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Warum Forschung zur Wissenschaftskommunikation für Gesellschaft und Wissenschaft wichtig ist​

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat von September 2020 bis April 2021 die #FactoryWisskomm organisiert, einen Diskussionsprozess mit über 150 Teilnehmern aus Wissenschaft, Wissenschaftsorganisationen und der Praxis der Wissenschaftskommunikation. In sechs Arbeitsgruppen wurden „Handlungsperspektiven für die Wissenschaftskommunikation“ erarbeitet. Die Arbeitsgruppe zum „Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation“ zeigte neben konkreten Empfehlungen für die konzeptionelle, institutionelle und organisatorische Stärkung der Forschung zur Wissenschaftskommunikation auch auf, warum man solche Forschung überhaupt braucht. Rainer Bromme, Birte Fähnrich, Benedikt Fecher und Alina Loth fassen die Argumente zusammen.

Wenn Wissenschaft stärker in die Gesellschaft wirken soll, sollte klar sein, unter welchen Bedingungen dies verantwortlich und nachhaltig geschehen kann. Dafür ist Forschung zur Wissenschaftskommunikation nötig, die sich auf unterschiedliche Disziplinen bezieht, unter anderen Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Wissenschaftsphilosophie, Erziehungswissenschaften einschließlich der Fachdidaktiken – und, je nach Fragestellung, auch weitere Fächer. Eine so verstandene Wissenschaftskommunikationsforschung betrachtet die kommunikativen Austauschbeziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft als ihren Forschungsgegenstand, formuliert auf dieser Basis relevante Fragestellungen und steht im Austausch mit der Praxis.

Was die Forschung zur Wissenschaftskommunikation für ein Verständnis der komplexen Austauschbeziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft leisten kann, lässt sich an einigen Problemstellungen verdeutlichen:

  • Die fortschreitende digitale Transformation von öffentlicher und privater Kommunikation ermöglicht für alle Bürgerinnen und Bürger eine unmittelbare Beteiligung an Kommunikationsprozessen aus und über Wissenschaft. Damit sind Chancen verbunden, denen aber auch neue Herausforderungen gegenüber stehen. Wissenschaftskommunikationsforschung analysiert, versteht und beschreibt diese Prozesse. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es ‚die Öffentlichkeit‘ nicht gibt, sondern dass unterschiedliche Bevölkerungssegmente auch unterschiedlichen Bezug zu wissenschaftlichen Themen haben. Auch ist ‚die Wissenschaft‘ nicht homogen: Unterschiedliche Fächer haben auch unterschiedliche kommunikative Austauschbeziehungen mit der Gesellschaft.​
  • Damit rücken die Akteure in den Blick, die auf diversen mediale Kanälen und Plattformen über vielfältige Themen der Wissenschaft kommunizieren. Welchen Einfluss dabei traditionelle Kommunikatoren wie (Wissenschafts-)Journalistinnen oder Hochschulsprecher, aber auch „neue“ Mediatorinnen wie Influencer, Aktivistinnen oder Bloggende auf die öffentliche Wahrnehmbarkeit von Wissenschaft haben, ist ebenfalls eine wichtige Frage der Forschung. Zentral ist die Analyse dieser Entwicklungen auch, weil die Diversifikation der Kommunikatorinnen und Kommunikatoren mit einer Veränderung von Qualitätsstandards der Wissenschaftskommunikation einhergehen kann. Gerade die jüngsten Debatten um Wissenschaftsskepsis, Mis- und Desinformation verweisen auf die anhaltende Relevanz dieser Themen.
  • Einen wichtigen Beitrag zur Reflexion innerhalb der Wissenschaft leistet die Forschung, indem sie fragt, welche Rückwirkungen Wissenschaftskommunikation auf die Wissenschaft selbst hat. So zeigt die Geschichte der Forschung zum Klimawandel, dass das Engagement von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für gesellschaftliche Probleme wesentlich dazu beiträgt, dass diese überhaupt wahrgenommen und als solche verstanden werden. Damit werden Wissenschaftlerinnen teilweise aber auch zu politischen Akteuren. Dies wirft Fragen nach dem Verhältnis von wissenschaftlichen Normen wie Objektivität/Neutralität einerseits und dem gesellschaftlichen Engagement von Wissenschaftlern andererseits auf. Damit ergeben sich auch konzeptionelle und empirische Fragen für die Forschung, weil in der Wissenschaftskommunikation die Rolle von Wissenschaft in gesellschaftlichen Problemdiskursen grundlegend mitverhandelt wird. ​

Diese in aller Kürze skizzierten Beispiele zeigen die Bandbreite möglicher Themen und verweisen darauf, dass diese sich wesentlich aus der gesellschaftlichen Praxis der Wissenschaftskommunikation ergeben. Erst die Forschung ermöglicht aber, diese Zusammenhänge zu erklären, informiert zu diskutieren sowie evidenzbasiert Lösungsmöglichkeiten für die Praxis zu entwickeln und diese empirisch zu testen. Denn – so ist es auch immer wieder in den Diskussionen in der #FactoryWisskomm angeklungen, es geht nicht notwendigerweise um mehr, sondern um bessere Wissenschaftskommunikation.

Die oben skizzierten Beispiele für Problemstellungen zeigen allerdings auch, dass es viele Themen gibt, die durchaus drängend, aber nicht alleine durch empirische Studien, durch die Entwicklung von Indikatoren oder die Evaluation einer Maßnahme zu bearbeiten sind. Sondern viele dieser Problemstellungen lassen sich nur bearbeiten, indem die Akteure im Wissenschaftssystem selbst über sie reflektieren und Lösungen aushandeln, selbst wenn sie damit die Problemstellungen nicht ‚erledigen‘ können. Beispiele sind das erwähnte Normativitäts-/Objektivitätsproblem oder die Frage nach Qualitätsanforderungen an Wissenschaftskommunikation. Ein anderes Beispiel ist, dass das Vertrauen von Bevölkerungsgruppen in Wissenschaft auch von Bedingungen abhängt, die weder die Wissenschaft noch die Praktiker der Wissenschaftskommunikation wesentlich beeinflussen können.

Für realistische Erwartungen sorgen

Umso wichtiger ist es, dass die Akteurinnen und Akteure im Wissenschaftssystem von diesen Bedingungen wissen. Forschung zur Wissenschaftskommunikation kann dann auf solche Probleme aufmerksam machen, den theoretischen Rahmen für eine Reflexion bieten und empirische Daten zu den Randbedingungen solcher Problemlagen liefern. Sie kann damit in Politik- und Gesellschaftsberatung sowie in Lehre und Weiterbildung dazu beitragen, dass es realistische Erwartungen an die Möglichkeiten der Wissenschaftskommunikation gibt.

Natürlich lassen sich die Konturen einer Wissenschaft nicht nur durch die vorgefundenen Problemlagen und Gegenstände definieren, auf die sie sich bezieht. Wissenschaftliche Felder haben und brauchen auch ein Eigenleben, im Zusammenspiel von eher angewandter und eher grundlagenorientierter Forschung, um nach außen leistungsfähig zu sein und sich zu erneuern.

Das Forschungsfeld fördern

Die Grundbedingung für ein florierendes Forschungsfeld ist der produktive Austausch verschiedener disziplinärer Expertisen über die komplexen Austauschbeziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Diese methodisch und theoretisch angemessen zu beschreiben, ist die Aufgabe der Forschung zu Wissenschaftskommunikation. Wir setzen uns daher für eine nachhaltige Stärkung des Forschungsfeldes Wissenschaftskommunikation ein. Angestrebt wird eine zukunftsgerichtete (Weiter-) Entwicklung und strukturelle Stabilisierung eines interdisziplinären und international orientierten Forschungsbereichs, der sowohl grundlagen- als auch anwendungsorientiert wichtige Impulse für Wissenschaft, Politik, und die Praxis liefert.


Eine Langfassung des Beitrags, Handlungsempfehlungen und die Liste der Teilnehmenden an der AG finden sich nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der #FactoryWisskomm am 23. Juni 2021 hier: https://www.bmbf.de/de/wissenschaftskommunikation-216.html

Die Autorinnen und Autoren waren Sprecher der Arbeitsgruppe „Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation“ in der #FactoryWisskomm.

Prof. Dr. Rainer Bromme  – Institut für Psychologie, Universität Münster, Münster

Dr. Birte Fähnrich – Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities, Berlin

Dr. Benedikt Fecher – Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Berlin

Dr. Alina Loth – Museum für Naturkunde, Berlin

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