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Geisteswissenschaftliche Uni wird 20 Jahre alt

Anfang Juni hat eine außergewöhnliche Hochschule ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert: die weißrussische European Humanities University (EHU). Sie existiert seit 2005 im Exil, in der litauischen Hauptstadt Vilnius.

Vilnius Ein Hort der Freiheit sollte sie werden – selbstverwaltet, europäisch und frei von kommunistischem Ballast. Kurz nach der Eigenständigkeit Weißrusslands gründete der Experte für deutsche Philosophie Prof. Dr. Anatoli Mikhailov in Minsk 1992 eine geisteswissenschaftliche Universität. Die European Humanities University (EHU) wurde schnell ein Hort der intellektuellen Freiheit, und damit auch eine Gefahr für das autoritäre Regime von Präsident Alexander Lukaschenko: Er ließ die Uni 2004 kurzerhand schließen.

Doch der Professor steckte nicht auf. Anfang Juni feierte die Uni ihr 20-jähriges Bestehen. Denn schon 2005 hatte Mikhailov die EHU erneut eröffnet, diesmal im Exil in der rund 200 Kilometer nordwestlich gelegenen litauischen Hauptstadt Vilnius. Das ist nah an Weißrussland und doch fern genug von Lukaschenkos Einfluss. Mitbegründer sind das litauische Institut für internationale Erziehung, das amerikanische Open Society Institute und die Eurasia Foundation, eine internationale Stiftung. Geleitet wird die Uni von Mikhailov und einem international besetzten Verwaltungsrat.

Die EHU ist europäisch ausgerichtet und dennoch in der weißrussischen, amtlich heißt es belarussischen, Kultur verankert. 700 Jugendliche studieren vor Ort. 1100 absolvieren ein Fernstudium. Die Mehrzahl der an der EHU tätigen Dozenten und Forscher kommt aus Weißrussland. Aber auch europäische Dozenten zieht es an die Universität. Der deutsche Kulturwissenschaftler Dr. Felix Ackermann ist einer von ihnen. Im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes baut er an der EHU ein Zentrum für Deutschland- und Europastudien auf. Die Studiengänge sind Bologna-kompatibel, Forschung und Lehre sind durch zahlreiche Kooperationen mit Hochschulen in fast allen europäischen Ländern gut vernetzt. In Deutschland sind die Unis Gießen, Bremen und Passau dabei. Für Ackermann ist diese Verbindung von belarussischer Kultur und europäischer Bildungslandschaft einzigartig, auch weil dadurch die vom Regime erzwungene Isolation ein wenig aufgehoben werde.

Die EHU bietet Bachelor- und Masterabschlüsse in Kultur- und Rechtswissenschaften an. BWL, Technik und Informatik fehlen. Diese für Westeuropa ungewöhnliche Ausrichtung ist für die EHU höchst aktuell. Vizerektor Dr. Darius Udrys sagt: „In den Geisteswissenschaften lernt man, frei und kritisch zu denken. In Belarus sind gerade deshalb die Geisteswissenschaften am stärksten ideologisch vergiftet, kontrolliert und diskriminiert.“ An der EHU erhielten die Studierenden eine international geprägte Bildung, die ihnen die Möglichkeit gebe, zu unabhängig denkenden Bürgern zu werden. „Wir sehen uns nicht einfach als Kaderschmiede für die Opposition. Durch unsere Erziehung zu kritischem Denken tragen wir aktiv dazu bei, dass unsere Alumni an einem demokratischen Wandel in Belarus arbeiten“, sagt Udrys.

Als private Universität ist die EHU auf Spenden angewiesen. 30 Prozent ihres Budgets erwirtschaftet sie aus Studiengebühren. Der Rest stammt von der Europäischen Kommission, europäischen Regierungen und internationalen Einrichtungen. Auch private Sponsoren beteiligen sich. So hat der Historiker Michael Bechter, Mitglied des Vereins junger europäischer Föderalisten, nach einem Besuch der EHU eine Förderinitiative ins Leben gerufen. Sie sammelt unter anderem Gelder für Stipendien. „Mich fasziniert, wie sehr es die Studenten der EHU schätzen, eine freie Bildung zu erhalten, hier in Deutschland nehmen wir dieses Gut viel zu selbstverständlich“, sagt er.

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