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Vernünftige Gründe

Viel wird über den Tierschutz diskutiert – wenig über die wissenschaftliche Qualität von Tierversuchen. Dabei täte das not. Eine ethische Betrachtung von Prof. Dr. Hanno Würbel

Tierversuche sind ein hochemotionales Thema, viel mehr etwa als die landwirtschaftliche Nutztierhaltung. Das ist erstaunlich, zumal in Deutschland auf jedes getötete Versuchstier 300 geschlachtete Nutztiere kommen und diese im Vergleich mit Versuchstieren in vielerlei Hinsicht weniger gut vor Schmerzen, Leiden und Schäden geschützt sind. Woran liegt das?

Transparenz gegen Wahrnehmungsverzerrungen

Aus Sicht der Wissenschaft liegt es an Wahrnehmungsverzerrungen. Solche sind nicht von der Hand zu weisen. Denken wir an landwirtschaftliche Nutztiere, kommen uns grasende Kühe auf saftigen Alpweiden in den Sinn, bei Tierversuchen dagegen Affen mit Schädelimplantat und zur Grimasse entstelltem Gesicht. Beide Szenerien haben mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun. Doch während tierische Nahrungsmittel von Vermarktern professionell beworben werden, hat die Wissenschaft bei Tierversuchen die Macht der Bilder weitgehend Tierversuchsgegnern überlassen. Hinzu kommt, dass Schmerzen und Leiden in der Nutztierhaltung als Kollateralschäden wahrgenommen werden, bei Tierversuchen dagegen als vorsätzlich zugefügte Qualen.

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen versucht deshalb seit einigen Jahren mit der Informationsplattform „Tierversuche verstehen“ gegenzusteuern. Diesen Sommer wird sie mit einer Initiative für transparente Information und offene Kommunikation über Tierversuche nachlegen. Die Strategie könnte aufgehen und nicht zuletzt den Tieren zugutekommen. Denn Transparenz erfordert hohe Tierschutzstandards. Beides ist notwendig, anders werden Tierversuche einer breiten Öffentlichkeit auf Dauer nicht zu vermitteln sein. Das zeigen Umfragen in Deutschland und anderswo: Immer mehr Menschen fordern größere Anstrengungen bei der Entwicklung tierfreier Alternativen und stehen vor allem schwerbelastenden Tierversuchen zunehmend kritisch gegenüber. Doch wie lassen sich Tierversuche ethisch überhaupt rechtfertigen?

Wie lassen sich Tierversuche ethisch rechtfertigen?

Für manche Menschen gar nicht. Ergebnisse aus Tierversuchen seien gar nicht auf Menschen übertragbar, lautet ihr Hauptargument. Tatsächlich lässt sich nicht jedes Ergebnis auf Menschen übertragen. Doch wer Tierversuchen jegliche Übertragbarkeit auf Menschen abspricht, negiert sowohl unsere Evolutionsgeschichte als auch die Medizingeschichte. Zudem werden Tierversuche nicht nur für humanmedizinische Zwecke durchgeführt. Unser Wissen über biologische Vorgänge beruht maßgeblich auf Tierversuchen, ganz zu schweigen von der Tiermedizin. Dennoch sind längst nicht alle Tierversuche ethisch zu rechtfertigen.

Laut Tierschutzgesetz sind Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken. Unerlässlich sind sie dann, wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere gemessen am erwarteten Erkenntnisgewinn ethisch vertretbar erscheinen. Das Gesetz fordert also keine Nulltoleranz, sondern einen vernünftigen Grund. Dieser muss im Rahmen eines behördlichen Genehmigungsverfahrens mittels Güterabwägung für jeden Tierversuch im Einzelfall nachgewiesen werden.

Eine Güterabwägung ist allerdings keine exakte Wissenschaft und das oft bemühte Bild der Waage ist insofern falsch, als es für die zu vergleichenden Güter – Erkenntnisgewinn auf der einen, Belastung der Tiere auf der anderen Seite – keine gemeinsame Werteskala gibt. Ob ein Tierversuch unerlässlich ist, lässt sich deshalb weder messen noch ausrechnen.

Um dennoch zu einer Entscheidung zu gelangen, muss die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen im Diskurs erwogen und nachvollziehbar begründet werden. Dazu werden die Genehmigungsbehörden von Tierversuchskommissionen beraten. Diese bestehen neben Personen mit veterinärmedizinischen, medizinischen und anderen naturwissenschaftlichen Fachkenntnissen zu mindestens einem Drittel aus Personen, die von Tierschutzorganisationen vorgeschlagen werden. Mit dieser pluralistischen Zusammensetzung soll letztlich gesellschaftliche Akzeptanz hergestellt werden. Doch kann das Genehmigungsverfahren seinen Zweck überhaupt erfüllen?

Die Qualität von Tierversuchen ist mangelhaft

Kritiker des Status quo werden gerne als Tierversuchsgegner abgestempelt, ihre Kritik mit Verweis auf „eines der strengsten Tierschutzgesetze der Welt“ pauschal zurückgewiesen. Aber dass in Deutschland – wie von diesem Gesetz verlangt – kein Versuchstier ohne vernünftigen Grund leiden muss, ist eine Fiktion. Denn die Güterabwägung ist nur der letzte Schritt bei der Beurteilung der Unerlässlichkeit eines Tierversuchs. Genauso wichtig sind dessen wissenschaftliche und tierschützerische Qualität. Letztere wird anhand des 3R-Prinzips geprüft. Die drei R stehen für Replace, Reduce und Refine und verlangen, Tierversuche, wenn immer möglich, durch tierfreie Methoden zu ersetzen (replace), möglichst wenige Tiere zu verwenden (reduce) und diese so schonend wie möglich zu behandeln (refine). Obwohl gesetzlich verankert, bemängeln Tierschützer den geringen Fortschritt bei der Umsetzung des 3R-Prinzips.

Im Gegensatz zur tierschützerischen Qualität wurde die wissenschaftliche Qualität von Tierversuchen bisher kaum hinterfragt. Diese gilt als Kernkompetenz der Wissenschaftler. Entsprechend wurden Tierversuche im Vertrauen auf höchste wissenschaftliche Standards genehmigt. Dass dieses Vertrauen nicht unbedingt gerechtfertigt ist, hat die sogenannte „Reproduzierbarkeitskrise“ in aller Deutlichkeit aufgezeigt. Demnach lassen sich viele wissenschaftliche Ergebnisse – auch solche aus Tierversuchen – nicht reproduzieren. Wenn aber Versuchsergebnisse nicht reproduzierbar und damit wissenschaftlich nicht aussagekräftig sind, wird Tieren ohne vernünftigen Grund Schaden zugefügt.

Drei Pfeiler für ein wirksames Qualitätsmanagement

Es fehlt offenbar ein wirksames Qualitätsmanagement zur Sicherstellung der wissenschaftlichen und tierschützerischen Qualität von Tierversuchen. Das birgt hohe Reputationsrisiken für die Forschungsinstitutionen, die gerade im Hinblick auf die anstehende Transparenzinitiative möglichst rasch abgebaut werden sollten. Die Maßnahmen dazu sind vielfältig.

Ein zentraler Pfeiler ist die Ausbildung der Forschenden. Wissenschaftliche Integrität und gute Forschungspraxis, aber auch Tierschutz und Versuchstierkunde müssen in der Ausbildung einen höheren Stellenwert einnehmen. Ein zweiter wesentlicher Pfeiler ist die aktive Unterstützung der Forschenden. Tierschutzbeauftragte sind gesetzlich bereits vorgeschrieben, verfügen jedoch meist über zu wenig Kapazität, um Forschende bei der Umsetzung des 3R-Prinzips umfassend zu beraten. Vergleichbarer Strukturen bedarf es zudem zur Unterstützung der Forschenden bei der Versuchsplanung und statistischen Auswertung der Daten. Der dritte wichtige Pfeiler umfasst das Monitoring und die Evaluation der Qualität von Tierversuchen.

Ein wirksames Qualitätsmanagement schafft die nötigen Voraussetzungen, damit Forschende ihre Verantwortung für die wissenschaftliche und tierschützerische Qualität von Tierversuchen tatsächlich wahrnehmen können. Dies dürfte nicht nur den ethisch verantwortungsvollen Umgang mit Versuchstieren fördern, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft nachhaltig stärken. //

ZUR PERSON

Prof. Dr. Hanno Würbel studierte Biologie an der Uni Bern und promovierte an der ETH Zürich über Ursachen und Auswirkungen von Verhaltensstörungen bei Labormäusen. Seit 2011 ist er Leiter Tierschutz am Department of Clinical Research and Veterinary Public Health in Bern.

Foto: Privat​

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