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Der König der Lehre

Xavier Bihan hat alles, was Professoren groß macht: internationale Erfahrung, Auszeichnungen, Originalität, Führungsstärke. Und trotzdem ist der Romanist an der Humboldt-Universität Berlin nicht über einen Posten als Lehrkraft für besondere Aufgaben hinausgekommen. Was läuft da schief?

Die Studenten von Xavier Bihan bekommen am Ende des Semesters nicht einfach das übliche Zertifikat. Sie bekommen DVDs, Flyer für Filmfeste, manche ein Buchgeschenk und einige Geld aufs Konto. Die angehenden Romanisten übersetzen bei Bihan französische Comicbücher, die im Brockhaus-Verlag erscheinen; sie untertiteln Filme, die auf Festivals laufen. Zuletzt haben sie in seinem Seminar einen Spielfilm übersetzt, der im August bei den französischen Filmtagen in Hamburg lief. „Die Studenten werden bei Festivals wie Könige empfangen“, sagt Bihan.

Eine Marke nach außen

Für die Studierenden wiederum ist er der König. Der König der Lehre. Mehrmals wurde der gebürtige Franzose für seine didaktischen Leistungen ausgezeichnet. In diesem Jahr war der Linguist für den Humboldt-Preis für gute Lehre nominiert. Sein Erfolgsrezept: Jede Theorie wird praktisch erprobt. Im Unterricht stellt er einen direkten Bezug zum Alltag und zur Berufswelt her. „Die Zwänge in der Wirtschaft sind nicht nachzuvollziehen, wenn man sie nicht live erlebt“, sagt Bihan. Das heißt: Wenn der ehemalige Übersetzer und Dolmetscher doch noch Aufträge bekommt, leitet er sie direkt an die Studenten weiter. Üblich sei das nicht bei allen seinen Kollegen. Und die Konfrontation mit der Realität außerhalb der Hochschule ebensowenig. „An der Uni“, sagt er, „ist das zwar nicht überlebenswichtig. Wenn man sich aber Sorgen um die Zukunft der Studenten macht, dann schon.“

Der Franzose mit dem hochgesteckten Zopf und der schwarzen Schleife im Haar gehört mit seiner Lehre und seinen internationalen Forschungsprojekten zu E-Learning und virtuellen Sprachentools zu der Sorte von Dozenen, mit denen sich Hochschulchefs gern brüsten. HU-Präsident Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz schreibt Bihan persönliche Briefe, um ihn zur Teilnahme an der Langen Nacht der Wissenschaften einzuspannen. Denn Olbertz weiß, Bihan kommt da draußen an. Auch und gerade bei Schülern. Auf Anregung des Präsidiums hat Bihan die romanistische Schülergesellschaft der Uni gegründet. In einem Film für den Exzellenzwettbewerb wird Bihan vorgestellt. Und doch: So hoch die Uni den Dozenten nach außen vor sich herträgt, so niedrig ist die Position, die sie ihm in der universitären Hierarchie bis heute gewährt.

Seit mehr als 20 Jahren ist Bihan „Lehrkraft für besondere Aufgaben“. Einen schriftlichen Vertrag hat er bis heute nicht. In den Raumverteilungsplänen sind die Professoren rot markiert, seine Räume sind braun. Eine Sekretärin hat er nicht, seine zahlreichen auch internationalen Projekte stemmt er selbst, finanziert sie bisweilen gar aus eigener Tasche. Von den Drittmitteltöpfen, aus denen Professoren schöpfen, ist er abgeschnitten. Bihans Makel: Er hat keinen Doktortitel. „Ich bin ganz unten“, sagt der 48-jährige – mit Schalk in Stimme und Augen.
Der König im Hörsaal, ein Paria im Wissenschaftsbetrieb. „Ich bin hier für die Studenten, der Rest ist mir egal“, sagt er. Doch so ganz stimmt das nicht. Es frustriere ihn schon, dass er im Mittelbau keine Karriereaussichten habe. Das hat weniger mit Bihan zu tun als mit dem starren Laufbahnsystem der deutschen Wissenschaft. „Es gibt keine Schublade für mich“, sagt er.

Nach innen ein Niemand

Es war die Wiedervereinigung, die Bihan aus der Bahn warf. Mit der Abwicklung des DDR-Studiengangs Dolmetschen und Übersetzen wurde auch den meisten Mitarbeitern der Romanistik Anfang der 1990er-Jahre gekündigt. Bihan hatte damals, 1992, gerade mit seiner Doktorarbeit begonnen. Auch er musste gehen, prozessierte dagegen und gewann. Zwei Jahre dauerte es, bis er Recht bekam. An die Fertigstellung der Doktorarbeit war da nicht mehr zu denken. „Es gab zu viel zu tun, die Studiengänge und die Lehre mussten neu strukturiert werden“, sagt er. Bis vor fünf Jahren befand er sich im sogenannten „personellen Überhang“ der Universität, bangte „jeden Tag“ – und ist doch geblieben. Er hing an den Studenten, hing an Berlin. „Die Geschichtsbücher hat man hier geschrieben“, sagt er.

Seit den Wendejahren lebt Xavier Bihan in einer 42-Quadratmeter-Wohnung im Ostberliner Stadtteil Pankow, nicht weil er zu wenig verdient, sondern weil ihm die Arbeit wenig Zeit für anderes lässt. Während andere Urlaub machen, sitzt er vor seinem Computer. So auch diesen Sommer. Im Herbst soll die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens erscheinen. Als Comic, aus dem Französischen übersetzt von Bihans Studenten. Die Geschichte geht weiter.

Xavier Bihan

Xavier Bihan

Aufgewachsen im Rhonetal, lebt der 48-jährige Linguist seit 1987 in Berlin. An der Humboldt-Universität ist Xavier Bihan seit 1990 Lehrkraft für besondere Aufgaben. Sein Engagement reicht weit über Berlin hinaus. Bei der EU ist Bihan Experte für Sprache und Multimedia. Internet: www.romanistik.hu-berlin.de

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