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Netzwerke und Vertrauen

Soziale Netzwerke hat es seit jeher gegeben. Sie verbinden die ihnen zugehörenden Personen durch eine Gemeinsamkeit, die auf Beziehungen, Überzeugungen, dem Beruf oder einer bestimmten Zielsetzung beruhen kann. Die Vorteile von Netzwerken gehen über die individuelle Ebene hinaus. Netzwerke können Randgruppen inkludieren, sie können Resilienz und eine Kultur der Offenheit fördern und sie können gefährdeten Personen Schutz bieten. Sie können dort eine Lücke schließen, wo Institutionen versagen, und sie können dafür sorgen,  dass Kooperationen dauerhaft fortgeführt werden.

Wissenschaftsnetzwerke funktionieren im Wesentlichen nicht anders; das Aufkommen elektronischer Medien hat jedoch die Macht von Netzwerken in den Mittelpunkt gerückt und nun muss die akademische Gemeinschaft sich mit einer wichtigen Frage von größerer Tragweite befassen: Kann diese Macht in gesellschaftlichen Kontexten genutzt und produktiv gemacht werden?

Der Artikel ist im DUZ Special "Die Kraft der wissenschaftlichen Netzwerke - 13. Forum zur Internationalisierung der Wissenschaft" erschienen, das von der Alexander von Humboldt-Stiftung herausgegeben worden ist.

Hier finden Sie die gesamte Ausgabe als PDF und als E-Journal und können kostenfrei die Print-Ausgabe bestellen:

www.duz-special.de/de/ausgaben/die-kraft-der-wissenschaftlichen-netzwerke

Internationale Vernetzung und Zusammenarbeit gelten beinahe überall als selbstverständlich. Die Identitäten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden von Wissenschaftsnetzwerken geformt, die bestimmen, wie wir forschen, wie wir große Datenmengen erheben und teilen und wie wir lehren. Sie bestimmen auch, wie Forschungskooperationen zustande kommen, wie „globale Akademien“ miteinander verbunden werden, wie wir Erkenntnisse veröffentlichen und wie solche Erkenntnisse den Kolleginnen und Kollegen sowie der Öffentlichkeit bereitzustellen sind.

Die Anforderungen an Netzwerke wandeln sich

Das frühere Paradigma „publish or perish“ (auf Deutsch in etwa: „veröffentlichen oder untergehen“) wird von Wissenschaftsnetzwerken und sozialen Medien allmählich durch ein neues Paradigma ersetzt. Dieses lautet nun „get visible or vanish“ (auf Deutsch in etwa: „sichtbar werden oder verschwinden“). Kurz gesagt: Die neuen digitalen sozialen Netzwerke haben das Paradigma verändert und eine „unsichtbare Universität“ erschaffen. Bei näherer Betrachtung offenbaren ihre Hauptmerkmale sowohl Chancen als auch Gefahren. Kann die alte akademische Welt der neuen Welt trauen?

Die Nutzung digitaler Netzwerke kann unbeabsichtigte, negative Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn auslösen. So können z. B.bestimmte digitale Netzwerke eine „soziale Isolation“ oder eine „soziale Abkopplung“ schaffen. Außerdem wird die Nutzung sozialer Netzwerke für die Entwicklung neuer Ideen zunehmend als problematisch wahrgenommen, insbesondere wenn es um die Rechte am geistigen Eigentum geht. Wie lässt sich der Ursprung einer Idee zurückverfolgen, wenn diese Idee in sozialen Netzwerken entstanden ist? Wer besitzt die geistigen Eigentumsrechte für diese Idee? Neue digitale Technologien erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Betrug, unethischem Verhalten und niedrigeren Qualitätskontrollen für neue Entdeckungen und Erkenntnisse.

Integrität und Vertrauen als wesentliche Voraussetzungen

In diesem Kontext könnte die jüngere Generation jedoch über diese Herausforderungen hinwegsehen. Diese demografische Gruppe ist wissbegierig: Sie möchte informiert werden, benötigt jedoch Inhalte, die in einem sie ansprechenden Format verpackt sind. Dies ist einer der Gründe, weshalb junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre eigenen Netzwerke entwickeln, um miteinander in Verbindung zu treten und sich gegenseitig einzubeziehen. Sie wünschen sich eine Plattform, die ihnen eine Stimme gibt und ihre Kreativität fördert. Werden die eigenen wissenschaftlichen Arbeiten auf dem traditionellen Weg der Veröffentlichung nicht akzeptiert, bieten Wissenschaftsnetzwerke eine Plattform, die solchen Werken Sichtbarkeit verleiht. Vertrauen in Wissenschaftsnetzwerke kann jedoch nur dann entstehen, wenn keine versteckte Agenda existiert und kontinuierliche Transparenz gegeben ist, ebenso wie die Bereitschaft, sich an laufenden Diskussionen auf ehrliche Weise zu beteiligen, selbst beim Umgang mit unbequemen Fragen. Wie es bei den meisten Kooperationen der Fall ist, sind Integrität und Vertrauen wesentliche Voraussetzungen für ihre Effizienz und Tragfähigkeit.

Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten mit ihren ursprünglichen Heimatländern zusammen – auf diese Weise tragen eingewanderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch zur Entstehung großer internationaler Netzwerke sowie zur Offenheit der Länder bei. In solchen Partnerschaften fungieren Netzwerke als unverzichtbare Brücken. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich rund um die Interessen der Beteiligten organisieren und entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten möchten. Des Weiteren sind gemeinsame Ziele, Mentoring, gemeinsames Kapital und gemeinsame Identität alles Faktoren, die zur Wertschöpfung des Wissenschaftsnetzwerks beitragen.

Heute sind digitale Wissenschaftsnetzwerke die neuen sicheren Häfen

Im Jahr 1088 gründete eine Gruppe von Gelehrten und Studierenden in der damaligen italienischen Gemeinde Bologna eine Zunft unter der allgemeinen Bezeichnung universitas societas magistrorum discipulorumque (allgemeine Gesellschaft von Lehrenden und Lernenden). Später wurden solche Zünfte nur noch „Universitäten“ genannt. Sie fungierten als die Hauptzentren ihrer Zeit für offene Debatten und Forschung. Im Laufe der Zeit folgten weitere Länder diesem Beispiel und schufen die Voraussetzungen für wissenschaftliche Debatten und Forschung ohne vorherrschende Zwänge. Sie boten gleich gesinnten Gelehrten die Gelegenheit, Landesgrenzen zu überqueren, um ihrer wissenschaftlichen Arbeit in der sicheren Umgebung von Universitäten nachzugehen.

Heute sind digitale Wissenschaftsnetzwerke die neuen sicheren Häfen. Um sie zu erhalten und ihren Nutzen zu mehren, ist es allerdings wichtig, dass alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dieser unsichtbaren Universität angehören, die Netzwerke verantwortungsvoll nutzen und von der wissenschaftlichen Freiheit, die sie bieten, bedacht Gebrauch machen. Wenn digitale Netzwerke Face-to-Face-Netzwerke sinnvoll ergänzen können, haben sie als eine Art Diplomatie des Vertrauens das Potenzial, Wissenschaftsnetzwerke inklusiver, innovativer, flexibler und klimafreundlicher zu gestalten. Digitale Wissenschaftsnetzwerke müssen die Anforderungen der Rückverfolgbarkeit, Integrität und Ehrlichkeit erfüllen. Das ist die globale Wissenschaftscommunity der Gesellschaft schuldig.

Katharina Boele-Woelki, Joseph F. Francisco

Katharina Boele-Woelki  ist Präsidentin der Bucerius Law School, der ersten privaten Hochschule  für Rechtswissenschaft in Deutschland, wo sie zudem als Claussen-Simon-Stiftungsprofessorin für Rechtsvergleichung tätig ist. Bis September 2015 war sie Professorin für Internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung und Familienrecht an der Universität Utrecht in den Niederlanden sowie außerordentliche Professorin für Rechtsforschung der Universität des Westkaps in Südafrika. Sie gründete die Kommission für Europäisches Familienrecht (CEFL) und das Utrechter Zentrum für Europäische Familienrechtsforschung (UCERF). Boele-Woelki ist Mitglied und Vorstandsmitglied verschiedener Gesellschaften und Institutionen, wie der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht und des Schweizerischen Instituts für Rechtsvergleichung, und arbeitet in Editorial Boards von globalen, europäischen und südafrikanischen Rechtszeitschriften, Buchreihen und Open-Access-Plattformen mit. Im Jahr 2014 wurde sie zur Präsidentin der Internationalen Akademie für Rechtsvergleichung gewählt. Sie lehrte an der Haager Akademie für Internationales Recht und erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Uppsala, der Universität Lausanne und der Universität Antwerpen sowie den Anneliese Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Joseph S. Francisco ist Distinguished Professor für Erd- und Umweltwissenschaften und Professor für Chemie an der University of Pennsylvania. Nach seinem Grundstudium an der University of Texas at Austin und einer Promotion in chemischer Physik am Massachusetts Institute of Technology (MIT)
verbrachte er zwei Jahre an der Universität von Cambridge und kehrte dann als Provost Postdoctoral Fellow an das MIT zurück. Bis 2014 war er William E. Moore Distinguished Professor für Erd- und Atmosphärenwissenschaften und Chemie an der Purdue University. Danach wurde er Dekan des College of Arts and Sciences und hatte an der University of Nebraska-Lincoln den Elmer H. and Ruby M. Cordes Chair in Chemie inne. Mithilfe der Laserspektroskopie und computergestützter chemischer Methoden konzentriert sich seine Forschung auf dasVerständnis der in der Atmosphäre ablaufenden chemischen Prozesse auf molekularer Ebene. Sie deckt die Bereiche Atmosphärenchemie, chemische Kinetik, Quantenchemie, Laserphotochemie und -spektroskopie ab. Dr. Francisco war in Redaktions- und Beratungsgremien renommierter Fachzeitschriften tätig und erhielt bedeutende Auszeichnungen und Stipendien von Organisationen wie der National Science Foundation, der Sloan Foundation und der Guggenhein Foundation, der National Organization for the Professional Advancementof Black Chemists and Chemical Engineers und der American Chemical Society. Er ist Fellow der American Chemical Society, der American Physical Society, der American Association for the Advancement of Science, der American Academy of Arts and Sciences und der National Academy of Sciences. Zudem erhielt er den Humboldt-Forschungspreis und ist im Board of Directors der American Friends of the Alexander von Humboldt Foundation tätig.

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