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Deutschland und Polen wollen bei Bildung stärker kooperieren

Vor 20 Jahren, am 17. Juni 1991, haben Polen und Deutschland einen Vertrag über gute Nachbarschaft unterzeichnet. Zwischen den Hochschulen beider Länder könnte sich diese Nachbarschaft künftig noch verbessern.

Berlin/Warschau Eine im April verabschiedete Hochschulreform sieht vor, das polnische System stärker zu dezentralisieren. Kooperationen mit deutschen Unis könnten dadurch einfacher werden. Bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das polnische Hochschulsystem stark verändert. Die Zahl der Studierenden und der Hochschulen ist enorm gestiegen.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bildungsbereich wird nun auch politisch stärker in den Mittelpunkt gerückt. Im vergangenen Januar traf sich erstmals der deutsch-polnische Ausschuss für Bildungszusammenarbeit. Eine von drei Arbeitsgruppen widmet sich dabei den Hochschulen, erste konkrete Ziele werden im Juni in Warschau vorgestellt. „Es geht zunächst darum, den Sachstand zu analysieren, und erst in einem zweiten Schritt Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln“, berichtet Ausschussmitglied Dr. Heidi Haschke, Ministerialrätin im Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Im Vordergrund stehe dabei der Aspekt der Bildung, nicht der Forschung. „Wir können jedoch wegen der Hochschulautonomie in beiden Ländern nur Empfehlungen formulieren“, sagt Haschke.

Die Wissenschaftssysteme beider Staaten sind bislang alles andere als kompatibel. Da könnte sich etwas ändern. Zwar ist im zentralistischen Polen die Hochschulbildung komplett dem Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung in Warschau unterstellt. Doch die im April von Polens Präsident Bronisław Komorowski unterzeichnete Hochschulreform – die zweite nach 2010 – räumt den Hochschulen künftig mehr Autonomie ein und überlässt den Einrichtungen die Etablierung neuer Studiengänge, solange sie sich am Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) orientieren.
Durch diese Dezentralisierung werden die Hochschulen selbstständiger. Die Reform löst zwar nach Meinung der meisten Beobachter nicht alle Probleme der polnischen Hochschulen (siehe Interview). Sie zielt, so die einhellige Meinung, aber insgesamt in die richtige Richtung. Denn sie bricht die starren zentralen Strukturen auf und öffnet neue Kooperationswege zur Wirtschaft und ins Ausland.

Auch Einrichtungen wie das Nationale Zentrum für Forschung und Entwicklung (NCBiR) werden flexibler. Dieses hat sich auf die Fahnen geschrieben, insbesondere angewandte Forschung im Bereich neuer Technologien zu fördern und sie über nationale und internationale Projekte direkt für Innovationen in der Wirtschaft fruchtbar zu machen. „Denn es ist bislang ein großes Manko der polnischen Forschung, dass die Einrichtungen ihre Ergebnisse nicht adäquat umsetzen können“, sagt Cezary Błaszczyk, Teamkoordinator für internationale Zusammenarbeit beim NCBiR. Aktuell bereitet das Zentrum etwa eine Ausschreibung mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Thema nachhaltige Entwicklung vor.

Was allerdings weiterhin in Polen fehlt, ist „eine Organisation wie der Deutsche Akademische Austauschdienst, der aktiv junge Studierende unterstützen würde und natürlich auch für die polnischen Hochschulen im Ausland wirbt“, sagt Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Breslau. Es sei „höchste Zeit“, in Polen ein Pendant zum DAAD aufzubauen.

Trotz der bildungspolitischen Gegensätze zwischen dem zentralistischen Polen und dem föderalen Deutschland sind seit 1991 die Beziehungen zwischen den Hochschulen und ihren Wissenschaftlern ausgebaut worden. Die 1991 in Frankfurt/Oder gegründete Europa-Universität Viadrina hat sich der deutsch-polnischen Zusammenarbeit verschrieben, polnische Studierende bilden in Deutschland die drittgrößte Gruppe unter den Bildungsausländern und die Polnische Akademie der Wissenschaften hat eine Dependance in Berlin eröffnet. Auch Forschungskooperationen zwischen beiden Ländern nehmen zu. Allein die deutsch-polnische Wissenschaftsstiftung hat seit 2008 rund 70 wissenschaftliche Projekte gefördert und Mittel in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro bewilligt.

„Ich bewerte die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Universitäten sehr positiv“, sagt Krzysztof Ruchniewicz. Seine Universität in Breslau hat vor kurzem den Studiengang „Europäische Diplomatie“ neu aufgelegt und sucht nun nach Kooperationsmöglichkeiten mit der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder.

Die Uni Breslau ist eine von Polens rund 130 staatlichen Hochschulen. Daneben gibt es noch über 320 private Hochschulen, die zumeist gebührenpflichtige Bachelor-Studiengänge anbieten. Der Boom der Privaten geht auf die massiv gestiegene Zahl der Studierenden zurück, die sich zwischen 1991 und 2010 von rund 400 000 auf knapp zwei Millionen fast verfünffacht hat. Etwa ein Drittel davon lernt in den Privatakademien. Möglich wurde das durch die Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte, in denen sukzessive der Anteil an Studienanfängern eines Jahrgangs erhöht wurde. Mittlerweile liegt er bei 83 Prozent und damit deutlich über dem OECD-Schnitt von 56 Prozent und dem deutschen von 36 Pozent (Stand: 2008). Immerhin 50 Prozent der jungen Polen schließen ihr Studium auch ab.

Prof. Dr. Janusz Zmija

Sicht der Hochschulen

„Die Rektoren erhalten künftig mehr Rechte“

Die aktuelle Hochschulreform wird dazu führen, dass durchschnittliche private Hochschulen schließen müssen, sagt Prof. Dr. Janusz Zmija.

duz: Wie bewerten Sie die aktuelle Hochschulreform?

Zmija: Sie stärkt deutlich die Rolle der Hochschulrektoren, was ich sehr positiv sehe. Fachbereichsräte und Senate können zwar nach wie vor ihre fachlichen Positionen einbringen, doch die Rektoren erhalten in Strategie- und Führungsfragen mehr Spielraum und Rechte. Außerdem soll durch die Reform künftig die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft enger werden. Das wird zu einer besseren Entwicklung der Lehre und Forschung führen.

duz: Welche Veränderungen fehlen im Reformgesetz?

Zmija: Die Rektorenkonferenz hat gefordert, das Regelstudium schon im ersten Fach gebührenpflichtig zu machen, damit die Studierenden sich mehr anstrengen. Doch dafür wäre eine Verfassungsänderung nötig. Dazu ist keine Partei bereit. Unerhört blieb auch unsere Forderung, dass das Prozedere bei der Habilitation vereinfacht wird. Leider wurde das aber durch die Reform eher komplizierter.

duz: Werden alle Hochschulen von der Reform profitieren?

Zmija: Bislang arbeiteten polnische Hochschulen schwerpunktmäßig in der Grundlagenforschung. Künftig soll angewandte Forschung mehr Gewicht bekommen. Doch sowohl die Förderung von Exzellenz als auch die künftige Einschränkung für das akademische Personal, nicht mehr an mehreren Einrichtungen gleichzeitig tätig sein zu können, wird dazu führen, dass viele der eher durchschnittlichen privaten Hochschulen schließen werden. Der Rückgang der Studierendenzahlen wird ein Übriges dazu beitragen.

Internet: www.krasp.org.pl/en

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