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Weniger fliegen, intelligenter heizen, Erfahrungen austauschen: An immer mehr Hochschulen laufen Projekte für Nachhaltigkeit an

Konstanz am Bodensee hat keinen eigenen Flughafen. Wer fliegen will, muss mit dem Zug oder dem Auto nach Zürich oder Basel fahren. Das wird aber offenbar von Wissenschaftlern und Verwaltungspersonal der Universität Konstanz in ausreichenden Ausmaß gemacht, um die Universität Anfang Oktober zur Verkündung einer Air Travel Policy zu veranlassen. Das Ziel: Die Universität will die Emissionen aus Flugreisen um mindestens ein Drittel gegenüber den Jahren 2017 bis 2019 vor der Corona-Pandemie reduzieren. „Wir streben eine möglichst klimaneutrale Mobilitätskultur an“, sagt die Prorektorin für Nachhaltigkeit Prof. Dr. Christine Peter.

Die Universität Konstanz sieht sich wie viele andere Hochschulen in der Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit. Eingebettet ist ihre neue Air-Travel-Policy in den Start des Projekts „Flying less“, an dem sich neben Konstanz die Universität Potsdam, das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg und das European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg beteiligen. Sie wollen die Treibhausgasemissionen aus dem Flugverkehr des eigenen Personals reduzieren und die Ergebnisse so aufbereiten, dass auch andere Hochschulen sie nutzen können. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative für drei Jahre gefördert. „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehören zu den Vielfliegenden“, sagt Dr. Susann Görlinger vom ifeu-Institut Heidelberg, die zum Leitungsteam gehört und bereits an der ETH Zürich das Projekt „Stay grounded, keep connected“ zur Reduktion von Flugreisen umgesetzt hat. Mit den vier Forschungseinrichtungen wird unter anderem ein Monitoringsystem entwickelt, das die Flugemissionen erfasst. Außerdem sollen Maßnahmen und Instrumente erarbeitet werden, mit denen die Flugreisen reduziert werden können, ohne dass dabei die Exzellenz von Forschung und Lehre leidet. „Es braucht dazu eine Änderung der Rahmenbedingungen und einen Werte- und Kulturwandel im Wissenschaftssystem“, sagt Görlinger. Es komme nicht nur auf die Unterstützung der Leitungsebene an. Dr. Hilmar Hofmann, Referent „Strategisches Projektmanagement“ im Rektorat der Uni Konstanz, sagt: „Wichtig ist uns, universitätsweit das Bewusstsein für klimaschonendes Reisen zu schärfen und dafür Verständnis und Akzeptanz unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schaffen.“ Die Uni plane beispielsweise ein Anreizmodell, das darauf abziele, auf unnötige Flüge etwa zu Konferenzen im Ausland zu verzichten. Ein wichtiger Schritt ist, die In-frastruktur für digitale Kommunikationsplattformen weiter auszubauen. Die Uni will ab 2022 Tagungen und Workshops möglichst als hybride Veranstaltungen anbieten.

Klimaschutz im Netzwerk 

Die Ergebnisse aus dem Projekt „Flying Less“ könnten auch Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) nutzen, bei denen ebenfalls Nachhaltigkeitsprojekte angelaufen sind. So starteten neun HAW Anfang Oktober ein Vorhaben, in dem sie technische, gebäudebezogene und organisatorische Maßnahmen zur Energieeffizienz und zum Klimaschutz umsetzen wollen und sich darüber austauschen. „Für uns ist der Erfahrungsaustausch sehr wichtig, weil die Hochschulen so voneinander lernen und damit Fehler vermeiden können, die bereits anderen Hochschulen zuvor unterlaufen sind“, sagt Projektleiterin Karin Binnewies vom HIS-Institut für Hochschulentwicklung (HIS-HE). Eine wichtige Voraussetzung sei, dass die Hochschulleitungen hinter den Bemühungen für mehr Klimaschutz stehen. „Sie sind wichtige Unterstützer, weil sie helfen können, das notwendige Personal und die nötigen Mittel für Klimaschutzmaßnahmen zu beschaffen“, sagt Binnewies. Ziel sei, nach drei Jahren eine Strategie vorzulegen, wie HAW Klimaschutz und Energiesparmaßnahmen am besten umsetzen können.

Auf Vernetzung setzt auch Dr. Silke Rühmland, Koordinatorin des Nachhaltigkeitsbüros an der Universität Magdeburg und Initiatorin der Arbeitsgemeinschaft Nachhaltige Hochschulen Sachsen-Anhalt, in der alle sieben Hochschulen des Landes vertreten sind. „Wir wollen das Wissen bündeln, damit nicht jede Hochschule für sich Recherchen zum breiten Feld der Nachhaltigkeit machen muss“, sagt sie. Ein Beispiel, wofür diese regionale Vernetzung Sinn macht, ist die Kommunikation mit dem für die Hochschulen zuständigen Landesbetrieb Bau- und Liegenschaftsmanagement. „Wenn der Landesbetrieb zum Beispiel die Stromversorgung neu ausschreibt und wissen will, welche Nachhaltigkeitskriterien die Hochschulen als sinnvoll erachten, ist es sinnvoll, dass wir uns eine gemeinsame Position überlegen und diese gegenüber der Behörde vertreten“, erklärt sie. Die im März gegründete Arbeitsgemeinschaft erarbeitet die Möglichkeiten für den Bau von Photovoltaikanlagen auf Hochschuldächern, ihre Vorteile und Nachteile und welche steuer- und energierechtlichen Vorgaben es bei den Photovoltaikanlagen zu beachten gilt. Gelungene Beispiele sollen von anderen Hochschulen aufgegriffen werden: So bietet die Universität Magdeburg seit diesem Wintersemester ein Nachhaltigkeitszertifikat für Studierende an, das Grundlagen im Bereich der Nachhaltigkeit in den Themen Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vermittelt. „Es wäre ein gutes Signal im Land, wenn alle Hochschulen in Sachsen-Anhalt dieses Studium Generale anböten“, sagt Rühmland. 

Hochschulen werden jedoch auch im Alleingang tätig. Die Universität Bayreuth meldete Anfang Oktober, künftig Rund 5000 Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Jahr einzusparen. Sie hat ein innovatives KWK-System in Probebetrieb genommen – eine Anlage, die aus einem Blockheizkraftwerk, Wärmepumpen und einem elektrischen Wärmeerzeuger besteht, mit der der Unicampus flexibel und intelligent mit Wärme und Kälte versorgt wird und das nach Uni-Angaben bundesweit einmalig ist. 

Bereits etabliert haben sich dagegen Green Offices. Das sind von Studierenden und Hochschulmitarbeitenden geführte Nachhaltigkeitsbüros, die informieren und Hochschulangehörige unterstützen, mehr zum Thema Nachhaltigkeit zu machen. Mittlerweile gibt es 65 solcher Büros weltweit. Seit neuestem auch an der Universität Bonn. „Nach der erfolgreichen Etablierung des Prorektorats für Nachhaltigkeit und der dazugehörigen Stabsstelle machen wir mit dem Green Office einen weiteren wichtigen Schritt hin zu einer nachhaltigen Universität“, erklärte Rektor Prof. Dr. Michael Hoch bei der Eröffnung. Ein Anspruch, den derzeit viele Hochschulen auf ganz unterschiedlichen Wegen einzulösen versuchen. //

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