufgestockt, neue Unis in der Provinz gegründet und Zweigstellen bereits bestehender Unis im Binnenland aufgebaut“, sagt Müller. Nun zählt das Land neben rund 2000 privaten auch mehr als 240 staatliche Hochschulen. Als Vorzeige-Uni gilt die Universidade de São Paulo (USP), die über ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde Euro verfügt. Die Folgen der Expansion bilden auch Hochschulstatistiken ab: Die Studierendenzahl stieg zwischen 2002 und 2009 von vier auf sechs Millionen, die Zahl der Master-Abschlüsse von 4000 im Jahr 1987 auf mehr als 30000 im Jahr 2007, und rund 11.000 Promovenden verlassen jährlich die Hochschulen.

Seinen Widerhall findet der Aufschwung bei der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland. 312 bilaterale Kooperationen listete der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Ende Mai auf, mit Abstand die meisten in Südamerika und immerhin fast doppelt so vielen wie mit Indien. „Die Zusammenarbeit erstreckt sich über die unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen“, sagt Iris Danowski, bei der HRK für Lateinamerika zuständige Referatsleiterin. Ob Geo-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften, Raumfahrt oder Informatik – die Aufmerksamkeit deutscher Hochschulbosse scheint geweckt: „Brasilien wird von vielen Hochschulleitungen als neues Feld im wissenschaftlichen Kooperationsgeschäft gesehen“, betont der Münchener TU-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Herrmann.

Große gesellschaftliche Offenheit

Als weiterer Meilenstein gilt auch das erste deutsch-brasilianische Graduiertenkolleg der DFG. Physiker, Mathematiker, Biologen, Klimatologen und Geografen der Berliner Humboldt-Universität, der USP und des Nationalen Instituts für Weltraumforschung in São José dos Campos wollen ab Oktober komplexe Netzwerke erforschen. Rund drei Millionen Euro lässt sich das die DFG in den nächsten viereinhalb Jahre kosten.

Das Interesse der deutschen Hochschulen stößt in Brasilien auf Resonanz: „Deutsche Technologien und Universitäten haben hier ein großes Ansehen“, sagt Dr. Dietrich Halm, der in São Paulo das DFG-Büro leitet. Bedarf an Kooperationen sieht er vor allem in den Bereichen, in denen Brasilien sich schon einen guten Ruf in der Forscherszene erarbeitet hat. Die Produktionstechnik, die Energie- und Nachhaltigkeitsforschung gehören dazu ebenso dazu wie Bereiche der Life Sciences oder die Agrarforschung. Aber auch in Disziplinen wie der Physik oder tropischen Medizin wollen sich brasilianische Unis im internationalen Wettbewerb profilieren. Weil dabei anwendungsorientierte Technologien wichtig sind, mischen auch deutsche Fachhochschulen (FHs) mit. So hat sich beispielsweise das Hochschulkonsortium UAS 7, dem sieben deutsche FHs angehören, einen Platz im Wissenschaftshaus in São Paulo reservieren lassen. Prof. Dr. Bernd Reissert, Sprecher des Konsortiums und Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, führt als einen der Gründe dafür auch „die größere gesellschaftliche Offenheit im Vergleich zu manchen anderen Schwellenländern“ an.

Trotzdem ist die Zusammenarbeit mit Brasilien kein Selbstläufer. Zum einen sind die Deutschen nicht die einzigen, die auf Partnersuche sind. Auch die USA, Großbritannien und Frankreich buhlen intensiv um die Gunst der Forscher am Zuckerhut. Zum anderen ist mit dem Aufschwung vor allem an den renommierten Universitäten und guten katholischen Hochschulen auch das Selbstbewusstsein gestiegen: „Die brasilianischen Unis schauen jetzt schon sehr genau hin, mit wem sie kooperieren“, sagt Müller. Hinzu können organisatorische Hürden kommen. Mehrere Unis haben durchaus noch Nachholbedarf in Sachen Internationalisierung. „Die Strukturen in Universitätsverwaltungen und bei Forschungseinrichtungen sind oft noch nicht genügend auf internationale Kooperationsprojekte ausgerichtet“, sagt Brasilien-Experte Halm.

"Es gibt es bürokratische Hürden, die einem langwierig vorkommen können."

Das offenbart grundsätzliche Managementprobleme in den Hochschulverwaltungen. So attestierten Bildungsforscher der brasilianischen University of Campinas den Hochschulen im US-Fachblatt International Higher Education „Stümperhaftigkeit“ in der Finanzplanung oder bei Entscheidungsprozessen. Nicht unterschätzt werden sollten zudem die kulturellen Unterschiede im Vergleich zu Deutschland: „Auch wenn das Image Brasiliens eher mit Lockerheit in Verbindung gebracht wird, gibt es bürokratische Prozeduren, die einem langwierig vorkommen können, bevor es dann doch zu einer Lösung kommt“, sagt Käppler, der in den 90er-Jahren für mehrere Jahre in Brasilien geforscht hat und mit einer Brasilianerin verheiratet ist.

Ein Ende des Brasilien-Trends ist aber nicht abzusehen. „Brasilien wird als aufstrebendes Land in Zukunft noch für sehr viel mehr Unis in Deutschland und Europa interessant werden“, prophezeit Prof. Dr. Ursula Nelles, Rektorin der Uni Münster, die als brasilienaktivste deutsche Hochschule gilt. Das sieht Käppler genauso, auch weil „die Regierung die Internationalisierung von Forschung und Lehre weiterhin vorantreiben wird“. Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff verkündete Mitte Juni ein neues Regierungsprogramm, mit dem bis Ende 2014 insgesamt 75.000 Brasilianer in den Genuss eines Auslandsstipendiums kommen sollen – fünfmal mehr als bislang. 10 000 Stipendiaten sollen nach Deutschland kommen. Und auch das im Frühjahr zu Ende gegangene deutsch-brasilianische Wissenschaftsjahr, in dem das Bundesforschungsministerium rund 100 Projekte und Veranstaltungen förderte, dürfte die Partnerschaft gefestigt haben. „Das Jahr war Gold wert, weil es den Forschungsstandort Brasilien sichtbar gemacht hat“, sagt Heinze. Um die vielen Kooperationsideen umzusetzen, muss jetzt nur der von Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan und ihrem Amtskollegen Dr. Aloízio Mercadante Oliva angekündigte gemeinsam finanzierte „Deutsch-Brasilianische Förderfonds“ eingerichtet werden. Institute, Hochschulen und Unternehmen beider Länder sollen daraus Projektgelder schöpfen und damit die wissenschaftlichen Kooperationen ausbauen können.

Prof. Dr. Adnei Melges de Andrade

„Uns fehlen die Dolmetscher“

São Paulo Prof. Dr. Adnei Melges de Andrade ist der für internationale Beziehungen zuständige Vize-Rektor der Universidade de São Paulo (USP). 

duz: Wie bedeutend sind deutsche Hochschulen als Kooperationspartner für Brasilien?

Melges de Andrade: Sie spielen für die Universidade de São Paulo und für die anderen Hochschulen Brasiliens allgemein eine sehr wichtige Rolle. Die USP beispielsweise arbeitet mit mehr als 40 deutschen Partnern zusammen, etwa mit der Technischen Universität (TU) Darmstadt, der Universität Stuttgart, der TU Berlin oder dem Karlsruher Institut für Technologie. Wir haben nur gute Erfahrungen mit deutschen Universitäten gemacht, deshalb gelten sie bei uns als privilegierte Partner.

duz: Warum ist das Interesse an Deutschland so hoch?

Melges de Andrade: Natürlich ist die hohe Qualität der deutschen Hochschulen und ihrer Studenten ein großer Pluspunkt. In Brasilien gibt es aber auch zahlreiche deutsche Unternehmen, alleine im Raum São Paulo sind 1200 Firmen ansässig. Diese finanzieren Laboreinrichtungen an den Unis und Stipendien. Deshalb zeigen die Studenten allgemein ein großes Interesse an Deutschland. Zudem sind die Gebühren für ein Studium an deutschen Hochschulen im Unterschied zu britischen, australischen oder US-Unis eher symbolischer Natur, das erleichtert die Kooperation.

duz: Trotzdem kooperieren Vorzeige-Universitäten wie die USP nicht mit jeder Hochschule?

Melges de Andrade: Nein, natürlich nicht. Die USP beispielsweise ist in den weltweiten Rankings gut platziert und achtet darauf, nur mit jenen Einrichtungen zusammenzuarbeiten, die eine ähnlich hohe Qualität in Forschung und Lehre haben.

duz: In welchen Disziplinen hapert es in der deutsch-brasilianischen Zusammenarbeit?

Melges de Andrade: In den Literatur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften ist es uns in jedem Fall sehr daran gelegen, die Kooperationen auszubauen. Woran es noch fehlt, sind intensivere Kontakte in den Sprac- und den Übersetzungswissenschaften. Uns fehlen die Dolmetscher.

duz: Welche konkreten Verbesserungen sind im bilateralen Austausch noch notwendig?

Melges de Andrade: Im Prinzip haben deutsche Unis ein gutes Wissen über unser Land. Eine Barriere ist aber oft die Sprache. Viele unserer Studierenden können nicht Deutsch und müssen die Sprache erst lernen, wenn sie in Deutschland studieren möchten. Das gilt andersrum aber genauso. Deshalb fangen wir jetzt an der USP an, Portugiesisch-Kurse im Fernstudium anzubieten. Damit können sich deutsche Studierende und Forscher besser auf einen Aufenthalt bei uns vorbereiten. Ausbauen müssen wir noch den Austausch von Professoren. An der USP haben wir etwa ein Programm aufgelegt, mit dem wir deutschen Professoren einen Aufenthalt bei uns finanzieren können. 

duz: Was ist das Ziel dieser neuen Initiative?

Melges de Andrade: Das ist eine Art Schnupperkurs, damit die Professoren Forschung und Lehre bei uns mal in der Praxis kennenlernen. Mit den Eindrücken können sie dann an der Heimatuni Studierende für einen Aufenthalt in Brasilien begeistern. Ein ähnliches Programm auf deutscher Seite wäre auch eine gute Idee.

duz: Hat Deutschland auf dem brasilianischen Hochschulmarkt gegenüber den USA aufgeholt?

Melges de Andrade: In der Tat bevorzugen Forscher und Studierende in jüngster Vergangenheit mehr und mehr die Kooperation mit Europa, also vor allem mit Deutschland, Frankreich und Spanien. Das liegt daran, dass die USA seit den Attentaten im Jahr 2001 die Visaregelungen verschärft haben.

Das Interview führte Benjamin Haerdle.

Kontakte und weiterführende Informationen

Kontakte und weiterführende Informationen

Das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) in São Paulo soll eine Plattform für den Austausch von Forschern und Ideen zwischen Deutschland und Brasilien sein. Auf der Website www.dwih.com.br ist eine interaktive Forschungslandkarte mit aktuellen Kooperationen zu finden.

Das Büro der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in São Paulo leitet Dr. Dietrich Halm. Kontakt per Email: Dietrich.Halm@dfg.de

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat seine Außenstelle in Rio de Janeiro. Mehr Infos unter: http://rio.daad.de

Das internationale Büro des Bundesforschungsministeriums bietet Infos zur Forschungslandschaft Brasiliens unter www.kooperation-international.de

Eine Übersicht über Kooperationen deutscher Hochschulen ist zu finden unter www.hochschulkompass.de. Ansprechpartnerin ist in der Hochschulrektorenkonferenz die Referatsleiterin für Lateinamerika Iris Danowski. Mail: danowski@hrk.de u

Mehr als 30 Forschungsinstitute kooperieren im Forschungsverbund Bragecrim (Brazilian German Collaborative Research Initiative in Manufacturing Technology). Sie wollen nachhaltige und innovative Produktionstechnologien entwickeln. Ansprechpartner ist Prof. Dr. Tilo Pfeifer. Mail: T.Pfeifer@wzl.rwth-aachen.de

Kontakte zur Wirtschaft bieten die drei Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammern in São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Allegre, die mehr als 1200 Firmen und Institutionen als Mitglieder haben. Mehr Infos unter
www.ahkbrasil.com/deutsche

Auskunft zur Qualität des Master- oder Promotionsstudiums an brasilianischen Hochschulen liefert die staatliche Evaluierungsagentur Capes auf der portugiesischsprachigen Website www.capes.gov.br

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