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Ein Lernparadies mit hohem Preis

Als Studentin in Deutschland fand sie den Frontalunterricht ihrer Professoren einfallslos. Doch seitdem Gaby Mahlberg als Dozentin in England unterrichtet, kann sie sie verstehen.Gute Seminare machen viel Arbeit. Und wegen der Studiengebühren werden die britische Studierenden immer anspruchsvoller.

 

Ein enges Verhältnis zwischen Forschung und Lehre ist gut. Entscheidend ist aber die Balance zwischen beidem. Als Studentin in Deutschland schien es mir, dass die Lehre für die Professoren notwendiges Übel war. Das britische Hochschulsystem war für mich ein Lernparadies. Und ich bin sicher, dass es auch ausschlaggebend für meine Entscheidung war, später selbst in Forschung und Lehre arbeiten zu wollen. Das wäre mir in Deutschland nie in den Sinn gekommen.

Zwar ist der Job oft stressig. Aber die Vorteile überwiegen. Als relativ junge Mitarbeiterin im akademischen Betrieb habe ich eine Festanstellung, kann unabhängig forschen, Projekte und Doktoranden betreuen und habe Ressourcen zur Verfügung, von denen viele meiner Kollegen in Deutschland nur träumen können.

Rückblick an eine deutsche Uni

Erinnere ich mich an meine Studienzeit in Bonn, sehe ich gestrenge Herren Professoren vor mir – es waren fast immer Herren, im Anzug und nahe an der Pensionsgrenze. Einen Sitzplatz im Vorlesungssaal zu bekommen, war schwierig, ganz zu schweigen von einem Platz im meistbegehrten Seminar oder gar einem Termin in der Sprechstunde.

Dabei waren die Vorlesungen nicht immer so spannend, wie die Größe des Publikums hätte vermuten lassen. Brachte mal einer der Professoren eine historische Landkarte mit, um die Grenzen des Fränkischen Reiches zu zeigen, war dies ein visuelles Highlight. Das Vorlegen einer Bevölkerungsstatistik per Overhead-Projektor wäre einer Revolution gleichgekommen. Wir gingen trotzdem hin, weil der Inhalt prüfungsrelevant war und wir Respekt vor den benoteten Vorlesungsgesprächen hatten. Seminare bestanden nicht selten darin, dass einer der Studierenden einen Vortrag hielt, der anschließend von der Gruppe diskutiert wurde. Der Lehrende beschränkte sich derweil in erster Linie darauf, die Diskussion zu moderieren und hinterher eine Note zu vergeben.
Oft waren es die studentischen Tutoren, die uns in kleinen Gruppen beibrachten, wie man Hausarbeiten richtig schreibt und Material dafür findet. Ein persönliches Gespräch mit einem meiner Dozenten oder gar Professoren hätte ich damals kaum erwartet.

Verantwortlich für diesen minimalistischen Lehransatz war nicht zuletzt die finanzielle Unterversorgung der deutschen Universitäten. Dagegen protestierten wir beim Studentenstreik 1997. Wer erfolgreich studieren wollte, musste eben sehen, wie er oder sie alleine zurecht kam.

Lernparadies England

Als ich für ein Auslandssemester nach Großbritannien ging, war plötzlich alles anders. Meine Dozenten (und Dozentinnen!) an der University of East Anglia in Norwich waren jung, freundlich und zugänglich. Und vor allem hatten sie eines: Zeit für mich. Die Seminargruppen waren klein, der Umgang zwischen Dozenten und Studierenden locker, und man sprach sich gegenseitig mit Vornamen an.

Zu meiner großen Überraschung verlangte mein Geschichtsdozent gar von mir, dass ich in seine Sprechstunde komme. Ich sollte meine Argumente und meine Struktur mit ihm diskutieren, bevor ich anfange, mein Essay zu schreiben. Das kannte ich nicht. Und statt meine Bibliografie selbst zusammentragen zu müssen, bekam ich eine ausgiebige Leseliste mit in der Uni-Bibliothek vorhandenen Büchern und Zeitschriftenartikeln. Außerdem hatte ich einen Vertrauensdozenten, der sich für mein akademisches Fortkommen interessierte. Dieser half mir zunächst, mein Auslandsstudium um ein weiteres Semester zu verlängern und letztlich dort zu beenden. Dann entschied ich mich, mit Hilfe verschiedener Stipendien in Großbritannien meine Doktorarbeit zu schreiben. Mit 28 Jahren hatte ich – dank exzellenter Betreuung – meine Promotion in der Tasche. Das war, noch bevor viele meiner Kommilitonen in Deutschland überhaupt erst an ihren Magisterabschluss dachten.

Servicekraft für die Studenten

Jetzt, wo ich selbst als Dozentin an einer britischen Universität arbeite, sehe ich aber auch die andere Seite der Medaille. Die intensive Betreuung der Studierenden bedeutet für mich, dass ich einen Großteil meiner Arbeitszeit auf die Lehre verwende. Manchmal unterrichte ich acht bis zehn Stunden in der Woche. Darin ist die Vorbereitungszeit noch nicht eingerechnet.

Und seit die meisten englischen Universitäten Studiengebühren von knapp 11.000 Euro pro akademischem Jahr verlangen, sind die Ansprüche an das Lehrpersonal erheblich gestiegen. Denn die Studierenden sind Kunden. Und der Kunde ist immer König. Während meine Professoren in Deutschland gerne mal ihre gesamte Vorlesung von einem Skript abgelesen haben, ist es meine Rolle, die Studierenden zu unterhalten. Ohne Power-Point-Präsentation mit ausreichend Bildmaterial geht gar nichts. Wenn nicht, gibt es bei der gefürchteten Evaluierung am Semesterende schlechte Noten – und zwar für mich.

Auch im Seminar muss ich für ein abwechslungsreiches Programm sorgen. In einem Seminarhandbuch stelle ich das Semesterprogramm dar, gebe für jede Woche Lesestoff an und stelle die wichtigsten Texte digital auf dem E-Learning-Portal zur Verfügung. Was nicht online abrufbar ist, lesen die meisten Studenten erst gar nicht. Im Unterricht selbst experimentiere ich mit verschiedenen Aktivitäten vom Gruppenprojekt bis zum studentischen Blog. Noten für Präsentationen und mündliche Beteiligung gibt es nicht. Und selbst einen Studenten, der wiederholt nur durch seine Abwesenheit glänzt, darf ich nicht aus dem Seminar werfen. Diejenigen, die wegen ungenügender Leistungen am Jahresende durchfallen, dürfen ihre Prüfungen im Sommer noch einmal wiederholen. Der leichte Zugang zum Lehrpersonal bedeutet für mich aber auch, dass meine Sprechstunde de facto nur auf einem Zettel existiert. Meine Tür ist fast immer offen.

Dennoch frage ich mich oft, ob soviel Betreuung überhaupt gut für die Studierenden ist. Das sogenannte „spoon feeding“, bei dem wir ihnen die Informationen mundgerecht verabreichen, trägt auch dazu bei, die Studierenden zu verwöhnen und ihre Eigeninitiative einzudämmen. Schließlich geht es im Studium doch auch darum, selbstständig zu werden.

Bei alledem muss ich als Lehrende auch immer darauf achten, dass meine Forschung nicht zu kurz kommt. Alle fünf bis sechs Jahre evaluiert die britische Regierung im Rahmen des Research Excellence Framework die Produktivität des akademischen Personals. Jeder aktive Forscher muss seine Publikationen zur Begutachtung vorlegen. Aufgrund der Qualität der eingereichten Bücher, Kapitel, Editionen und Artikel bekommt die Universität dann Forschungsmittel zugeteilt.

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