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Mit der Glücksfee lernt sich‘s besser

Ko-Moderatorin Michelle Hunziker hat die Wetten dass-Show an der Seite von Thomas Gottschalk aufgepeppt. Ein Modell für die Lehre? An der Uni Zürich versuchten das Studierende und ihr Wirtschaftsprofessor. Es brachte Abwechslung, tieferes Verständnis und Entspannung.

Ihre Magisterarbeit begann Melanie Stäger vor dem Fernseher. Die Studentin der Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich schaute sich zwei Wochen lang TV-Shows auf allen Kanälen an. Das war aber keine Flucht vor unangenehmen Aufgaben, es war der Beginn eines didaktischen Experiments. Zusammen mit ihrem Professor Dr. Christian Ewerhart wollte sie dessen Vorlesung über die „Mikroökonomische Theorie der Firma“ als Ko-Moderatorin bestreiten. Showmaster aus dem Fernsehen, etwa Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker, waren die Vorlage dafür. Schließlich hatten sie jahrelang mit der „Wetten-dass-Show“ Erfolge gefeiert.

Vorlesungen halten sich im Hochschulbetrieb hartnäckig als Ein-Personen-Veranstaltung. Dabei ist der Frontalunterricht meist für beide Seiten anstrengend, meint die 27-jährige Stäger: „Ich habe viele Professoren erlebt, die sehr monoton sprechen, und habe selbst erfahren, dass es oft extrem schwierig und mühevoll ist, so lange zuzuhören.“ Ihr Professor ließ sich auf die Idee ein. Einige Jahre zuvor hatte ihm die Uni bereits eine Initiative zum interaktiven Lernen ermöglicht. Damals drehte er mit Studierenden Lehrfilme für das Internet. Im Anschluss daran diente nun Stägers Abschlussarbeit als Folgeprojekt. Da sich die Ausgaben auf Requisite und andere Kleinigkeiten beschränkten, ließen sie sich aus dem regulären Lehrstuhlbudget bestreiten.

Fünf Modelle der Moderation probierten die Studierende und ihr Professor in den Vorlesungen aus. So präsentierte Stäger in einem separaten Teil der Veranstaltung Folien, spielte in einer Showeinlage Glücksfee oder stellte als „überinteressierte Studentin“ ständig Fragen. Sie übernahm auch die Rolle der Moderatorin, die durch die Vorlesung führt, während Ewerhart in die Rolle des Experten schlüpfte. Die klassische Ko-Moderation, bei der beide die Inhalte in rasch wechselnder Abfolge vermittelten, war ebenfalls Teil des Experiments.

Für Ewerhart stand im Vorfeld bereits fest: „Wenn die Ko-Moderation mehr Arbeit macht, dann kann es kein Erfolgsmodell werden.“ Ein eigenes Drehbuch zu schreiben, kam nicht in Frage. Stattdessen sollte Stäger mit dem vorhandenen Script arbeiten und sich „einklinken“. Für konkrete Absprachen trafen sich beide lediglich jeweils vor der Vorlesung.
Diese Art der Lehre erfordert laut Ewerhart viel Flexibiliät und Improvisation. Schließlich müssen beide von ihrer Rolle auch wieder abweichen können und etwa bei Zeitdruck pragmatisch reagieren. Aber das werde auch belohnt: „Ein ganz großer Vorteil der Ko-Moderation ist“, sagt Ewerhart, „dass die Studenten grundsätzlich mehr Abwechslung haben.“ Es sei eher ein Erzählen und Diskutieren und führe zu einer viel lebhafteren Stimmung. „Nach 90 Minuten kommt auch der Prof entspannter aus der Vorlesung.“

Einer Evaluierung Stägers zufolge zogen 78 Prozent der Studierenden die Ko-Moderation einer klassischen Vorlesung vor. Vor allem die Rolle der Moderatorin, die durch die Vorlesung führt, erhielt positive Resonanz: 77 Prozent fanden dieses Modell hilfreich. Besonders gut funktioniert hat das Modell der fragenden Studentin. Viele Kommilitonen hätten sonst eher Verständnisprobleme und seien sehr dankbar gewesen, sagt Stäger, „dass ich die Fragen gestellt hab, die sie sich nicht getraut haben zu stellen“. Showeinlagen mit Verkleidungen und reine Effekthascherei hingegen gefielen den Studierenden weniger.

Die Hochschuldidaktikerin Dr. Sigrid Dany von der TU Dortmund meint, es sei zwar nichts Neues, in Vorlesungen Inhalte aufzuteilen, doch das Spiel mit verschiedenen Modellen sei einzigartig. Allerdings muss ihrer Meinung nach noch eingehend untersucht werden, ob bei den Studenten auch wirklich mehr Lehrinhalte hängenbleiben.
Nicht jede Art von Vorlesung eigne sich für Ko-Moderation, meinen Stäger und Ewerhart. „Die Inhalte müssen vorstrukturiert und eher einfach sein, damit die Vermittlung sowohl für die Zuhörerschaft als auch die Ko-Moderation machbar ist“, sagt Ewerhart. Anfängervorlesungen seien ideal. Denn Studierende in den ersten Semestern ermüdeten schneller als Masterstudenten. Ewerhart jedenfalls kann sich gut vorstellen, das Projekt fortzusetzen.

Die Vorlesung nach der Vorlesung – als Podcast

Die Vorlesung nach der Vorlesung – als Podcast

  • Die Lehrfilme, die im Rahmen der Initiative interaktives Lernen an der Uni Zürich gedreht wurden, können im Internet unter www.iew.uzh.ch/static/microtube/index.php heruntergeladen werden. Sie dürfen im Unterricht an Hochschulen frei verwendet werden. Die Podcasts der ko-moderierten Vorlesung sind ausschließlich für die Studierenden und Dozenten der Uni Zürich zugänglich.
  • Professor Ewerhart erwartet, dass die Technik künftig eine immer größere Rolle spielen wird und Dozenten das berücksichtigen müssten. Er bietet seinen Unterricht als Podcast an und schätzt, dass rund 80 Studenten seine Vorlesungen im Hörsaal verfolgen und noch einmal 100 an ihrem Computer zu Hause.
  • Ko-Moderation wurde vorrangig für das Fernsehen geschaffen. Für Ewerhart und Stäger bedeutete der Podcast deshalb einen zusätzlichen Spagat: Was im Hörsaal gut ankam, wirkte am kleinen Bildschirm nicht immer.

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