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Fragiler Fortschritt

Der Aufstieg von Frauen im Wissenschaftssystem ist erwünscht. Das scheint allgemeiner Konsens zu sein. Doch schaut man genauer hin, zeigt sich: Es gibt nach wie vor vielfältige, vor allem strukturell bedingte Barrieren, die auf den ersten Blick nicht immer gleich sichtbar, dafür aber um so wirkmächtiger sind

„Wie fühlt es sich an, als Frau eine Universität zu leiten?“ – Die Frage, die einer Rektorin bei ihrem Amtsantritt gestellt wurde, wirkt auf den ersten Blick harmlos. Vielleicht sogar interessiert. Doch sie trifft einen Nerv. Denn sie macht deutlich, wie sehr Geschlecht auch heute noch als erklärungsbedürftige Abweichung gilt – gerade dort, wo Macht beginnt.

Diese Irritation ist der Ausgangspunkt für den vorliegenden DUZ-Sonderteil. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Frauen in der Wissenschaft in Spitzenpositionen gelangen – und mit welchen Bedingungen, Umwegen und Widerständen dieser Weg verbunden ist. Mehr noch: Er fragt nach den Strukturen, Logiken und Vorstellungen, die Karrieren (un-)wahrscheinlich machen. Und er analysiert, wie sich diese verändern lassen – für mehr Fairness, mehr Transparenz, mehr Vielfalt.

Im Zentrum steht dabei eine neue Metapher: die „gläserne Treppe“. Sie verweist nicht nur auf Hindernisse und Erwartungen – sondern auch auf die Hoffnung, dass Aufstieg möglich ist, wenn die Stufen sichtbar und begehbar sind. Was das bedeutet, zeigen die Beiträge dieser Ausgabe – in unterschiedlichen Perspektiven, aber mit einem gemeinsamen Ziel: ein gerechteres System der Möglichkeiten zu schaffen.

Neue Metaphern für alte Barrieren

Lange wurde in der Debatte um Gleichstellung in der Wissenschaft auf die „gläserne Decke“ verwiesen – jene unsichtbare, aber harte Grenze, an der Frauen trotz Qualifikation scheitern. Doch dieses Bild reicht nicht mehr aus, um die gegenwärtige Lage zu beschreiben. Wer die gläserne Decke durchbricht, landet nicht automatisch auf sicherem Boden. Vielmehr geraten Frauen häufig auf das sogenannte „gläserne Kliff“ – in exponierte, aber instabile Führungspositionen mit erhöhtem Erwartungsdruck und geringerer Rückendeckung.

So entsteht der Eindruck, dass strukturelle Schieflagen nicht verschwinden, sondern lediglich neu inszeniert werden. Hark und Hofbauer warnen in diesem Zusammenhang, dass Gleichstellungsarbeit zur Fassade verkomme, wenn sie „an unternehmerische und wettbewerbliche Denkweisen gekoppelt, aber nicht mit echter Entscheidungsmacht ausgestattet“ werde.

Die Metapher der „gläsernen Treppe“, wie sie Prof. Dr. Ulrike Beisiegel vorschlägt (siehe auch Interview, ab Seite 9), setzt hier einen anderen Akzent: Sie steht für transparente Karrierechancen – für alle. „Gläsern“ bedeutet: sichtbar, nachvollziehbar. „Treppe“ bedeutet: strukturell gesicherter Aufstieg – Stufe für Stufe, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Zugehörigkeit zu Netzwerken.

Warum dieses Thema – und warum jetzt?

In den vergangenen Jahren hat sich viel bewegt. Die Zahl der Frauen in Hochschulleitungen ist gestiegen – aktuell liegt sie bei über 40 Prozent an Universitäten. Gleichstellungsprogramme, Mentoringangebote und Quotenregelungen greifen – nicht zuletzt dank jahrelanger Bemühungen von Gleichstellungsakteur:innen und Geschlechterforschung. Und doch bleibt der Fortschritt fragil. Mit den Erfolgen wächst auch die Gegenwehr – subtil oder offen. Diskussionen über Führungsstile, über „typisch weibliches Verhalten“ oder über die vermeintliche „Bevorzugung“ von Frauen zeigen: Es geht längst nicht mehr nur um Fördermaßnahmen. Es geht um Macht, um Sichtbarkeit, um Anerkennung – und um die Frage, wie Wandel wirklich gelingt. Aktuelle Studien verweisen darauf, dass gerade in den Übergangsphasen – etwa nach der Promotion – viele Frauen das System verlassen oder marginalisiert werden. Zugleich bleibt Sichtbarkeit eine zentrale Ressource im Wissenschaftsbetrieb – doch Wissenschaftlerinnen erhalten in der akademischen und öffentlichen Kommunikation seltener Raum und Anerkennung (siehe auch Beitrag von Prof. Ute Klammer, ab Seite 22). Der Blick richtet sich deshalb auf die strukturellen Bedingungen, unter denen Karrieren entstehen – und auf die Frage, wie wir sie gerechter, transparenter und inklusiver gestalten können.

Viele Stimmen – viele Perspektiven

Die Beiträge dieser Ausgabe bieten keine einfachen Antworten, sondern vielfältige Einblicke: Es schreiben Rektor:innen, Wissenschaftsmanager:innen, Gleichstellungsakteur:innen, Forscher:innen und Personalberater:innen. Sie sprechen über persönliche Erfahrungen und strukturelle Bedingungen, über institutionelle Maßnahmen, Netzwerke, Mentoringprogramme – und über den Mut, Dinge anders zu denken. Mehrere Beiträge setzen sich mit institutionellen Reformansätzen auseinander – etwa in der Governance, bei der Karriereförderung oder im Recruiting. Immer wieder wird auch eine neue Führungskultur gefordert: vielfältig, kooperativ, transparent – als Spiegel eines Systems, das von Vielfalt lebt.

Und nun?

Vielleicht ist es an der Zeit, neue Fragen zu stellen. Welche Karrierelogiken gelten – und für wen? Welche Führung wird wahrgenommen – und welche nicht? Und wie sähe ein Wissenschaftssystem aus, das Transparenz, Fairness und Vielfalt nicht nur behauptet, sondern tatsächlich ermöglicht? Die „gläserne Treppe“ ist in diesem Sinne mehr als ein Bild. Sie ist eine Einladung: zum Nachdenken, zum Mitgestalten – und vielleicht auch dazu, sich gegenseitig ein Geländer zu sein. Denn wer aufsteigt, sollte nicht stolpern müssen. //

Den vollständigen DUZ Sonderteil "Gläserne Decke" mit allen Interviews finden Sie hier zum direkten Download.​

Die Autorin

Dr. Stephanie Müller-Otto

ist Coach, Trainerin und Moderatorin mit Schwerpunkt auf Wissenschaftskontexte, Hochschulen und akademische Personalentwicklung. Sie begleitet Führungskräfte, Lehrende, Wissenschaftler*innen früher Karrierestufen und Teams in Entwicklungs-, Veränderungs- und Entscheidungsprozessen. Für die Stiftung Innovation in der Hochschullehre hat sie die Weiterbildung „Agendasetterin“ umgesetzt. Zur Homepage: https://dr-mueller-otto.de 

Foto: Sandra Doerpinghaus

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