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Alle sind mürbe

Studierende an Musik- und Kunsthochschulen leiden nicht nur unter dem Lockdown, sondern ihnen fehlt auch die künstlerische Praxis vor Publikum

Die Pandemie verlangt allen viel ab, wirft Lebensentwürfe über den Haufen und zerstört Träume. Angehende Musikerinnen, Schauspieler oder Tänzerinnen trifft es besonders hart, denn Kunst und Kultur finden seit mehr als einem Jahr kaum noch statt. Um aber eine eigene künstlerische Stimme zu entwickeln, brauchen Künstlerinnen und Künstler auch die Resonanz eines Publikums.

Die Türen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main (HfMDK) waren während der unterschiedlichen Phasen seit dem ersten Lockdown ab Mitte März 2020 nie ganz geschlossen, doch der Lehrbetrieb funktionierte nur stark eingeschränkt. Für viele Seminare, Trainings und Übungsstunden mussten schnell digitale Formate gefunden werden. Auf den anfänglichen Schock folgte die Digitalisierung der Lehre im Zeitraffer, im Sommersemester 2020 gab es eine euphorische Phase, auf die ein mühsamer Start in das Wintersemester sowie Frustration im Winter folgten, wie Prof. Elmar Fulda, Präsident der HfMDK, zusammenfasst. „Wir sind mürbe“, sagt er im Frühjahr 2021, denn inzwischen sei klar, dass die Pandemie noch länger die Studienplanung bestimmt.

Der erste Lockdown traf die HfMDK wie viele andere Hochschulen hart und unvorbereitet. Von einigen Pionieren abgesehen, nutzte dort kaum jemand digitale Formate für die Lehre. „Wir unterrichten in der Musik wie vor 200 oder 300 Jahren, sehr traditionell, aber erfolgreich. Das Präsenzprinzip war mit der Pandemie grundsätzlich infrage gestellt“, sagt Fulda. Mogelten sich früher manche angehenden Musiker schlecht vorbereitet in die Übungsstunden, schicken die Studierenden jetzt die eingespielten Stücke an die Lehrenden und besprechen sie später gemeinsam via Zoom. Weil es vielen peinlich wäre, fehlerhafte Stücke einzureichen, üben sie jetzt intensiver und reichen nur Videos in deutlich besserer Qualität ein, so eine Erfahrung mit den neuen Formaten.

Die wichtigste Regel: keine Panik

Kompliziert war der Lockdown auch für Tänzerinnen und Tänzer, denn sie müssen täglich üben. Deshalb entwickelten Dieter Heitkamp, Professor für Zeitgenössischen Tanz, und sein Team zu Beginn der Pandemie im vergangenen März einen Leitfaden und verschickten einen wöchentlichen Newsletter mit Links und Stundenplänen. Enthalten waren auch Übungen, mit denen sich die Studierenden fit halten und Trainingseinheiten selbstständig üben konnten. „Anfangs haben wir wie das Kaninchen auf die Schlange gestarrt und nur gesehen, was nicht geht. Doch die Kollegin Prof. Michelle Breedt hat einen Leitfaden für uns geschrieben. Die wichtigste Regel ist: keine Panik und die Inhalte an das Medium anpassen“, erinnert sich Fulda.

Die HfMDK war während aller Lockdown-Phasen geöffnet. Üben war für alle Studiengänge möglich, wenn auch das Angebot deutlich kleiner war und umfangreiche Hygienemaßnahmen nötig waren, wie Fulda schildert. Alle, die zum Üben oder für Kurse an die Hochschule kommen, müssen Maske tragen. Das gilt auch für Schauspieler oder Musikerinnen während der Lehreinheiten. Besuchten sonst acht bis zehn Studierende einen Kurs, sind es jetzt nur noch halb so viele. Weil rund 40 Prozent der Studierenden aus dem Ausland kommen, kümmerte sich die HfMDK besonders um diese Gruppe. Den fehlenden Austausch auf dem Campus versuchen Hochschule und Studierendenvertretungen über digitale Kanäle, regelmäßige Gespräche oder Chats auszugleichen.

„Wenn es kaum noch Begegnungen an der Hochschule gibt, besteht die Gefahr, zu vereinsamen“, sagt Fulda. Gerade weil die Studierenden ein aufwendiges Auswahlverfahren durchlaufen und handverlesen sind, erwarten sie viel von sich selbst und der Hochschule. „Das Studium in Pandemiezeiten läuft anders ab. Wir können den Studierenden nicht so viel mitgeben“, räumt Fulda ein und fügt hinzu: „Wir haben früh auf Veränderungen gesetzt und versuchen, die Situation kreativ zu nutzen. Aber wir wollen das Studium nicht verlängern, wie andere Hochschulen, und den Studierenden damit keine falschen Hoffnungen machen, die ja dann auch nicht eingetroffen sind.“

Weil Studierende in Musik, Tanz oder darstellender Kunst die Reaktionen und das Feedback eines Publikums brauchen, entwickelte die Hochschule neue Formate. Neben gestreamten Inhalten auf YouTube oder Facebook musizierten die Studierenden in unterschiedlichen Formationen in Gärten, Treppenhäusern oder auf Balkonen von Frankfurter Bürgern, die die Hochschule fördern. Mal wurden Studierende für ein Geburtstagsständchen bestellt, mal spielte ein Streichquartett im Treppenhaus.

Nothilfeprogramme für Studierende

Ohne regelmäßige Auftritte bricht vielen Studierenden auch eine wichtige Einnahmequelle weg. Gemeinsam mit ihren Förderern – dazu gehören Privatpersonen, Stiftungen, Vereine und Unternehmen – entwickelte die Hochschule zwei Corona-Nothilfeprogramme für bedürftige Studierende. So kamen im Frühjahr 2020 über den Corona-Hilfsfonds der Gesellschaft der Freunde und Förderer (GFF) der HfMDK insgesamt 150 000 Euro zusammen. Aus diesem Topf erhielten rund 300 Studierende Einmalzahlungen von je 500 Euro. Im Herbst 2020 haben die HfMDK-Stiftung und der GFF mithilfe ihrer Förderinnen und Förderer gemeinsam nochmals 144 000 Euro bereitgestellt; damit konnten nochmals rund 80 Stipendien vergeben werden, und zwar jeweils 300 Euro pro Monat für ein halbes Jahr, ähnlich wie beim Deutschlandstipendium. „Bürgerliches Engagement ist in Frankfurt sehr ausgeprägt und wichtig. Wir konnten schnell Förderer und Stiftungen gewinnen“, sagt Fulda.

Erschwerter Studienstart und Jobeinstieg

Dass Theater, Oper und die freie Kunstszene nahezu komplett schließen mussten, erschwert auch die Jobsuche von jungen Künstlern und Künstlerinnen enorm. „Der Übergang vom Studium in den Beruf war bisher für die meisten fließend, weil sie früh Kontakte knüpfen konnten. Weil aber seit einem Jahr Kultur nicht mehr stattfindet, sind diese Mechanismen außer Kraft gesetzt und der Berufseinstieg für Absolventen ist schwieriger geworden“, erklärt Fulda.
Aber die Pandemie beeinflusst wohl auch die Studienwahl, im vergangenen Jahr bewarben sich weniger Studienanfänger an der HfMDK. Das mag auch an den rigiden Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen liegen. Laut einer Pressemitteilung des Deutschen Musikrats und der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen vom 1. März 2021 erwägen 20 Prozent der Studierenden an staatlichen deutschen Musikhochschulen, ihr Studium vorzeitig abzubrechen. Noch zeigt sich dieser Trend nicht an der HfMDK, doch das kann sich ändern.

An den 24 staatlichen deutschen Musikhochschulen lernen rund 17 000 Studierende. Für sie begann im April das dritte Semester im Ausnahmezustand. Wesentliche Teile ihrer Ausbildung wie Ensemble- und Orchesterspiel, Projektarbeit und Auftrittserfahrungen entfallen weitgehend. Das wirkt sich auch auf die Motivation und beruflichen Perspektiven aus. Deshalb appelliert Elmar Fulda eindringlich an Politik und Gesellschaft, sich der identitätsstiftenden Kraft von Kunst und Kultur wieder bewusst zu werden: „Die Stimmung ist heute düsterer als vor einem Jahr. Bildung und Kultur wird kaum Beachtung geschenkt. Das schadet auf Dauer der gesamten Gesellschaft.“ //

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