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Es reicht!

BILD wütet gegen die Wissenschaft – die Wissenschaft und ihre Unterstützer müssen lernen sich zu wehren, meint Jens Rehländer

Dass BILD seit Langem daran arbeitet, die Glaubwürdigkeit von wissenschaftlicher Expertise zu zerstören, ist nichts Neues. Nicht nur der Virologe Christian Drosten musste erleben, wie BILD mit verzerrten Fakten darauf hinarbeitet, die Reputation von Forschenden zu beschädigen. Dass die Redaktion trotz Bataillonsstärke in ihren Reihen keine einzige Person mit wissenschaftsjournalistischem Sachverstand hat, dürfte mit Blick auf die Blattlinie eher ein Vorteil sein: Ungetrübt von Fachwissen und ohne Skrupel, die sich aus einem journalistischen Ethos speisen würden, erfüllt die Redaktion ihre Mission: die Querdenker-Szene befeuern, das Bürgertum verunsichern und das Vertrauen in Wissenschaft diskreditieren.

Tröstlicherweise befindet sich die BILD-Gruppe seit Jahren im Abstiegskampf, was das erodierende Geschäftsmodell und die publizistische Wirkungsmacht anbelangt. Auch mit Blick auf die Mobilmachung gegen die Wissenschaft kann man konstatieren: BILD ist auch hier gescheitert. Aktuelle Umfragen bestätigen, dass nicht weniger, sondern sogar wieder mehr Menschen der Meinung sind, die Wissenschaft solle gehört werden, bevor die Politik Entscheidungen fällt.

Auch wenn es BILD nicht gefällt: Das Vertrauen in Wissenschaft steigt

Nun hat BILD aber noch nie der gesellschaftlichen Realität nachgegeben und versuchte deshalb am vergangenen Samstag mit einem neuen Frontalangriff zur Fehde gegen die Wissenschaft zu mobilisieren: mit einem anonymen Text unter der Überschrift „Die Lockdown-Macher“. Drei Porträtfotos zeigten das „Experten-Trio für harte Maßnahmen“, das „ausgetüftelt“ habe, was uns allen – vor allem aber den Ungeimpften - die Feiertage verderben werde: keine Partys, keine Restaurantbesuche, keine Böller an Silvester.

Dass das anonyme Pamphlet einzig um der Provokation willen veröffentlicht wurde, legt das Fehlen auch des geringsten Nachrichtenwertes nahe. Das Empörungskalkül freilich ging auf: Minuten nach der Veröffentlichung im Web waren Befürworter und Gegner wieder im Twitter-Stellungskrieg. Ich will darauf nicht weiter eingehen.

Welchen Schluss zieht das Wissenschaftssystem?

Dass der Presserat sich mit dem aus meiner Sicht sittenwidrigen Pamphlet befassen wird, davon gehe ich aus. Aber welchen Schluss zieht das Wissenschaftssystem? Wie werden Forschende unterstützt und geschützt? Wie wehrt sich das System gegen Hetze und Propaganda?

Fakt ist: Forschende, die den Schritt in die Öffentlichkeit wagen, sind selten gut vorbereitet. Ein Medientraining ersetzt kein Coaching, das Novizen auf diesen Teil der Medienlogik vorbereitet, die nun mal so ganz anders funktioniert als Wissenschaft. Enttäuschungen und Frustrationen sind da programmiert. Und schon mehren sich die Stimmen derer, die lieber in der Anonymität und Geborgenheit ihrer Forschungseinrichtungen bleiben, als sich Shit Storms im Social Web auszusetzen oder sich selbst und die Familie von Personenschützern begleiten lassen zu müssen.

Besser auf die Eigenlogik der Medien vorbereiten

Mit der Radikalisierung der Wissenschaftsverleumder läuft der Appell der Politik und der Wissenschaftslobby zunehmend ins Leere, die Wissenschaft möge bitte noch viel mehr Vermittlungsarbeit an ein Laienpublikum leisten. Wer will schon das Risiko eingehen, sich in einer Talkshow plötzlich vor einem Tribunal rechtfertigen zu müssen - oder ins Visier von BILD zu geraten? Die Angst, von der Empörungsmaschine eingesogen zu werden, verbreitet sich in der Wissenschaft immer weiter.

Höchste Zeit dagegenzuhalten. Was es dringend braucht, ist ein breites Bündnis von inner- und außerwissenschaftlichen Akteuren, die die Freiheit und Reputation der Wissenschaft gegen ihre Feinde verteidigen. Einen Masterplan für strukturiertes Handeln, ein Netzwerk für den Erfahrungsaustausch in Krisenfällen und eine schnelle Eingreiftruppe, die im Social Web patrouilliert und im Notfall zur Stelle ist, wenn Forschende sich eines Mobs erwehren müssen.

Am Ende kann man nur spekulieren, welche Motive BILD auf seinem Feldzug gegen die Wissenschaft leiten. Der Chefredakteurswechsel jedenfalls hat zu keiner Kurskorrektur geführt. Vielleicht steckt gar nicht mehr dahinter als pure Verzweiflung und die Hoffnung, aus Krawall ein bisschen Kapital zu schlagen, d.h. Querdenker in BILD-Abonnenten zu verwandeln.

Die Wissenschaft jedenfalls muss lernen, was ihr eigentlich widerstrebt: angriffslustig sein.

Jens Rehländer

Jens Rehländer leitet die Kommunikation der VolkswagenStiftung.

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