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Die Vermessung des Forschers

Wer am meisten zitiert wird, gilt in der Wissenschaft als König. Doch das ist alltagsfremd.

Wissenschaftler sind auch immer ein bisschen Unternehmer. Ihr Produkt ist der eigene Ruf. Um es zu etwas zu bringen, braucht es eine gute Vermarktungsstrategie der eigenen Person und Forschung. Die allseits akzeptierte Währung in diesem Markt ist bislang der Impact Factor, genauer das Publizieren in sogenannten „high-impact“ Journals. Das hatte in der Vergangenheit seinen Sinn, als Fachmagazine das einzige Verbreitungsmedium für wissenschaftliche Erkenntnisse waren. Natürlich konnte nicht jeder den Stellenwert jedes einzelnen Journals kennen, und die Metrik half, diesen einzuordnen. Heute bietet das World Wide Web jedoch Wissenschaftlern unendliche Möglichkeiten, ihre Forschung zu präsentieren. Was noch fehlt, ist eine anerkannte Währung für diese im Netz veröffentlichten Inhalte.

Schnelligkeit muss nicht auf Kosten der Qualität gehen

Egal ob eine Seminararbeit aus dem Studium, ein Datensatz oder das Protokoll eines missglückten Experiments – alles findet online seinen Platz. Das ist schneller, denn teilweise langwierige Begutachtung, eventuelle Änderungen, Druck und Distribution werden umgangen. Wer sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen will, kommt Konkurrenten mit ein paar Klicks zuvor. Diese Schnelligkeit muss nicht auf Kosten der Qualität gehen, im Gegenteil: Im Netz sind etwa völlig transparente öffentliche Peer Review-Verfahren denkbar. Resultate müssen nicht auf ein paar Seiten Papier gepresst werden. Auch negative Ergebnisse, die leider noch oft in Schreibtischschubladen verstauben, können endlich den Weg an die Öffentlichkeit finden und Wissenschaftlern helfen, Fehler ihrer Kollegen zu vermeiden. 

Dann gibt es noch all das Wissen, das nicht auf dem Papier steht, aber von Peer zu Peer weitergegeben wird. Auf ResearchGate und anderswo im Web helfen sich Forscher jeden Tag gegenseitig, die Hürden des Alltags im Labor zu meistern. In Foren stellen und beantworten sie Fragen, finden durch diesen Erfahrungsaustausch Lösungen für schwierige Probleme. Dieses Engagement treibt den Fortschritt genauso an wie die eigene Forschungsarbeit. Neue Metriken können diesen Austausch einbeziehen und so ein Klima der Hilfsbereitschaft und des Gedankenaustauschs in der Wissenschaft anregen. Klingt nach Gutmenschentum? Nicht unbedingt: Wer selbst davon profitiert, anderen zu helfen, ist motiviert, das auch zu tun.

Wie also könnte eine solche neue Währung aussehen, die wissenschaftliche Reputation umfassender abbildet als bisher und andere Werte einbezieht als das gedruckte Wort? Ein Blick über den Elfenbeinturm hinaus inspiriert. In anderen Bereichen gibt es bereits ähnliche Systeme. Wer sich etwa auf Ebay oder Amazon nach Schnäppchen umschaut, macht seine Kaufentscheidung auch von den Urteilen vorheriger Kunden abhängig. Händler und Produkte mit einem hohen Prozentsatz zufriedener Kunden ziehen durch ihren guten Ruf neue Käufer an. Hier zählt auch das Drumherum: Hat der Händler die Ware schnell verschickt, hat er Fragen hilfreich beantwortet? Das ist Teil seines Rufs, der sich auf der Zufriedenheitsskala der Kunden widerspiegelt. Ähnlich könnte das auch in der Wissenschaft funktionieren.

Mittlerweile gibt es bereits etliche Reihen Metriken zur Messung wissenschaftlicher Reputation. Sie versuchen einzufangen, wie bedeutend die Arbeit eines Wissenschaftlers ist. Zu nennen sind etwa „Impact Story“ oder „Article Level Metrics“, die Metrik des Open Access Verlegers PLoS. Diese Anbieter geben Wissenschaftlern einen Überblick darüber, wie oft ihre Arbeit wo zitiert, gespeichert oder heruntergeladen wurde. Durch die Verwendung vieler Online-Quellen (Wikipedia, Facebook und Twitter) sind sie umfassender als bisherige Metriken. Aber sie bleiben auf der Ebene des Artikels.

Der „RG Score“ ist die Metrik, die von ResearchGate im vergangenen Sommer veröffentlicht wurde. Damit kann jeder Schritt des Forschungsprozesses in die Reputationsbildung einbezogen werden. Download-Zahlen und Zitate von bereits veröffentlichten Fachbeiträgen fließen in die Metrik genauso ein, wie die Resonanz von Peers auf einen Rohdatensatz oder auf eine hilfreiche Antwort in einem Forum. Jedes wissenschaftliche Produkt – unabhängig davon, ob es online oder in einem Journal erschienen ist – kann somit Teil der öffentlichen Wahrnehmung von Forschern werden. Dabei zählt, wer die Arbeit begutachtet. Die Resonanz eines Nutzers mit einem hohen RG Score hat mehr Einfluss, genauso wie das Lob eines hoch angesehenen und erfahrenen Forschers mehr zählt als das eines Neulings.

Wenn nun mehrere Währungen für wissenschaftliche Reputation bereitstehen, welche wird sich in der Zukunft etablieren? Womöglich nicht nur eine. In einer im Jahr 2009 durchgeführten Studie des Digital Library Prototyping Teams des Los Alamos National Research Laboratory kommen die Autoren zum Ergebnis, dass wissenschaftlicher Einfluss ein multidimensionales Konstrukt sei, das nicht angemessen durch nur einen Indikator repräsentiert werden könne. Ein Forscherleben sei nicht in einer einzigen Zahl auszudrücken. Je mehr aussagekräftige Faktoren jedoch in eine Metrik einfließen, desto wahrscheinlicher wird es, dass man ihm gerecht wird.

Das Publizieren verlagert sich immer mehr ins Netz

Die vielfältigen Maße zur Messung wissenschaftlicher Reputation aktuell sind eine große Chance, insbesondere für Forscher, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Für sie wird es immer schwerer, sich ein Standbein in der Wissenschaft zu schaffen. Während Politiker junge Menschen für die Naturwissenschaften und MINT-Fächer zu begeistern versuchen, bleiben viele Posten an den Universitäten von der älteren Generation besetzt. Der Wandel vollzieht sich langsam. In den USA etwa bekommen nach Angaben einer Studie der National Science Foundation nur 14 Prozent aller Bio-logiedoktoranden im Zeitraum von fünf Jahren nach ihrem Abschluss auch eine Stelle in der akademischen Forschung.

Zudem werden sich wissenschaftliche Veröffentlichung und Kommunikation aus den bereits erwähnten Gründen immer weiter ins Web verlagern. Wer aktuell am Anfang seiner Karriere steht, wird wahrscheinlich auch in 20 oder 30 Jahren noch arbeiten. Spätestens dann werden die neuen Metriken die alten verdrängt haben. Wer also heute damit anfangen möchte, sich einen guten Ruf aufzubauen, sollte sich nicht nur auf die etablierten Metriken verlassen, sondern mit neuen Maßen experimentieren.

Hierin besteht wiederum eine Chance. Denn zum ersten Mal können Forscher selbst darauf Einfluss nehmen, wie diese Metriken gestaltet sind. Der RG Score etwa hat anfangs in Journals publizierte Artikel eines Wissenschaftlers außer Acht gelassen. Der Gedanke war, dass mit einer „frischen“ Metrik unerfahrenen wie erfahrenen Wissenschaftlern dieselben Voraussetzungen gewährleistet werden sollten. Das hat vielen Forschern missfallen (älteren wie jüngeren), weswegen die Metrik nach ihren Wünschen angepasst wurde. Das Web ist eben anders als das gedruckte Wort keine Einbahnstraße – zum Glück!

Forscher sollten wie Unternehmer versuchen, ihre öffentliche Wahrnehmung mit vielfältigen Mitteln selbst zu prägen. Dazu bieten sich diese neuen Metriken an. Berufungskommissionen, Leistungsträger und Förderer werden alternative Metriken dann anerkennen, wenn Wissenschaftler sie aktiv nutzen. Auch für sie ist der Impact Score nicht optimal. Sie profitieren davon, wenn sie ein umfassendes Bild davon haben, wem sie eine Professur anbieten oder an wen sie Gelder vergeben. Und dieses umfassende Bild werden sie erst dann bekommen, wenn der Ruf eines Wissenschaftlers mehr ist als die Summe der Journals, in denen er publiziert hat.

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