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Näher ran an die Patienten

Ob Augsburg, Bielefeld oder Oldenburg: Mit neuen Fakultäten und Studienangeboten wollen Politik und Hochschulen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – den Ärztemangel bekämpfen und zugleich die Ausbildung des Medizinernachwuchses modernisieren

Die Humanmedizin hat den Ruf, ein eher konservatives Fach zu sein. Die Mehrzahl der 37 staatlichen Hochschulmedizinstandorte – hinzu kommen noch sieben private Hochschulen – bildet derzeit immer noch klassisch wie seit vielen Jahrzehnten aus: zwei Jahre Vorklinik mit naturwissenschaftlichem Grundlagenwissen bis zur Physikumsprüfung. Danach drei Jahre Klinik mit Blockpraktika, dann das Praktische Jahr mit Innerer Medizin, Chirurgie und einem Wahlfach. Ihren ersten Patienten sehen viele Studierende erst im dritten Studienjahr.

Das und anderes könnte sich bald deutschlandweit im Medizinstudium ändern, wenn wie geplant eine neue Approbationsordnung in Kraft tritt. Der Entwurf liegt schon vor. Die Ordnung regelt die Ausbildung und Prüfungen der künftigen Mediziner. Aktuell wird der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) auf Grundlage des „Masterplans Medizinstudium 2020“ des Bundesforschungsministeriums weiterentwickelt. Mit der Approbationsordnung soll ­dieser neue NKLM an allen medizinischen Fakultäten in Deutschland verpflichtend umgesetzt werden.

Für den Medizinischen Fakultätentag (MFT) ist die neue Approbationsordnung die derzeit größte Herausforderung der Hochschulmedizin, denn vieles wird damit in Bewegung gebracht und deutlich sichtbarer im Studium: mehr Praxisbezug schon zu Studienbeginn; ein fester Platz im Curriculum für den bisher vernachlässigten Themenkomplex Öffentlicher Gesundheitsdienst; mehr Lehrveranstaltungen für interprofessionelles Lernen gemeinsam mit anderen medizinischen Berufen als Vorbereitung auf den Berufsalltag; mehr Experimentierspielraum für digitalisierte Lehrformate. Auch sollen Skills wie ärztliche Gesprächsführung mehr Platz einnehmen. Nicht zuletzt soll ein deutlich stärkerer Akzent auf der Allgemeinmedizin liegen. Sie soll Prüfungsfach im dritten Staatsexamen nach dem Praktischen Jahr (PJ) werden. Das PJ selbst wird künftig nicht aus drei, sondern aus vier Stationen bestehen. Und neu als dritte Pflichtstation ist die ambulante Medizin.

Das wiederum gefällt vielen medizinischen Fachgesellschaften nicht, die sich mit Nachwuchssorgen plagen: Sie befürchten, dass viele Studierende wegen des Prüfungsfachs als vierte Station im PJ ebenfalls die Allgemeinmedizin wählen, statt sich in Fächern wie der Nephrologie oder Pathologie auszuprobieren.

Eine in der Approbationsordnung enthaltene Neuerung ist das sogenannte Z-Curriculum, das einige Universitäten modellhaft bereits eingeführt haben: Klinische Inhalte sollen deutlich weiter an den Beginn des Studiums rücken, grundlagenwissenschaftliche Inhalte dagegen sollen sich durchs ganze Studium ziehen. „Die Lernmotivation ist deutlich größer, wenn der Anwendungsbezug für die Studierenden von Anfang an zu erkennen ist und wenn sie direkt an praktischen Übungen lernen, warum beispielsweise biochemisches Grundlagenwissen so wichtig für die Diagnose und Behandlung von Diabetes ist“, sagt Prof. Dr. Martina Kadmon, Vizepräsidentin des MFT und Dekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg.

Herausforderung Kapazitätsrecht

Eine Herausforderung ist in diesem Zusammenhang das Kapazitätsrecht, das die Studienplätze an die Zahl der Lehrenden koppelt. Dies gilt im ersten Studienabschnitt, der Vorklinik, nicht mehr jedoch in der Klinik, wo Praxiswissen im Uniklinikum und in Lehrkrankenhäusern vermittelt wird. Wenn nun ein Teil dieser Inhalte in den ersten Studienabschnitt gezogen würde, sei es erforderlich, für diese das Kapazitätsrecht auszusetzen, „um erhebliche Verwerfungen bei den Zulassungszahlen zu vermeiden und so in Praxiskursen weiterhin kleine Gruppen ermöglichen zu können“, so Martina Kadmon.

Hintergrund für die stärkere Gewichtung der Allgemeinmedizin wiederum ist das (politische) Ziel, den Mangel an Hausärzten vor allem in ländlichen Regionen zu bekämpfen. Darüber hinaus ist bereits in dem 2017 verabschiedeten „Masterplan Medizinstudium 2020“ ein Bestandteil die sogenannte „Landarztquote“ (siehe Grafik Landarztquote). Hochschulen sollen Anreize für junge Medizinerinnen und Mediziner schaffen, als allgemeinmedizinische Hausärzte in ländlichen Regionen zu arbeiten. Das heißt: Ein zuvor festgelegter Prozentsatz der Medizinstudierenden bekommt einen Studienplatz unter der Vorgabe, sich nach dem Studium als Allgemeinmediziner in der Peripherie niederzulassen oder eine bereits bestehende Praxis zu übernehmen. In elf Bundesländern ist eine Quote bereits in Kraft oder geplant. Doch ob sie tatsächlich Wirkung zeigen werde, lasse sich frühestens in zehn Jahren sehen, sagt Martina Kadmon.

Studierende gegenüber Quote skeptisch

Und was sagen die Studierenden dazu? Für Philip Simon, 9. Semester an der Universität Kiel und engagiert in der Gruppe der Nachwuchsmediziner und Studierenden beim Hartmannbund, gehen Anreize, als Allgemeinmediziner zu arbeiten, zwar in die richtige Richtung. „Aber nicht mit einer Quote, die den starken Wunsch nach einem Medizinstudienplatz ausnutzt.“ Deshalb hält er zum Beispiel auch die Quote für den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Sachsen-Anhalt, die einen Teil der Absolventinnen und Absolventen zur Arbeit als Amtsärzte verpflichtet, für keine gute Lösung. „Es muss stattdessen finanzielle Anreize und mehr gesellschaftliche Anerkennung geben“, betont Simon. „Die Gehälter der Amtsärzte und Hausärzte müssen an die Gehälter der Klinikärzte angepasst werden. Es darf nicht sein, dass eine deutliche Diskrepanz zu den Kolleginnen und Kollegen in Krankenhäusern besteht.“

Philip Simon selbst interessiert sich für eine spätere Tätigkeit im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), weshalb er es sehr begrüßt, dass dieses Gebiet im Curriculum künftig mehr Raum einnehmen soll. Dem Medizinischen Fakultätentag geht dies nicht weit genug: „Die Stärkung des ÖGD in der Lehre muss einhergehen mit neuen Professuren und Nachwuchsgruppen, um parallel auch die Forschung vo-ranzutreiben“, betont Martina Kadmon. Nur so könne das Gebiet fest verankert werden.

Ein weiterer Punkt, der Philip Simon und viele andere Studierende verunsichert und auch verärgert: Es gibt noch keine wirklich schlüssigen Konzepte, wie der für das zweite Staatsexamen relevante klinische Studienabschnitt mit mehrwöchigen Praktika unter Corona-Bedingungen durchgeführt werden kann. „Es kann doch nicht sein, dass Studierende, weil die Praktika nicht wie geplant durchgeführt werden können, nicht zur Prüfung zugelassen werden“, kritisiert Simon.

Games halten langsam Einzug in der Lehre

Onlinelehre kann die Praktika zwar nicht ersetzen. Trotzdem gibt es inzwischen gute Ansätze für die digitalisierte Lehre, etwa Simulationen von Krankenhaussituationen. Hier hat die Hochschulmedizin noch einiges nachzuholen, aber die Corona-Beschränkungen scheinen den Prozess zu beschleunigen, beobachtet Dr. Tobias Raupach, Professor für Medizindidaktik an der Universität Bonn. Ein von ihm entwickeltes neues Lehrtool, ein Serious Game, vollzieht lebensecht die Stresssituation in einer Notaufnahme nach. Verschiedene Stresslevel können voreingestellt werden. ­­

Die Studierenden müssen sich um mehrere Patienten parallel kümmern, Anamnesen durchführen, eine Diagnose stellen und dann entsprechend schnell mit der Behandlung beginnen. Dafür können sie mit den Patienten ein Gespräch via Chat führen.

In einer aktuellen Studie konnten Raupach und sein Team nachweisen, dass der Lerneffekt dieses Spiels bezüglich des korrekten diagnostischen Vorgehens auch über 1,5 Jahre hinweg erhalten bleibt. Und wie im richtigen Leben kann ein Arztfehler durchaus auch negative Folgen haben, wie Raupach ausführt: „Wenn im Game ein Patient stirbt, weil bei der Diagnose etwas Entscheidendes übersehen oder falsch interpretiert wurde, kann das die Studierenden durchaus betroffen machen. Allerdings sollte das nicht zu oft passieren, weil es die Studierenden sonst nachhaltig frustriert.“ Es gebe bereits andere Games für Medizinstudierende, deren Lerneffekt ebenfalls messbar hoch sei, doch die sehr realistische Notaufnahmesituation sei etwas Neues, sagt der Medizindidaktiker. Wichtig für ihn ist: „Die Games sollten für alle Universitäten zugänglich sein.“

Dass Humanmedizin ungebrochen in der Top-Ten-Liste der beliebtesten Studienfächer zu finden ist, lässt sich an den Bewerberzahlen ablesen: 45 000 Bewerberinnen und Bewerber kommen auf 11 000 Plätze für Studienanfänger. In den vergangenen Jahren sind mit der Universität Augsburg (ab Seite 26), der European Medical School Oldenburg-Groningen (ab Seite 28) und der gerade gegründeten Hochschulmedizin in Bielefeld (ab Seite 30) neue Standorte und damit zusätzliche Studienplätze dazugekommen. Dahinter steckt vor allem Standortpolitik: Man will Leute ausbilden, die anschließend möglichst in der Region bleiben sollen. Ob die Idee aufgeht, muss – ähnlich wie bei der Landarztquote – die Zeit zeigen. Hinzu kommen private Medizinhochschulen wie die Universität Witten/Herdecke, die Medizinische Hochschule Brandenburg, die Paracelsus-Universität Standort Nürnberg oder die Kassel School of Medicine.

„Die Aufstockung der Studienplätze ist wichtig“, betont Expertin Martina Kadmon. „Für die junge Medizinergeneration muss, viel stärker als noch vor 20, 30 Jahren, Beruf und Familie vereinbar sein. Das verlangt nach Arbeitsmodellen, die zum Beispiel mehr Teilzeit ermöglichen. Das führt wiederum zu einem höheren Bedarf an jungen Medizinerinnen und Medizinern.“ Doch sei es nicht realistisch und auch nicht wünschenswert, die Zahl der Studienplätze so stark zu erhöhen, dass fast jeder Bewerber und jede Bewerberin berücksichtigt werden könne. „Wir müssen bedarfsgerecht ausbilden“, ist die Vertreterin des MFT fest überzeugt. //

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