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„Unsere Hochschulen sind attraktiv für Ausländer"

Ihr Glück in der Heimat suchen viele türkeistämmige Absolventen deutscher Hochschulen. Warum manche bleiben und Professoren werden, hat die Hochschulforscherin Aylâ Neusel untersucht. Ihre Ergebnisse stellt sie Anfang Oktober auf dem Kongress der Gesellschaft für Soziologie vor.

duz: Frau Professorin Neusel, warum verlassen hochqualifizierte Türken Deutschland und gehen zurück in ihre Heimat?

Neusel: Das ist vor allem eine Generationenfrage. Meines Wissens gibt es immerhin mehr als sechzig Männer und Frauen aus der Türkei, die als Professoren an deutschen Hochschulen arbeiten. Sie sind in Deutschland angekommen, haben eine erfolgreiche Karriere durchlaufen, hohe Positionen erreicht, sind anerkannt, verbeamtet und integriert. Das ist eine privilegierte Gruppe. Aber von der jungen Generation, die zum Studieren und Promovieren nach Deutschland gekommen ist, zieht es viele in die Türkei. Denn sie finden an deutschen Hochschulen nur schwer eine weiterführende Stelle und sehen daher keine langfristige Perspektive.

duz: In der Türkei sieht das besser aus?

Neusel: Durchaus, die Türkei ist ein wirtschaftlich prosperierendes Land mit zwei Millionen Studenten, das viel Geld in den Bildungsbereich investiert. Der Bedarf an wissenschaftlichem Personal ist groß, vor allem wegen der vielen neuen Hochschulen. Absolventen von deutschen Hochschulen sind an türkischen Hochschulen und in der Wirtschaft gern gesehen. Zudem bietet das türkische Hochschulsystem mit dem Tenure track-System für Wissenschaftler verlässlichere Karrierestufen als in Deutschland. Damit verlieren wir hochqualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs ans Ausland.

duz: Was muss sich an deutschen Hochschulen ändern, um diese Leute zu halten?

Neusel: Vor allem müssen die Hochschulen das Abwanderungsproblem erkennen und diese jungen Menschen, die vor der Entscheidung stehen, ob sie gehen oder bleiben sollen, mehr schätzen. Leider bestehen nach wie vor Vorurteile über die Herkunft aus dem bildungsfernen migrantischen Arbeitermilieu. Dabei sollte man die Erfolge feiern, dass über einige Generationen ein erheblicher sozialer Aufstieg stattgefunden hat. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes belegt das. Der Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund aus niedrigen sozialen Schichten beträgt 34 Prozent. Bei Studierenden ohne Migrationshintergrund sind es nur 13 Prozent. Auch der Frauenanteil ist mit 50,2 Prozent höher als bei den deutschen Studierenden mit 47,6 Prozent. Ich kann mir vorstellen, dass die vielen Fördermaßnahmen für die Gleichstellung gut auf die Migrantenkinder übertragbar wären.

duz: Jenseits der Studenten gibt es offenbar weniger klare Zahlen für diesen Erfolg.

Neusel: Zumindest gibt es bisher in Deutschland keine Studie über Professoren mit Migrationshintergrund. In Kooperation mit Professor Dr. Andrä Wolter von der Humboldt-Universität Berlin untersuche ich momentan die Karriereverläufe und Karrierebedingungen internationaler Professorinnen und Professoren an deutschen Hochschulen. Die Studie zu den türkischen Professoren ist die kleine Schwester davon. Es ist nicht einfach, diese heterogene Gruppe zu definieren und ausfindig zu machen. Die Hochschulen erfassen lediglich Professoren mit ausländischem Pass.

duz: Sie suchen die Nadel im Heuhaufen. Wieso machen Sie sich diese Mühe?

Neusel: Weil mich der „methodologische Nationalismus“, wie Soziologen es nennen, ärgert. Nämlich, dass in der Wissenschaft wie im Alltag Türken, Russen, Österreicher, Deutsche verglichen werden, um etwa die Bildungsarmut der Migrantenkinder zu belegen. Es gibt an deutschen Hochschulen ein großes Potenzial von wissenschaftlicher Migration. Die Hochschulen können von den Erfahrungen und von der anderen Sichtweise der Migranten profitieren. Durch meine Studie möchte ich hervorheben, dass unsere Hochschulen attraktiv sind für Ausländer, und dass es unter ihnen auch etliche migrantische Aufsteiger gibt.

duz: Wie kann das gelingen?

Neusel: Wir gehen von einer doppelten Komplexität aus: die heterogene Gruppe von internationalen Professoren plus die Vielfalt der unterschiedlichen Einflussfaktoren. Nicht allein die Herkunft ist entscheidend für die Unterschiede, sondern ein Bündel an Einflüssen bestimmt die Karriereverläufe: Von der Globalisierung der Arbeitsmärkte für Akademiker, der Internationalisierung der Hochschulen über die sozio-ökonomischen und kulturellen Bedingungen der Bildungsbiographien bis zu den individuellen Fakten.

Zur Person: Aylâ Neusel

Aylâ Neusel

Die in Istanbul geborene Professorin ist Forscherin am Internationalen Zentrum für Hochschulforschung (Incher) Kassel und war von 1999 bis 2003 Präsidentin der Internationalen Frauenuniversität.

Der Soziologie-Kongress findet vom 1. bis 5. Oktober in Bochum statt. Info: www.dgs2012.de

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