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Von der Stange passt nicht

Seit dem russischen Angriffskrieg sind viele ukrainische Studierende nach Deutschland gekommen. Und die haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse, was das Weiterführen ihres Studiums angeht.

Als Russland die Ukraine angriff, war Denys Punin gerade bei Freunden in Polen. Zurück in seine ukrainische Heimatstadt Poltawa konnte er nicht. An eine Wiederaufnahme seines Studiums des Chemieingenieurwesens an der Nationalen Technischen Universität (NTU) Charkiw war nicht mehr zu denken. Nach ein paar Monaten in Polen kam er nach Deutschland. Jetzt wohnt er bei Dr. Annett Großmann, die Professorin für Betriebsorganisation und Technische Logistik an der Hochschule Heilbronn ist. Über ihre Kirchengemeinde kam die Anfrage, ob sie und ihre Familie Denys aufnehmen könne. Seitdem wohnt er in ihrem Gästezimmer. 

Punins Tag ist nun sehr voll. Von neun Uhr bis 13 Uhr hat er einen Deutschkurs an der Universität Kassel. Über eine Stunde Fahrt hin, über eine Stunde Fahrt zurück. „Das ist kein Problem“, meint er. In seinem Kurs sind 22 Schüler – 20 aus der Ukraine, zwei aus der Türkei. Abends geht es dann in die zweite Lernrunde. Denys Punin ist auch noch an seiner ukrainischen Hochschule eingeschrieben und studiert dort weiterhin online. Eigentlich ist sein Studium ein Vollzeit-Studium, mit Online-Liveveranstaltungen und Anwesenheitspflicht. An vielen Vorlesungen und Seminaren müsste er eigentlich teilnehmen. So manche kollidieren jedoch zeitlich mit seinen Deutschkursen an der Kasseler Universität. „Meine Lehrenden in der Ukraine haben dafür aber viel Verständnis. Deshalb kann ich mir später die verpassten Veranstaltungen als Video-Aufzeichnung anschauen“, sagt er. In Charkiw hatte er, vor der Flucht, eine 15-köpfige Lerngruppe. Doch auch keiner seiner Kommilitonen hält sich noch in der Stadt auf. Die meisten seien an die Grenzen zu Polen und zur Slowakei geflohen, einer sei in Litauen, ein anderer in Kanada und er eben in Deutschland. 

Heterogene Studierendengruppen 

Von den Studierenden sind es zumeist Studentinnen, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Denn junge Männer, die im wehrfähigen Alter sind, dürfen das Land nicht verlassen. Wie viele es genau sind, weiß man nicht, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Das liegt vor allem daran, dass diejenigen, die noch nicht an einer deutschen Hochschule eingeschrieben sind, nicht erfasst werden. Die Hochschulrektorenkonferenz geht nach Rückmeldungen aus den Hochschulen für das Wintersemester 2022/23 derzeit von einem Anstieg der Studierendenzahlen aus der Ukraine im unteren vierstelligen Bereich aus. Auch ist diese Gruppe der neuen Studierenden an den deutschen Hochschulen sehr heterogen. Es gibt sowohl Studienanfängerinnen als auch Studierende, die kurz vor einem Abschluss stehen. Wenige sprechen Deutsch und nicht alle haben die ukrainische Staatsbürgerschaft. Denn auch viele Drittstaatler, die sich in der Ukraine aufhielten, um Medizin oder Zahnmedizin in englischer Sprache zu studieren, mussten nach Deutschland fliehen. Erschwerend kommt hinzu, dass das ukrainische Schul- und Hochschulsystem anders ist als das deutsche. Das Abitur wird nach dem elften Schuljahr abgelegt und 80 Prozent eines Abiturjahrgangs nehmen ein Studium auf (siehe auch DUZ Magazin 11.2022). Viele der in der Ukraine angebotenen Studiengänge sind in Deutschland eher in die Kategorie „Berufsausbildung“ einzuordnen.

Stipendienprogramme passen nicht für alle

„In der Ukraine wird fast alles, was im tertiären Bildungssektor passiert, als Hochschulstudium bezeichnet. Deshalb ist es eine Herausforderung, einen Systemvergleich zu machen“, erklärt Courtney Peltzer-Hönicke, Leiterin des International Office an der Universität Hamburg, die nicht einfache Integration ukrainischer Studierender. „Viele Geflüchtete aus der Ukraine kamen im April und Mai 2022, dann haben sich die Zahlen stabilisiert“, erzählt sie. Hinzu kommt, dass es an der Universität Hamburg sehr viele geflüchtete Drittstaatler gibt. Von den insgesamt 259 geflüchteten Studierenden im Unterstützungsprogramm der Hochschule haben nur 13 eine ukrainische Staatsbürgerschaft, 195 kommen aus Nicht-EU-Ländern. „Für die Drittstaatler ist es nicht einfach. Die meisten wollen bei uns Medizin studieren, das können wir ihnen aber nicht anbieten“, so Peltzer-Hönicke. Hinzu komme, dass sehr wenige das erforderliche C1-Sprachniveau hätten, das aber Voraussetzung für ein Bachelor-Studium an der Universität Hamburg sei. Ein weiteres Problem sei, dass viele Stipendien-Programme sich nur an Studierende mit ukrainischer Staatsbürgerschaft richteten. Als der Krieg begann, konnte die Universität auf ein Programm zurückgreifen, das sie 2015 für syrische geflüchtete Studierende entwickelt hatte. In diesem Programm gehe es zu allererst um Orientierung. Das bedeute, die Studierenden bei Fragen zum Bewerbungsverfahren zu unterstützen, Einblicke in den Studienalltag zu geben und ihnen innerhalb der Hochschule einen Status zu verleihen, der ihnen einen Zugang zur Infrastruktur ermöglicht, schildert Peltzer-Hönicke.

Wie die Hamburger haben viele Hochschulen Ad-hoc-Angebote für ukrainische Studierende entwickelt, darunter Sprachkurse, Brückenprogramme und Programme zur Vorbereitung auf ein Studium in Deutschland. Verschiedene Förderorganisationen, etwa die Joachim Herz Stiftung und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) stellen Stipendien zur Verfügung. Der DAAD hat auch die „Nationale Akademische Kontaktstelle Ukraine“ geschaffen, die im Internet wichtige Informationen zum Aufenthalt und Hochschulzugang in Deutschland bereitstellt. Hinzu kommen die Förderprogramme „Ukraine digital: Studienerfolg in Kriegszeiten sichern“ und „Zukunft Ukraine – Stipendienprogramm für Geflüchtete aus der Ukraine an deutschen Hochschulen“. Die Universität Hamburg erhält Gelder aus dem DAAD-Programm „Zukunft Ukraine“, das ukrainische Studierende fördert. Mit diesen sowie Geldern der Joachim Herz Stiftung stehen der Hochschule so für die Jahre 2023 und 2024 rund 390 000 Euro zur Verfügung. Sechs Studierende werden bereits mit je 931 Euro pro Monat unterstützt, voraussichtlich können insgesamt bis zu 15 Studierende gefördert werden, so Peltzer-Hönicke.

Lehraufträge für dozierende in der Ukraine

Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) erhält auch Mittel aus den DAAD-Programmen „Zukunft Ukraine“ und „Ukraine digital“. Rund 200 Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit studieren an der Hochschule. „Wir hatten schon vor dem Angriffskrieg enge Kooperationen mit ukrainischen Universitäten, die konnten wir jetzt ausbauen“, sagt Johanna Hiebl, die das Programm koordiniert. Die meisten Studierenden haben ein DAAD-Aufenthalts- oder ein Erasmus-Stipendium. Keines dieser Stipendienprogramme sieht aber vor, ein ganzes Studium zu finanzieren. „Umso wichtiger ist es, die Studierenden in die regulären Studiengänge zu bekommen, weil sie dann Anspruch auf Bafög haben oder sich auf andere Studienstipendien bewerben können“, sagt Hiebl. Mit den Geldern aus „Ukraine digital“ finanziert die Hochschule unter anderem auch Lehraufträge ukrainischer Fachlehre, damit Dozierende der ukrainischen Partnerhochschulen ihre Lehre vor Ort und digital fortsetzen können. 

Nicht alle Bildungsabschlüsse werden anerkannt

Besonders viel Zulauf erfährt das Doppelabschlussprogramm, das die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg gemeinsam mit der NTU Charkiw anbietet. Die beiden Hochschulen arbeiten schon seit über 20 Jahren zusammen. Am Anfang waren es studentische Austauschprogramme, dann ein duales Diplomprogramm und 2017 wurde das vom DAAD finanzierte Programm „Deutschsprachige Studiengänge“ eingeführt. Dieses ermöglicht ukrainischen Studierenden Sprachpraktika und Betriebspraktika an der Hochschule und in Unternehmen in Deutschland. Im Anschluss können sie sich dann für ein Master-Studium mit Stipendium an der Magdeburger Universität einschreiben. Das „Deutsche-Studiengänge-2-Programm“ wurde als Ergänzung zu diesem Programm kurz nach Kriegsbeginn gestartet. „Leider ist das Bildungssystem in Deutschland so gestaltet, dass ukrainische Schulabgängerinnen und -abgänger nicht direkt an einer deutschen Universität aufgenommen werden können“, erklärt Dr. Denys Meshkov, Leiter des deutschen Ausbildungszentrums der NTU Charkiw. Um diese Hürde zu umgehen, immatrikulieren sich die Studienanfänger an der NTU Charkiw für ein Fernstudium. Dort lernen sie erste technische Grundlagen und Deutsch. Nach einem Jahr und mit Erreichen des Sprachniveaus B1 wechseln sie dann an die Universität Magdeburg. Der Andrang ist groß: Weit über 200 Bewerbungen haben die beiden Hochschulen erhalten. Fast alle Bewerberinnen und Bewerber haben auch einen Platz bekommen. „Auffällig ist, dass wir jetzt nicht mehr nur Bewerbungen aus der Region Charkiw bekommen, sondern aus allen Regionen der Ukraine“, berichtet Programmleiter Meshkov.

Der Chemie-Student Punin schließt sein Bachelor-Studium bald ab. Dann wird er sich auf ein Erasmus-Stipendium bewerben und einen Master an einer deutschen Hochschule machen. Bis dahin kann er bei Annett Großmann wohnen. 

Nicht allen Studierenden gelingt das Ankommen in Deutschland, davon kann Großmann ebenfalls berichten. Im letzten Jahr hatte sie einer jungen ukrainischen Logistik-Studentin zu einem Studienplatz an der Hochschule Heilbronn verholfen. „Sie hatte über 100 Bewerbungen geschrieben, ich war die Einzige, die geantwortet hat“, erzählt sie. Großmann kümmerte sich vor allem um die bürokratischen Hürden. Zudem stimmte die Hochschule zu, dass die Studentin im Rahmen einer Ausnahmeregelung trotz fehlender Deutschkenntnisse mit dem Studium beginnen und den Deutschkurs parallel absolvieren konnte. Doch Weihnachten fuhr sie in die Ukraine und kam nicht wieder zurück. Großmann steht mit ihr im Austausch: „Natürlich verwundert es, wenn jemand freiwillig in ein Kriegsland zurückkehrt. Ich erkläre mir das so, dass sie nahe bei ihrer Familie sein möchte. Menschen haben in schwierigen Situationen eben nicht alle die gleichen Bedürfnisse.“ //

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