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Diskurslust: Aushandeln!

Die Universität Hamburg hat Anfang Februar einen Kodex Wissenschaftsfreiheit veröffentlicht. Braucht es so etwas wirklich? Darüber diskutiert Peter-André Alt mit Andrea Geier

Peter-André Alt Ein Kodex zur Wissenschaftsfreiheit kann Prinzipien aufstellen, die für die Mitglieder einer Hochschule Verbindlichkeit im Sinne eines Grundsatzkatalogs haben. Ein Kodex wird aber nicht verhindern, dass im Alltag immer wieder Streit über die Deutung und Geltung der in ihm festgelegten Prinzipien entbrennt. Beispielhaft zeigt das die Zivilklausel als Instrument zur Verhinderung kriegsrelevanter Forschung: Wo sie eingeführt wurde, konnte sie nicht verhindern, dass die betreffenden Hochschulen kontroverse Debatten über einzelne Forschungsprojekte und deren potenziell militärische Implikationen führten, weil die Grenze zwischen zivilem und kriegsbezogenem Nutzen fließend sein kann. Die in den letzten Jahren sich häufenden Auseinandersetzungen über Redefreiheit auf dem Campus, über die Funktion kultureller Identität und Differenz, über Genderrollen und -konstruktionen, über geschlechtersensible Sprache und Rassismus dokumentieren, dass Prinzipien immer deutbar sind und Grundsätze stets Interpretationsspielräume eröffnen. So wichtig also ein Kodex als Ausdruck einer Verständigung über unveräußerliche Regeln der Wissenschaftsfreiheit sein kann, so wenig hilft er im Konfliktfall. Neben einer Magna Charta allgemeiner Prinzipien benötigen Hochschulen daher ein Verständnis über operative Maßnahmen bei Streit und Kontroversen. Wie ist im Konfliktfall zu verfahren? Wer schlichtet? Welche Instanzen vermitteln? Welche Formate helfen? Aus meiner Erfahrung von acht Jahren Hochschulleitung sind solche Wegweiser im Alltag hilfreicher als ein Kodex mit seiner Tendenz zur Verallgemeinerung.

Andrea Geier Den Kodex der Universität Hamburg würde ich ähnlich einordnen wie Sie, Herr Alt. Auch ich halte es für die wichtigere Aufgabe, mehr über Zuständigkeiten in Konfliktfällen und institutionelle Verantwortung von Hochschulen zu sprechen. Die ersten Reaktionen auf den Kodex zeigten, dass solche Papiere die festgefahrenen Debatten über Wissenschaftsfreiheit nicht verändern: Für die einen ist nur nochmals das Selbstverständliche gesagt, während andere behaupten, schon die bloße Existenz eines solchen Kodex beweise, dass alarmistische Bedrohungsszenarien gerechtfertigt seien. Die zentrale Frage ist für mich: Was sollten und was könnten Selbstverständigungsprozesse leisten? Ein produktiver Start wäre, die höchst unterschiedlichen Themenfelder zu sortieren, die unter dem Begriff Wissenschaftsfreiheit diskutiert werden, und zu überlegen, ob und wenn ja, zu welchen Themen ein strukturierter Austausch sinnvoll wäre und wie man ihn mit möglichst viel Partizipation gestalten könnte. Denn ich lehne zwar die Gefährdungsdiagnosen ab, die derzeit öffentlich am meisten Aufmerksamkeit finden – wie zum Beispiel ‚Cancel Culture‘ –, aber das bedeutet umgekehrt nicht, dass ich keinen Bedarf für Austausch und Aushandlung anerkenne und selbst wahrnehme. Wir beobachten derzeit, dass das hohe Gut Wissenschaftsfreiheit instrumentalisiert wird, um ganze Forschungsfelder öffentlich in Misskredit zu bringen. Selbstverständigungsprozesse sehe ich deshalb als Chance, zu angemesseneren Problembeschreibungen in Bezug auf die Debattenkultur zu gelangen und darüber hinaus für Probleme, die derzeit kaum diskutiert werden, Aufmerksamkeit zu schaffen.

Peter-André Alt
Die Differenzierung der potenziellen Streitthemen wäre, hier stimme ich zu, ein wichtiger Teil der Konfliktbewältigung und ein erster Schritt in eine Formalisierung der Vermittlungsprozesse, wie sie unabdingbar für eine offene und zugleich funktionsfähige Hochschule ist. Ob Partizipation, Redezugang, Genderfragen, Diversität oder anderes: Alle Campus-Konflikte klassischer Art verlangen Abwägungsentscheidungen. Hilfreich wären hier Mediationsausschüsse, wie sie in den USA an den meisten Hochschulen existieren und mittlerweile auch von vielen europäischen Universitäten etabliert worden sind. Klassische Mediationsexpertise sollte in Studiengängen vermittelt, aber zugleich als Thema in der Forschung – etwa in den Rechtswissenschaften, der Psychologie und Pädagogik – berücksichtigt werden; idealerweise verbindet sich die Arbeit entsprechender Vermittlungsorgane auf diese Weise mit Kernaufgaben der Hochschule. Die Klärung von Konflikten professionellen Mediationsausschüssen zu überlassen, ist in Unternehmen längst gängige Praxis. Die Hochschulen tun sich damit bisher schwer, weil sie bei komplexen Prozessen auf freie diskursive Ausverhandlung in der Institution selbst setzen. Dieses aus den 80er-Jahren stammende Konzept, das sich auf Habermas’ Diskursethik stützt, stößt aber derzeit klar an seine Grenzen. Gut wäre eine pragmatischere Konfliktlösungskultur, zu der neben Mediationsausschüssen auch die Einübung einer entsprechenden Debattenfähigkeit bei allen Hochschulmitgliedern im Rahmen von Rhetorikübungen und Argumentationsseminaren gehören sollte.

Andrea Geier
Solche Fähigkeiten brauchen wir, aber ich möchte doch festhalten: Es steht keineswegs schlecht um die Debattenkultur. Pauschale Klagen, dass Studierende nicht fähig seien, rational zu diskutieren oder dass bestimmte Themen aus ideologischen Gründen in Forschung und Lehre tabuisiert seien, sind falsch. Mediation ist gut, aber kein Mittel gegen Kulturkampf-Beschwörungen. Produktiv wäre aus meiner Sicht ein längerfristiger Austausch über das Selbstverständnis von Universität als Teil der Gesellschaft. Wir sollten Formate finden, um an Universitäten (selbst-)kritisch über Relevanz, Nützlichkeitserwartungen und Repräsentation, Forschungsförderung und Arbeitsbedingungen, Entwicklung von Fachkulturen, interne Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation zu sprechen. In diesem Rahmen lassen sich sowohl neue Perspektiven auf die höchst heterogenen ‚Aufregerthemen‘ gewinnen als auch Formen der Moderation und Unterstützungsstrukturen entwickeln. //

Prof. Dr. Peter-André Alt

ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin.

Prof. Dr. Andrea Geier

ist Literaturwissenschaftlerin. Sie lehrt und forscht als Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft/Genderforschung an der Universität Trier.

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