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„Man kann nicht alles im Voraus durchdenken“

Ulrich Frey forscht zu Denkfehlern in Wissenschaft und Alltag, die oft teuer und nur mit viel Mühe wieder auszubügeln sind. Im duz-Interview erklärt er, warum sie sich kaum vermeiden lassen – und auch ihr Gutes haben.

duz: Herr Frey, was macht es uns so schwer, Fehler einzugestehen?

Frey: Erfolge schreibt man gern sich selbst zu, Misserfolge oft anderen oder den äußeren Umständen. Wer stellt schon gern sein Selbstbild in Frage?

duz: Warum erforschen Sie Fehler?

Frey: Zunächst hat mich interessiert, wie man Effizienz durch die Vermeidung von Fehlern steigern kann. Außerdem fand ich es spannend, dass Menschen in Mustern denken – und immer wieder die gleichen Fehler machen. Wissenschaftler, die Profidenker, sind da eingeschlossen.

duz: Was ist ein typischer Denkfehler?

Frey: Wenn man den gleichen Sachverhalt allein aufgrund unterschiedlicher Formulierung der Rahmendaten anders interpretiert. Wenn ein Mediziner also eher zu einer Therapie rät, bei der 90 Prozent der Therapierten überleben, als zu einer Therapie, bei der zehn Prozent sterben.

duz: Lässt sich das übertragen?

Frey: Solche Deutungsmuster findet man in allen Bereichen. Man bedient sich ihrer ohne Vorsatz und unterbewusst. Oft greifen sie schon bei der Hypothesenbildung und haben einen entsprechend starken Einfluss auf die Forschung.

duz: Was kann man dagegen tun?

Frey: Denkfehler sind in der Regel sehr resistent gegen Veränderungen. In verschiedenen Studien haben die Versuchspersonen trotz Belehrung die gleichen Fehler gemacht.

duz: Was steckt dahinter?

Frey: Wir befassen uns oft mit sehr komplexen Systemen, die dynamisch sind und sich weiterentwickeln. Wir sehen oft nur einen Haupteffekt und nicht die vielen möglichen Nebenwirkungen und Spätfolgen. Außerdem kann man nicht komplett alles im Voraus durchdenken.

duz: Wie sieht es bei Fehlern im Hochschulmanagement aus?

Frey: Manager neigen dazu, ihre Expertise als entscheidenden Faktor zu sehen, um Probleme zu lösen. Der Marketingchef etwa meint, die Lösung liege vor allem im Marketing. Und auch wenn es so scheint, als sei ein Fehler einem Einzelnen passiert, liegt er oft im System.

duz: Was hilft?

Frey: Das hängt ganz vom Einzelfall ab. Kontrollen können helfen, Checklisten, wie sie in der Luftfahrt üblich sind, oder eine Veränderung des Ablaufes oder der Struktur einer Organisation. Und das Fresh-Eye-Prinzip, nachdem Teams ausgetauscht werden, die für ein System blind geworden sind. Es kann sich auch immer lohnen, methodisch anders geschulte Experten auf einen Projektentwurf sehen zu lassen.

duz: Machen solche Kontrollen Prozesse nicht auch langsamer?

Frey: Ja, in der Regel schon. Doch langfristig gesehen ist es ein geringerer Aufwand, einen Fehler zu beheben, der in einem früheren Stadium entdeckt wird.

duz: Fehler sind oft teuer, manchmal kosten sie Menschenleben. Kann man ihnen auch etwas Gutes abgewinnen?

Frey: Durchaus. Aus Fehlern kann man oft besonders viel über einen Gegenstand erfahren. Funktioniert etwas nicht, lernen wir oft viel darüber, wie es funktioniert. Das macht Fehler in allen Bereichen des Lebens wertvoll.

Literaturhinweis: Ulrich Frey, Johannes Frey: „Fallstricke: Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft“, 3. Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2011, 240 S., 12,95 Euro

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