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Hen Sie koi Luschd?

Schwäbisch fördert die Karriere an der Hochschule eher weniger. Bestenfalls noch als sogenannter Honoratiorenschwabe aus dem Raum Stuttgart (Foto) kommt man gut durch. In der Wissenschaft wird eben nicht geschwäbelt und wenn, dann bitteschön mit schlechtem Gewissen.

 

Sprachwissenschaftlich gesehen, gehöre ich zur Familie der Honoratiorenschwaben. Das sind die städtisch sozialisierten Schwaben vor allem aus Stuttgart und Umgebung, die schon vor einigen Jahrhunderten begonnen haben, ihren Dialekt von den wildesten Auswüchsen schwäbischer Mundart zu befreien und sich dem Hochdeutschen anzunähern.
Auf das grobschlächtige Gestammel der Landbevölkerung blickt der Honoratiorenschwabe gern verächtlich hinab, voller Stolz auf die eigene Kultiviertheit, die etwa den derben Dooschdig der Schwäbischen Alb in einen beinahe vornehm klingenden Donnerschdag verwandelt hat. Aber der Honoratiorenschwabe weiß, dass er mit seiner Mischsprache außerhalb der Heimat kaum als gesellschaftsfähig gilt. Was zuhause den feinen Ton der gehobenen Stadtbevölkerung mit gemütlicher Bodenständigkeit verbindet, klingt in der Fremde lediglich kleinbürgerlich und provinziell. Ein kehliges R in gerne, ein breites Sch in Ballaschd, ein nasales A in Andere, und schon sitzt der Honoratiorenschwabe wieder in seinem Niemandsland zwischen Natur- und Kultursprache, in dem er alles beherrscht, abgesehen eben von richtigem Hochdeutsch und richtigem Schwäbisch.

Schwäbische Tugenden verschwinden hinter der Sprache

Also hat der Schwabe Sekundärtugenden entwickelt, die ihn auf anderen Gebieten als gerade dem Reich des Wortes zu Höckschdleischdungen beflügeln. Statt gurgelnder Sprache serviert er der Welt stumm und bescheiden die neuesten Errungenschaften aus Mechanik und Technik, bastelt, werkelt, erfindet fleißig und fintenreich all die Dinge, die das Leben der anderen angenehmer und den eigenen Geldbeutel dicker machen. Unterstützt wird er dabei von einem fast manischen Ordnungssinn, mit dem er auch die abseitigsten Marginalien des Alltags rational, planbar und effizient zu machen versteht. Wo man darüber witzelt und den Schwaben als bieder und spießig hinzustellen versucht, schweigt dieser siegesgewiss und ruft sich in Erinnerung, dass nur auf dem blanken Boden der Kehrwoche die Erfindung des Autos möglich war.

Für einen brauchbaren Wissenschaftler wären all das eigentlich gute Voraussetzungen: Neugier und Entdeckerlust, Disziplin und Strebsamkeit, dazu Umsicht und maßvolle Risikobereitschaft. Trotzdem verschwinden die positiven Eigenschaften des Schwaben regelmäßig hinter seiner etwas tumb klingenden Sprache. In den Naturwissenschaften ist so etwas noch am ehesten verzeihlich. Albert Einsteins Relativitätstheorie oder Johannes Keplers Planetengesetzen sieht man nicht an, ob sie auf schwäbisch, lateinisch oder hochdeutsch ersonnen wurden. Aber die Geischdeswissenschaften? Da wird es schwieriger. Der Gedanke lebt vom Wort. Man stelle sich nur vor, Hegel, selbst ein Stuttgarter, hätte permanent einen Weltgeischd beschworen. Oder sein Zimmernachbar im Tübinger Stift, Friedrich Schelling, hätte den Lesern aufgegeben, dem Menschhen soi Wille als oi Band von lebendigen Kräfthen anzomsehen. Oder der dritte berühmte Wohnungsgenosse, Friedrich Hölderlin, hätte es für ôglaublich gehalten, dass der Mensch sich vor dem Schönschden fürchthen soll, aber zugleich bedauernd geseufzt: Aber es ischt so. Nein, das will man sich alles nicht vorstellen. Aber das muß man ja auch nicht. Mündliche Überlieferungen der schwäbischen Großdenker gibt es schließlich nicht, und Schriftdeutsch ist für alle gleich.

Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Die Gegenwartswissenschaft lebt an entscheidenden Stellen von mündlichen Beiträgen. Schon die Lehre ist ungleich wichtiger geworden; Vorlesungen in Mundart werden jedoch als ungewöhnlich empfunden, bei Schwaben (und Sachsen) sogar als hässlich. Man spricht von Juristen und nicht von Jurischden, und wenn man ersteres nicht kann, dann redet man mit verkniffenem Gesicht von Jurischthen, um wenigstens größtmögliche Mühe zu signalisieren. Und die Forschung? Auch hier ist auf eine schriftsprachliche Universalinklusion kein Verlass. Zu viel läuft heute anders ab, informell, nebenher, im Netzwerk, auf Tagungen. Der Diskurs selbst findet in hochdeutscher Schrift statt, aber die Diskursbedingungen werden mündlich ausgetragen. Kaum einer forscht mehr stur vor sich hin – alle sind in irgendwelchen Exzellenzbetrieben versammelt, in denen beständiger Austausch über die eigene Arbeit stattfindet. Wer eine solche Vereinigung aber getreu dem Heimatidiom als Klaschder bezeichnet, wird alle Assoziationen an Fleiß, Tüftelei und Hartnäckigkeit vergessen machen. Eiche rustikal ersetzt Ivy League. Schwabe und Exzellenz scheinen sich auszuschließen. Spitzenforschung findet nicht in Klaschdern statt.

Echtschwaben, Tarnschwaben, Weltschwaben

Also teilen sich die Forscherschwaben in drei Gruppen. Man könnte sie als Echtschwaben, Tarnschwaben und Weltschwaben bezeichnen (eine vierte Gruppe, die der Urschwaben, ist mangels intersubjektiver Verständlichkeit ohnehin von wissenschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen). Echtschwaben gibt es nicht viele. Sie sprechen offen und selbstbewusst das gemäßigte Honoratiorenschwäbisch der, nun ja, Metropolen Württembergs und Bayerns; außerhalb der süddeutschen Universitätsstädte trifft man sie nur selten. Die weitaus größte Gruppe bilden die Tarnschwaben. Sie sind von den Echtschwaben auditiv oft nur schwer zu unterscheiden, weil sie ebenfalls das gemäßigte Schwäbisch der gehobenen Stände pflegen, dabei allerdings dem Irrglauben anhängen, eine besonders schmallippige, überbetonte Rede hätte sie bereits in die Gefilde des Hochdeutschen gebracht.

Umso ungezügelter ist die Freude, wenn der Tarnschwabe im Gegenüber seinesgleichen erkennt. Jede sprachliche Zurückhaltung weicht binnen Sekunden einem Dialekt, den man in dieser Breite selbst in der Heimat nie verwendet hätte – fürs Networking ein unschätzbarer Gewinn. Verschwindend klein ist die letzte Gruppe. Weltschwaben sind die wenigen privilegierten Sprecher, die vom Schwäbischen ins Hochdeutsche oder gar in eine Fremdsprache wechseln können, ohne dass mehr als eine winzige hintergründige Färbung ihre Herkunft verrät. Sie forschen auf der ganzen Welt. Aber man merkt es nicht. Im Wissenschaftsbetrieb wird nicht geschwäbelt, und wenn, dann mit schlechtem Gewissen.

Ist das schlimm? Nein. Schwaben genießen kein Dialektprivileg. Vielleicht verbergen sie ihre linguistischen Besonderheiten besonders ängstlich, weil sie in vielen Nachbarländern als Synonym für alle schlechten Eigenschaften der Deutschen überhaupt verwendet werden. Oder weil Schwaben zwar als fleißig, aber auch als geizig und engstirnig gelten. Oder weil in Berlin angeblich epidemischer Schwabenhass regiert. Warum auch immer. Die Badener, Hessen, Pfälzer oder Sachsen bringen ihre Heimat auch nur so weit zu Gehör, wie es ihrem Mundwerk unvermeidlich ist. Wissenschaftler sprechen hochdeutsch oder zumindest das, was sie dafür halten. Maßvolle Abweichungen werden höflich geduldet.

Mir jedenfalls hat meine schwäbische Herkunft bisher nicht geschadet. Im Gegenteil. Seit ein paar Semestern diene ich an der Universität Rostock und bin dort durch größtmögliche Distanz von meiner Heimat getrennt. Ein sonniges schwäbisches Gemüt trifft auf maulfaule und unterkühlte Norddeutsche. So müßte es sein. Aber so ist es nicht. Wenn die Studenten, wie anderswo auch, als träge, amorphe Masse im Hörsaal gammeln und sich oms vereggâ nicht für den Müller Arnold, die Constitutio Criminalis Carolina oder andere rechtshistorische Höhepunkte interessieren wollen, dann erinnere ich mich mitunter an eine Lebensregel, die ein anderer Schwabe, Harald Schmidt, einmal verraten hat: Dialekt geht immer. Hen Sie koi Luschd?, frage ich dann in die gelangweilte Stille hinein und kann mir sicher sein, dass für die nächsten zehn Minuten Aufmerksamkeit herrscht. Die sprachliche Ortlosigkeit des Honoratiorenschwäbisch findet überall ihren Platz.

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