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Kroatiens Forscher brauchen Geld aus Brüssel

Zagreb Kroatien gehört seit Juli zur EU. Das kleine Land, mit einem sinkenden Wirtschaftswachstum und einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent, gilt als neues Sorgenkind Europas. Der Wissenschaftsminister muss sparen und hofft auf Europas Hilfe.

Immerhin freute sich ein österreichisches Bundesland: „Das Burgenland begrüßt Kroatien.“ Helmut Bieler, als Landrat für Wissenschaft zuständig, erklärte: „Kroatien ist der wichtigste Partner des Burgenlandes.“ Das kleinste und östlichste österreichische Bundesland hofft auf bessere Vernetzung der einzigen Hochschule, die es in der Hauptstadt Eisenstadt hat.

Dieser Wunsch beschränkt sich nicht auf eine kleine Region. Die gesamte Donauregion zu stärken, ist ein übergreifendes EU-Projekt, zu dem insgesamt 14 Länder gehören, auch Kroatien und Deutschland. Vor zwei Jahren beschloss die EU eine entsprechende Strategie. Ziel ist, über einen Forschungs- und Innovationsfonds Geld in Kooperationen zwischen den Ländern zu stecken: www.danube-region.eu

Kroatiens Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen starten jedoch nicht als Anfänger auf internationalem Kontakt. Seit 2008 nehmen sie an Forschungsförderungsprogrammen der EU teil, besonders im Bereich der Biomedizintechnik. Seit 2009 ist Kroatien Partner der Erasmus-Austauschprogramme. Die größte Universität des Landes in Zagreb hat über 10.000 Wissenschaftler für einzelne Projekte ins Ausland schicken können. Umgekehrt konnten rund 1800 ausländische Wissenschaftler nach Zagreb kommen. Gleichzeitig gingen rund 3000 Studenten ins Ausland und rund 1100 kamen in Kroatiens Hauptstadt. Besonders attraktiv ist der englischsprachige Studiengang Medizin. „Wir haben weltweit fast 300 bilaterale Abkommen mit anderen Hochschulen“, sagt Prof. Dr. Aleksa Bjeliš, Rektor der Uni Zagreb. Kroatiens Unis haben Austauschprogramme mit Hochschulen in Kanada, USA, Mexiko, Taiwan, Chile und Japan.

Das klingt, als sei das Bildungssystem bereits voll kompatibel zur EU. Doch die Reformen sind noch in vollem Gang. Die wichtigste Neuerung der letzten Jahre war der Umbau der Studiengänge in Bachelor- und Master-Abschlüsse. Noch gibt es – ähnlich wie in Deutschland – Studiengänge, die nicht angepasst wurden. Dazu gehören Jura und Medizin.

Vorerst gelöst scheint das Problem mit der Korruption zu sein. Erst die sogenannte „Aktion Index“ der kroatischen Antikorruptionsbehörde USKOK sorgte dafür, dass sich Fälle wie der aus dem Jahr 2008 bislang nicht wiederholten. Damals wurden 19 wissenschaftliche Mitarbeiter, Professoren und Studierende verurteilt, weil sie für Prüfungsleistungen und Einschreibungen in zulassungsbeschränkten Fächern Bestechungsgelder bezahlt oder angenommen hatten.

Problematisch bleiben indessen die Hochschul- und Fakultätsstrukturen. Das kroatische Hochschulwesen ist zu stark fragmentiert, weil die Fakultäten sehr autonom sind. Dadurch ist eine strategische Ausrichtung von Hochschulen kaum denkbar, Studiengänge sind von Uni zu Uni sehr unterschiedlich und Abschlüsse oder Leistungen nur schlecht vergleichbar. Das erzeuge wiederum eine geringe Mobilität innerhalb der Studienfachkombination, moniert Saša Zelenika, und müsse unbedingt geändert werden. Er ist der stellvertretende Wissenschaftsminister des Landes. Künftig werde es für alle Hochschulen gültige Curricula geben, sodass die Studienangebote vergleichbarer und damit für die Studenten flexibler wählbar sind. Studenten sollen mit Blick auf ihre berufliche Zukunft ihre Fächer selbst kombinieren können.

An den Hochschulen als Wissenschaftler zu arbeiten, ist für westliche Ausländer kaum attraktiv. Die Gehälter von Professoren und Dozenten liegen zurzeit zwischen 1000 und 1500 Euro netto. Den Hochschulen fehlt Lehrpersonal. Die Abwanderung der Nachwuchsforscher ist kaum aufzuhalten. Zudem plant die Regierung auch noch eine Kürzung der Bildungsausgaben um drei Prozent. Saša Zelenika hofft auf europäische Subventionen. Rechnen kann er für die nächsten drei Jahre mit rund 90 Millionen aus EU-Fördertöpfen.

Das Geld fließt in Einrichtungen wie das Ruder Boškovi´c-Forschungsinstitut. Es ist so etwas wie die kroatische Max-Planck-Gesellschaft. In 80 Laboratorien forscht es mit seinen 300 Senior- und 250 Jungwissenschaftlern in experimenteller Physik, Elektronik, Molekularbiologie und hat international einen sehr guten Ruf. Für seine Mitarbeit an dem EU-Projekt „Innomol“ bekam das Institut dieses Jahr fünf Millionen Euro aus Brüssel. Bis Ende August wurden international Top-Forscher für das Projekt gesucht.

Auf europäischer Ebene erfolgreich ist auch das Proteomik-Zentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Rijeka, das im vergangenen Jahr vom Europäischen Forschungsrat 1,8 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Bereich der Biochemie zugesprochen bekam (siehe Interview mit Stipan Jonjic). Eine weitere Einrichtung mit internationalem Renommee ist das Zentrum für europäische Bildung. Die Universitäten Zagreb und Münster starteten es 2010. Hier kommen Spezialisten und Entscheidungsträger aus Europa zusammen, um über die Lehrerausbildung der Zukunft nachzudenken.

Prof. Dr. Stipan Jonjic

Forschen in Kroatien

„Unsere Gehälter sind noch nicht attraktiv“

Prof. Dr. Stipan Jonjic ist Direktor des Proteomik-Zentrums der Universität Rijeka. Er ist der erste kroatische Forscher, der mit einem Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) in Kroatien forscht.

duz: Was hat Kroatien zu bieten?

Jonjic: Kroatien ist ein kleines Land, das seine Infrastruktur für Forschung und Lehre weiter ausbauen muss. Aber wir haben bereits kompetitive Forschungsgruppen, die schon jetzt mit EU-Forschungsgeldern rechnen können. Dazu gehören das Ruder Boškovi´c-Forschungsinstitut und unser Proteomik-Zentrum in Rijeka. Hier sind Forschung und Lehre eng verknüpft. Wir arbeiten vorwiegend mit jungen Forschern.

duz: Was bringt der EU-Beitritt Ihres Landes der Forschung in Kroatien?

Jonjic: Auf dem Gebiet der Mobilität wird uns der EU-Beitritt sicherlich helfen. Dank der EU-Gelder wird es leichter, ausländische Wissenschaftler einzuladen. Das ist wichtig für die Attraktivität der kroatischen Forschungseinrichtungen. Wir konnten bereits über die europäischen Forschungsrahmenprogramme einige Wissenschaftler für eine begrenzte Zeit nach Kroatien holen und hoffen, dass wir sie über das neue Programm „Horizont 2020“ längerfristig halten können. Unsere Gehälter sind noch nicht attraktiv, wir müssen dafür auf europäische Fonds zurückgreifen. Insgesamt bin ich sehr optimistisch. Es stehen Reformen an, die die kroatische Hochschul- und Forschungsstruktur straffen sollen. Von daher wird das, was qualitativ gut ist, in Zukunft auch besser finanziert werden können.

duz: Mit welchen Forschungszentren arbeiten Sie bereits eng zusammen?

Jonjic: Ich stehe seit 30 Jahren mit Prof. Dr. Ulrich Koszinowski vom Genzentrum der Uni München in engem Kontakt. Wir haben daneben Kontakte zu zehn anderen Forschungszentren weltweit.

Jonjic’ Website: www.medri.uniri.hr/~jstipan

Die Fragen stellte A.-Katharina Kálmán.

Fokus Kroatien

Fokus Kroatien

Hochschulen: Kroatien ist seit 1991 unabhängig und hat 4,4 Millionen Einwohner. Es verfügt landesweit über sieben staatliche Universitäten, 19 Fachhochschulen und vier private Hochschulen. Die größte Universität ist die in Zagreb mit 72.480 Studenten. Das ist fast die Hälfte aller Studenten in Kroatien. Die anderen Universitäten befinden sich in Zadar, Rijeka, Split, Osijek, Dubrovnik und Pula. Kroatien gibt 4,4 Prozent seines Bruttoinlandproduktes für Bildung aus.

Forschungseinrichtungen: Zu den besonders anerkannten Forschungszentren gehören das Ruder Boškovi´c-Forschungsinstitut in Zagreb (www.irb.hr), das deutsch-kroatische Zentrum für europäische Bildung (www.lecee.eu), das Proteomik-Zentrum Universität Rijeka und das Institut für Ozeanographie und Fischerei in Split.

Regionale Netzwerke: Rektorenkonferenz der Alpen-Adria-Universitäten: www.alps-adriatic.com; das Netzwerk für Zentral- und Südosteuropa: www.ica-casee.eu

Minister für Wissenschaft

Minister für Wissenschaft

Željko Jovanović‎

Der 48 Jahre alte promovierte Mediziner ist seit 1990 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Seit Ende 2011 ist er Kroatiens Wissenschaftsminister.

Beruflicher Werdegang: Jovanović‎ war im pharmakologischen Bereich tätig, zunächst bei der Firma Hoffmann-La Roche, dann als Manager des kroatischen Pharmakovigilanz-Zentrums und schließlich bei der Schering Plough AG.

Sein Ziel: Die kroatische Forschungslandschaft soll in den nächsten Jahren Teil des von der EU geförderten Netzwerkes Donauregion werden. www.danube-region.eu

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