Wissenschaft in den Sozialen Medien Rückzug geht gar nicht

Werden Wissenschaftsthemen mittels sozialer Medien angemessen kommuniziert? Eine jüngst veröffentlichte Stellungnahme der Wissenschaftsakademien ist da eher skeptisch – zu Unrecht. Mit bloßem Fortschrittspessimismus ist jedenfalls nichts gewonnen.

von Markus Weißkopf

Rückwärtsgewandt – defensiv – eigenartig zentralistisch: Als Ende Juni eine von den Wissenschafts­akademien zusammengerufene Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern, Journalisten und Wissenschaftskommunikatoren von Forschungseinrichtungen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Empfehlungen zum Umgang mit Social Media in der Wissenschaftskommunikation zur Diskussion stellte, gab es einige kritische Kommentare. WÖM II – so das vielfach verwendete Kürzel für dieses zweite Empfehlungspapier zum Zusammenspiel von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien – sehe Social Media zu skeptisch und fokussiere zu sehr auf Risiken, statt die vielfältigen Chancen in den Blick zu nehmen, die sich durch Social Media eröffneten. Doch was ist dran an der Kritik, inwieweit ist sie berechtigt? Und was steckt an Interessantem in der Analyse der WÖM-Arbeitsgruppe?

2014 hatten die Akademien in einer ersten Analyse vor allem Veränderungen in klassischen Medien betrachtet und zur Grundlage ihrer Handlungsempfehlungen für die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien gemacht. Die Digitalisierung als eine der wichtigsten Ursachen für den Wandel in der Wissenschaft und ihrer Kommunikation wurde damals vernachlässigt. Sie stand nun diesmal im Fokus.

Und das ist auch gut so. Denn die Veränderung der Medienwelt hat enorme Folgen für die institutionelle Wissenschaftskommunikation: Durch soziale Medien können wir direkt mit unseren Zielgruppen sprechen – ohne den Filter des Journalismus. Das verändert unsere Rolle ungemein. Unsere Verantwortung für vermittelte Inhalte steigt. Mit den Leitlinien für gute Wissenschafts-PR haben die Kommunikatoren auch laut der WÖM-Studie bereits einen wichtigen Schritt in Richtung einer verantwortungsvollen Wissenschaftskommunikation gemacht.

Auch die Förderung des Wissenschaftsjournalismus, wie sie seitens der Autoren gefordert wird, ist sicherlich richtig und wichtig. Allerdings muss dieser eben nicht, wie das Papier vermuten lässt, vor den sozialen Medien geschützt werden, wie Prof. Dr. Annette Leßmöllmann in einem Kommentar auf der Webseite wissenschaftskommunikation.de feststellt. Er sollte diese vielmehr klug für seine Verbreitung nutzen, um auch diejenigen zu erreichen, die keine gedruckte Zeitung mehr lesen.

Die Stellungnahme wirbt sehr für den Dialog mit Bürgern, für Transparenz, und sie sagt klar: „Wissenschaftler sollten in Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ihre Expertise in öffentlichen und politischen Debatten zur Verfügung stellen.“ Und: „Mit Social Media ergeben sich Möglichkeiten, bestimmte soziale Gruppen gezielt anzusprechen.“

Generell werden im WÖM-Papier „die“ sozialen Medien aber eher skeptisch gesehen, ohne dass für diese Bewertung Belege genannt werden. Dass es im Netz neben Fake News und Echokammern eine wunderbare Vielfalt von teils hochwertigen Angeboten der Wissenschaftskommunikation gibt, wird kaum betrachtet. Social Media sollen vor allem reguliert und ausgebremst werden, denn: „Für die Institutionen und Akteure der Wissenschaft bleiben … auch und gerade die traditionellen Verbreitungskanäle relevant.“

Doch selbst für die Zielgruppe der Wissenschaftscommunity würde ich diese Analyse nicht teilen. Und wir wollen doch gerade auch die jungen Zielgruppen in der breiten Öffentlichkeit erreichen. Und diese sind – so zeigen es auch die in der Stellungnahme verwendeten Daten – über traditionelle Kanäle kaum noch erreichbar.

Doch schauen wir dezidiert auf die Empfehlungen an Politik, Wissenschaft sowie an Bildungseinrichtungen und Forschungspolitik, die die Autoren des Papiers entwickeln: In den Empfehlungen 2 und 4 wird vorgeschlagen, die „Entwicklung einer redaktionell unabhängigen … Wissenschaftskommunikations- und Informationsplattform (zu) prüfen, deren Inhalte für ein breites Publikum verständlich sind“. Weiter wird die „Implementation … einer auf wissenschaftliches Wissen bezogenen Suchmaschine oder eines Social-Media-Netzwerks“ empfohlen, um die Inhalte zu verbreiten. Eine Plattform mit eigener Suchmaschine? Ein eigenes Wissenschafts-Social-Media-Netzwerk? Und selbst wenn es möglich wäre, so eine Plattform zu schaffen – wollten wir das? Eine Instanz des Wissens, gar der Wahrheit? Das mutet zentralistisch an und scheint dem veralteten Defizitmodell verhaftet. Dies besagt ja – verkürzt ausgedrückt –, dass den Bürgern nur Informationen fehlen, um mit Wissenschaft angemessen umgehen zu können.

Was tun also? Erstens, ja, wir brauchen guten Wissenschaftsjournalismus. Und ja, wir sollten auch den Hebel der öffentlich-rechtlichen Medien nutzen, um für eine quantitativ und qualitativ bessere Wissenschaftsberichterstattung zu sorgen. Zweitens: Das Gute, das es bereits gibt, sollte ebenso wie neue, experimentelle Formate und Kanäle strukturiert gefördert werden. Drittens muss institutionelle Wissenschaftskommunikation ihre neue Verantwortung wahrnehmen und wichtige Qualitätsentwicklungsprozesse weiterverfolgen. Um diese zu unterstützen und auf Evidenz zu basieren, brauchen wir mehr Forschung zu Wissenschaftskommunikation und deren Zusammenarbeit mit der Praxis.

„Wir müssen mit den Bloggern, Youtubern und Wikipedianern zusammenarbeiten“

Das Internet und die sozialen Medien haben einiges an Liebgewonnenem ins Abseits gestellt. Und ja, es gibt dort auch Fake News, Hate Speech und Filterblasen. Aber die Konsequenz kann doch nicht sein, dass sich Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus dem Netz zurückziehen. Im Gegenteil müssen wir uns engagieren und gemeinsam mit Bloggern, Youtubern und Wikipedianern vertrauenswürdige Informationen über Wissenschaft und Forschung bereitstellen und den Dialog weiter befördern.


Autor

Foto: WiD

Markus Weißkopf

Markus Weißkopf wechselte 2012 als Geschäftsführer zur Berliner Wissenschaft im Dialog gGmbH. Zuvor war er als Organisationsberater tätig und leitete als Geschäftsführer das Haus der Wissenschaft in Braunschweig.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2017/08/rueckzug-geht-gar-nicht/443

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 08/17

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