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"Die Anbindung spielt eine zentrale Rolle"

Einst stand am Berliner Hauptbahnhof ein ICE mit dem Ziel Trier. Heute hat die Stadt inmitten des Dreiländerecks Deutschland, Frankreich, Luxemburg keinen Fernbahnanschluss mehr. Für den Unipräsidenten macht das die Internationalisierungsbestrebungen nicht gerade leichter.

duz: Herr Jäckel, Trier liegt im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Luxemburg. Ist es nicht schön, Präsident einer Universität im Herzen Europas zu sein?

Jäckel: Ja, klar, Trier hat mit seiner Geschichte und seiner Landschaft eine Vielzahl von Reizen anzubieten: die Stadt selbst, die Eifel, der Hunsrück, die Mosel, unsere Nachbarn, alles in Reichweite. Die Lebensqualität ist hoch.

„Früher stand am Berliner Hauptbahnhof ein ICE mit dem Ziel Trier.“

duz: Und trotzdem sehen Sie auch Standortnachteile. Die europäische Kernregion Trier sei vom europäischen Schnellbahnnetz abgehängt, schrieben Sie voriges Jahr an den Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer.

Jäckel: Das ist leider so. Früher setzte die Bahn wesentlich mehr IC-Züge ein, die nach Saarbrücken und nach Koblenz fuhren. Dort hat man dann wieder Anschluss an den Hauptverkehrsstrom. Es gab sogar einen ICE, mit dem man morgens nach Berlin und – wenn man den Ehrgeiz hatte – nachmittags zurückfahren konnte. Diese Verbindung gibt es nicht mehr. Mittlerweile gibt es nach Saarbücken und Koblenz fast nur noch Regionalzüge, die am Nachmittag oft verschmutzt sind. Das ist nicht komfortabel und nicht ideal zum Arbeiten, egal ob für Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter oder Studierende.

duz: Und es kratzt am Stolz einer Universität.

Jäckel: Es ist zumindest kein Anlass zur Freude. Früher stand am Berliner Hauptbahnhof ein ICE mit dem Ziel Trier. Da hatte man ein gutes Gefühl. Der Universität Heidelberg geht es beispielsweise besser, am Heidelberger Bahnhof hält der eine oder andere ICE und die Stadt hat nur 40 000 Einwohner mehr als Trier.

duz: Haben Sie von Herrn Ramsauer Antwort erhalten?

Jäckel: Ja, es gab einen Antwortbrief. Der hat uns aber auch nicht weitergeholfen.

duz: Haben Ihnen denn bereits Professoren wegen der schlechten Verkehrsanbindung abgesagt?

Jäckel: So explizit sagt das natürlich niemand. Aber es ist ein Aspekt, der bei Berufungsgesprächen eine Rolle spielen kann. Es gab einen konkreten Fall einer Wissenschaftlerin, die oft nach Brüssel reisen muss­te. Hier spielte die Frage der Fernverkehrsanbindung eine zentrale Rolle. Sie entschied sich nicht für Trier, sondern für eine andere Universität. Nach meinem Gefühl hat die schlechte Verkehrsanbindung die Absage mitbewirkt.

„Wir müssen bei Beginn und Ende der Veranstaltung die Anbindung ans Bahnnetz berücksichtigen.“

duz: Wo macht sich das noch bemerkbar?

Jäckel: Wenn die Universität zu einer Tagung lädt, müssen wir bei Beginn und Ende der Veranstaltung die Anbindung ans Bahnnetz berücksichtigen. Wenn die Teilnehmer nach Tagungsende am selben Tag noch abreisen wollen, brauchen sie von Trier aus länger, als wenn sie von der Universität Köln aus den Flieger oder den Zug erreichen wollen. Das müssen wir etwa bei internationalen Gästen einkalkulieren.

duz: Bremst die abgeschiedene Lage der Stadt Trier die Universität in den Bemühungen, Studierende anzulocken?

Jäckel: Man kann es natürlich nicht ausschließen, dass das junge Menschen bei der Studienwahl beeinflusst. Wenn jemand aus Dortmund einen Studienplatz im Numerus-clausus-Fach Psychologie für Münster und Trier bekommt, dann kann die Bahnanbindung bei der Entscheidung schon eine Rolle spielen.

duz: Wie sehr hemmt die Abgeschiedenheit der Universität Trier, sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten?

Jäckel: Das hemmt uns eher nicht. In Sachen Internationalisierung ist der regionale Standort nicht so entscheidend. Ein Gastwissenschaftler, der beispielsweise aus den USA kommt, hat einen Transatlantikflug hinter sich. Bei einer Reise, die fast den ganzen Tag lang dauert, ist nicht der entscheidende Punkt, ob der wegen eines Regionalzugs noch eine halbe Stunde länger im Zug ist. Unser Motto lautet aber vielmehr: Wer in der Region gut verwurzelt ist, ist in der Welt zu Hause.

duz: Wie gut verwurzelt ist denn die Uni Trier in der Region?

Jäckel: Wir sind zum Beispiel Teil der Universität der Großregion. Das ist ein Universitätsverbund, an dem sechs Universitäten aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg teilnehmen, die räumlich beieinanderliegen. Wir wollen ab 2014 gemeinsame Studienprogramme sowie Kurse für Graduierte anbieten, Dozenten austauschen und die grenzüberschreitende Forschungskooperation ausbauen.

duz: Klappt das so einfach?

Jäckel: Einfach war gestern. Es tauchen immer wieder Hindernisse auf, etwa in welcher Sprache wir die gemeinsamen Kurse anbieten. Nicht jeder Student in der Region spricht so gut Französisch, wie man das aufgrund der geografischen Lage denken könnte. Auch Deutsch ist schwierig. Das können Sie etwa in Luxemburg oder im deutschsprachigen Teil Belgiens voraussetzen, aber nicht in Frankreich. Und gegen Englisch gibt es auf französischer Seite gelegentlich Vorbehalte.

duz: Sie müssen in den nächsten Jahren in Ihrem Haushalt ordentlich sparen. Wie finanzieren Sie denn den Trierer Anteil an der grenzüberschreitenden Universität?

Jäckel: Momentan müssen wir Extra-Ausgaben wie diese leider weitestgehend über Projektfinanzierung stemmen. Über die Grundausstattung könnten wir das nicht finanzieren, da wäre dann nur eine sehr eingeschränkte Förderung möglich. Bei der Universität der Großregion müssen wir beispielsweise Geld beisteuern, um einen Direktor und weiteres Personal für eine Geschäftsstelle einzurichten. Wenn wir das nicht über Projektmittel finanzieren können, würden diese Ausgaben das Gesamtbudget belasten.

duz: Das wollen Sie vermeiden.

Jäckel: Ja, denn das Geld müssen Sie dann ja anderswo einsparen. Es könnte beispielsweise bedeuten, dass wir bei Wiederbesetzungen von Stellen in den Fachbereichen länger warten müssen. Das ist die Situation, vor der wir, aber auch andere mittelgroße Universitäten stehen. Aber jetzt nur den Mangel zu verwalten, daran hat niemand Interesse. Stattdessen muss man eher manches Wagnis eingehen, sonst ist man irgendwann nicht mehr interessant genug, auch als internationaler Partner.

duz: Wie kann man strategisch vorgehen, um international beachtet zu werden?

Jäckel: Internationalisierung findet auf vielen Ebenen statt. Manche dieser Ebenen sind derzeit für uns nicht erreichbar, aber auch nicht im Fokus unseres Interesses. Wir beschäftigen uns beispielsweise nicht mit der Frage, ob wir eine Zweigstelle in New York einrichten sollen. Aber wir müssen uns auch gezielt profilieren. Wir haben beispielsweise einen sehr guten Ferienkurs, der in diesem Sommer zum 41. Mal stattfand. 107 Studierende aus fast 30 Nationen nahmen dieses Jahr daran teil. Wenn das gut funktioniert, ist das ein nicht zu unterschätzender Werbefaktor. Zudem machen wir seit vielen Jahren eine Sommer-Schule mit der Georgetown Universität in Washington. Das sind gute Projekte, die auch als Hebel für weitere Partnerschaften dienen können.

duz: Reicht das aus?

Jäckel: Wir versuchen verstärkt internationale Studierende zu locken. Zum Beispiel sind wir dabei, die Anzahl englischsprachiger Studiengänge, etwa in den Geo- und den Wirtschaftswissenschaften, zu erhöhen. Wir wollen zudem internationale Partnerschaften, die in der Vergangenheit gut funktionierten, noch stärker pflegen, beispielsweise mehr Dozenten austauschen. Auch bauen wir neue Beziehungen zu den Staatsuniversitäten in St. Petersburg und Moskau auf. Und wir nehmen teil am Audit „Internationalisierung der Hochschulen“ der Hochschulrektorenkonferenz. Wir stellen uns also gerade selbst auf den Prüfstand.

duz: Würden Sie in Sachen Internationalisierung nicht auch mal gerne am großen Rad drehen?

Jäckel: Ja klar, aber als mittelgroße Uni muss man Schwerpunkte setzen, da kann man nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

Prof. Dr. Michael Jäckel

Michael Jäckel

1959 in Oberwesel geboren, ist Jäckel seit September 2011 Präsident der Universität Trier mit rund 15 000 Studierenden. Zuvor war der Soziologieprofessor seit 2003 als Vizepräsident der Uni zuständig für Haushalts-, Bibliotheks- und EDV-Angelegenheiten. Jäckel ist seit diesem Jahr Mitglied der Arbeitsgruppe „Neue Medien und Wissenstransfer“ der Hochschulrektorenkonferenz.

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