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Im Wartestand

Viele Ideen, großer Umsetzungsdrang, aber zum Ausharren verdonnert: Es ist eine Herausforderung, sich in der Pandemie in der Hochschule bei Laune zu halten. Ein Stimmungsbericht von Michael Jäckel

Niemand hätte sich vor gut einem Jahr vorstellen können, dass Universitäten über einen langen Zeitraum ihren Status als Campusuniversität weitgehend aufgeben müssen. Denn die Vermittlung und die Entstehung von Wissen leben vom Austausch. Das war allen bewusst, als wir im Frühjahr 2020 vor der zuvor nie dagewesenen Aufgabe standen, eine Pandemie zu bewältigen.

Zunächst blickten damals die meisten in ein Nichts und fragten sich, was das eigentlich heißen sollte: eine Universität zu schließen? Der Letzte macht das Licht aus? Doch über den Sommer des Jahres 2020 hat die Herausforderung dieser Sondersituation die Motivation gefördert und getragen und durchaus kreative Lösungen hervorgebracht. Der Begriff „digitaler Sommer“ fasst die Spontaneität, die Mentalität, den Pioniergeist, der die universitären Einrichtungen erfasste, gut zusammen. Parallel überlegte man bereits, was davon für die Zukunft erhalten werden müsste. Die Hybrid-Universität war plötzlich in der Welt und sollte direkt ausprobiert werden. Die Stimmung war im Großen und Ganzen gut.

Der Herbst bescherte dann die Rückkehr zu dem Modell, das eigentlich als Übergangslösung gedacht war. Die Euphorie verflog, ein wohlwollendes „Das wird schon“ war seltener zu vernehmen. Wir begannen uns mit den Verhältnissen, so wie sie nun einmal sind, zu arrangieren. Jetzt war ein Lehrangebot fortzuführen, das schon die Grenzen der Digitalisierung offenlegte. Zu recht ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass an einer Universität die Kontakthäufigkeit mit Kommilitoninnen und Kommilitonen höher ist. Viele „Interaktionszonen“ – Hörsaal, Seminar, Bibliotheken, Mensa, Arbeitsräume – bestimmen den Tagesablauf.

Mit Fug und Recht darf aber auch darauf hingewiesen werden, dass so die Hochschulen einen wichtigen Beitrag zur Pandemiebekämpfung geleistet haben. Und zwar im Schatten einer Diskussion, die sich auf die Schulen konzentrierte. Von den Universitäten war in den täglichen Nachrichten sehr selten zu hören. Augenzwinkernd sei der Text auf einem Plakat von Klaus Staeck zitiert, das seit vielen Jahren unter anderem an prominenter Stelle in einer Berliner Kult-Gaststätte zu sehen ist: „Ein Volk das solche Boxer Fußballer Tennisspieler und Rennfahrer hat kann auf seine Uniwersitäten ruhig verzichten.“

Auf dem Campus liegt häufig eine melancholische Stimmung

Im Großen und Ganzen haben sich die Hochschulen jedoch gut angepasst und auch Akzente gesetzt. Sie haben von Beginn an auch die außergewöhnlichen Startbedingungen für Erstsemester im Blick gehabt: kein Campusleben, keine Erfahrung mit Präsenzlehre, kein Kohortengefühl („meine Studiergeneration“), kein „auf der Uni sein“. Dieses Defizit ist weiterhin da. Die Gedanken, die uns in der Hochschulleitung durch den Kopf gehen, sind spätestens seit Beginn des Wintersemesters 2020/21 eher sorgenvolle.

Auf dem Campus liegt nun, vor allem abends, häufig eine melancholische Stimmung. Man blickt auf die Infrastruktur und hofft, dass ihre Wiederbelebung bald anstehen wird. Geringste Formen der Verwahrlosung wirken wie Alarmzeichen: Müll, Unkraut, neue Graffitis. Das beschreibt nicht etwa eine Phänomenologie des Niedergangs oder einen radikalen Strukturbruch („Allein der Stein würde fortdauern“). Sondern das schlichte Gefühl: „Was wird denn jetzt?“

Da ist ja auch der Effekt der Gewöhnung an diese Einsamkeit, ob im Büro oder Homeoffice, an diesen täglichen Blick in die Leere des Raums. Es muss einmal ausgesprochen werden, wie enorm wichtig es ist, sich selbst weiterhin in einer „Umstartphase“ bei Laune zu halten. Das ist auf diesem mittlerweile langen Weg eine Kunst. Denn der Drang, die Dinge gestalten zu wollen, nimmt spürbar zu. Da noch kein Zeitpunkt benannt werden kann, zu dem eine realistische Chance der Umsetzung der vielen Ideen gegeben ist, geht es uns wie den Menschen in einer Warteschlange, die nicht darüber informiert werden, wie lange sie noch Geduld aufbringen müssen. Unsere Disziplin wird strapaziert.

Umso verständlicher ist, dass nun an vielen Stellen über Stufenmodelle und Schwellenwerte nachgedacht wird, die etwa im Bereich der Schulen und Kindertagesstätten ein Herantasten an bessere Bedingungen ermöglichen sollen. Die Universitäten und Hochschulen in Deutschland hatten sich im Vorfeld des Wintersemesters 2020/21 bereits auf Eckpunkte verständigt. Dazu gehörte an erster Stelle die Teilhabe an einer Campusatmosphäre für junge Studierende, die ihre Universität bis dahin von innen noch gar nicht wahrnehmen konnten, und die Öffnung wichtiger Serviceeinrichtungen. Dies erfüllt im Übrigen nicht nur die Bedürfnisse von Erstsemestern, sondern adressiert auch jene, die sich nach einem Bachelorabschluss für ein Masterstudium an einer anderen Universität entschieden haben. Sollten diese Gruppen auch im Sommersemester 2021 weiterhin überwiegend mit digitaler Lehre „versorgt“ werden, wären sie nahe an einem Fernstudium. Denn das abschließende Mastersemester dient in vielen Modulplänen dem Schreiben der Abschlussarbeit. Doch die aktuellen Umstände lassen uns keine Wahl: Auch der Beginn des Sommersemesters 2021 muss digital sein (mit den bekannten Ausnahmen für Lehrangebote mit hohem Praxisanteil).

Es ist eine Gemengelage von „Ich hätte da eine Idee!“ und „Aber macht das gegenwärtig eigentlich schon Sinn?“. Sie erinnert an einen Nachsatz aus dem Drama „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt, der im Jahr 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“ Zur Wahrheit gehört, dass in akuten Entscheidungssituationen alle nach vorne schauen und das eine oder andere Bekenntnis der jüngeren Vergangenheit in Vergessenheit gerät. Wie oft wurde im Jahr 2020 gesagt und zugleich gefragt: „Werden wir noch einmal zu den Vor-Pandemie-Bedingungen des Lehrens (und Lernens) zurückkehren (wollen)?“ Ob mit oder ohne Klammer gelesen, erweitert sich bereits der Möglichkeitsraum. Oder: „Wird der überfüllte Hörsaal nach der Pandemie jemals wieder ein Sinnbild der akademischen Welt sein können?“ Zum Wartestand gehört also der Gedankenstau ebenso wie Friedhöfe punktueller Debatten, die irgendwo auf der Stecke geblieben sind.

Die Universität musste sich nun über einen relativ langen Zeitraum als „Lehrpersonal auf Video“ präsentieren. Das hat eine hohe Kreativität freigesetzt. Es sind Mischkonzepte entwickelt worden, zielgruppengerechte Lösungen, es gab und gibt Investitionen in die Infrastruktur. Die Universität nach der Pandemie wird nicht mehr die Universität vor der Pandemie sein. Sie kann durch diesen relativ langen Laborkurs nun besser einschätzen, wann das Analoge und Digitale ausschließlich oder in Kombination gewinnbringend eingesetzt werden kann. Aber wann wird das sein? Vielleicht hilft an dieser Stelle jene musikalisch-sportliche Zeile, die immer wieder eine verbindende Kraft entfaltet: „You’ll never walk alone.“ //

ZUR PERSON

Prof. Dr. Michael Jäckel ist Soziologe. 2002 wurde er als Professor für Konsum- und Kommunikationsforschung an die Universität Trier berufen. Seit 2011 ist er ihr Präsident.

Foto: Universität Trier​

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