Initiativen für Flüchtlinge Willkommen in Deutschland

650 studentische Initiativen, die Studierende und Studieninteressierte mit Fluchthintergrund unterstützen, fördert der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Drei davon wurden Anfang Juli gemeinsam von DAAD und Bundesbildungsministerium mit dem „Welcome-Preis“ ausgezeichnet.

von Vanessa Köneke

1. Preis
Lebenshilfe durch Rechtsberatung

Ein Behördengang ist in Deutschland schon für viele Muttersprachler ein Hindernislauf. Welches Dokument muss wo, wann und wie eingereicht werden? Was bedeuten die verklausulierten Amtsdeutsch-Ausdrücke? Welche Rechte und Pflichten hat man? Für Geflüchtete, die beispielsweise einen Antrag auf Asyl oder auf Familiennachzug stellen wollen, ist dies ohne fundiertes Rechtswissen ein fast unmögliches Unterfangen.

Hier setzt die Refugee Law Clinic der Humboldt-Universität Berlin an: Studierende beraten ehrenamtlich Flüchtlinge in Rechtsfragen und unterstützen sie bei Behördenangelegenheiten und Asylanträgen. Zusammen mit Studierenden aus Freiburg, Halle, Heidelberg und Köln sind die Berliner sogar auf der griechischen Insel Chios unterwegs und beraten Geflüchtete direkt nach ihrer Ankunft in Europa.

Um die Studierenden auf diese Aufgabe vorzubereiten und sie mit den Details des Aufenthalts­ und Asylrechts vertraut zu machen, bildet der Refugee Law Clinic Berlin e. V. sie zu Rechtsberatern aus. Dafür hat der Verein selbst eine Vorlesung konzipiert, die über einen Lehrauftrag ganz offiziell an der Hochschule angeboten wird. „Es ist eine Win-win-Situation“, sagt der aktuelle Vorsitzende des Vereins, Elmedin Sopa. Die Flüchtlinge bekämen eine unentgeltliche Rechtsberatung, die angehenden Juristen Praxiserfahrung.

In der Clinic arbeiten auch Sozial­ und Politikwissenschaftler. In einigen Studiengängen wie Theologie und Psychologie können sich laut Elmedin Sopa die Studierenden die ehramtliche Tätigkeit sogar als berufsqualifizierende Zusatzpunkte anerkennen lassen. Die Vorlesung soll demnächst auch als Podcast online gestellt werden, damit sich Studierende anderer Hochschulen und Mitarbeiter von Flüchtlingsorganisation weiterbilden können.
Refugee Law Clinics gibt es mittlerweile in vielen Hochschulstädten. Laut Dachverband Refugee Law Clinic Deutschland sind derzeit etwa 30 ähnliche Initiativen hierzulande aktiv.
Internet: rlc-berlin.org
 

2. Preis
Die Sprache ist der erste Schritt

Der 4. September 2015: Angela Merkel entscheidet, in Budapest festsitzende Geflüchtete über Österreich nach Deutschland einreisen zu lassen. Nur wenige Tage später in Dresden: Eine Gruppe Studierender der Technischen Universität (TU) beginnt, ehrenamtlich Sprachkurse und offene Sprachtreffs in Erstaufnahmeeinrichtungen anzubieten. Dafür mussten die Studierenden nicht weit gehen: Auf dem Gelände der TU waren damals etwa tausend Geflüchtete untergebracht, in Sporthallen, Zelten und der Mensa. „Wir wollten vor allem da Hilfe anbieten, wo staatliche Sprachkurse noch nicht greifen, also bei Geflüchteten, die noch keinen Aufenthaltsstatus haben“, sagt der Projektverantwortliche und Mitgründer der Gruppe Dr. Torsten König.

Aus der Gruppe ist die Initiative Deutschkurse für Asylsuchende (IDA) hervorgegangen. Neben Sprachkursen bietet sie auch einen Hausaufgabentreff und ein Buddy-Programm für Geflüchtete an, die bereits studieren oder Interesse an einem Studium haben. Die einheimischen Buddys stehen ihnen als persönliche Ratgeber und Begleiter zur Seite. Für die Koordination der Buddy-Tandems beschäftigt die IDA zurzeit sieben studentische Hilfskräfte, deren Arbeit vom DAAD und der Studienstiftung Dresden gefördert wird.

Das Erfolgsrezept ist laut Torsten König, dass Studierende aller Fachbereiche mitmachen können. „Jeder Muttersprachler kann einfach durch Gespräche helfen. Und es geht uns nicht nur um Sprachkompetenz, sondern auch darum, in Kontakt zu kommen. Dann verschwindet die Fremdheit auch.“ Inzwischen verkehren sich sogar die Rollen: Einige Geflüchtete bieten nun selber Arabisch- und Persisch-Sprachkurse für die einheimischen Studierenden an.
Internet: initiative-deutschkurse.de
 

3. Preis
Beratung auf Augenhöhe

Peer-to-Peer-Beratung – die Beratung durch und für Menschen mit ähnlicher Erfahrung – hat sich in vielen Lebensbereichen etabliert: bei der Jobsuche und Karriereplanung ebenso wie bei Trauer und traumatischen Erlebnissen. Warum also nicht auch für die Beratung von Geflüchteten nutzen? Das dachten sich Studierende der Universität Siegen und brachten das Projekt „Geflüchtete helfen Geflüchteten“ auf den Weg.
So bieten Studierende mit Fluchterfahrung anderen Geflüchteten Orientierung bei der Studienwahl, helfen ihnen bei Behördengängen und der Wohnungssuche und sind in Schulen und Integrationskursen präsent, um für ein Studium zu motivieren.

„Wir hatten schon 2014 die ersten Flüchtlinge an der Hochschule und als im Sommer 2015 immer mehr Flüchtlinge kamen, haben wir einige der ersten Gruppe aktiv angesprochen“, berichtet Christian Gerhus, Vorstudienberater und Flüchtlingsbeauftragter der Universität Siegen. Schließlich hätten die Geflüchteten untereinander gleich einen ganz anderen Draht. „Zudem trauen sich Geflüchtete so vielleicht mehr zu fragen als gegenüber einem normalen Hochschulmitarbeiter“, meint Gerhus. Wer mag beispielsweise schon offen eingestehen, nicht zu wissen, was ein „beglaubigtes Zeugnis“ ist?

Aktuell sind zwei Syrer, eine Iranerin und eine Sudanesin als sogenannte Bildungsmentoren an der Siegener Uni beschäftigt. Dafür haben sie eine Stelle als studentische Hilfskraft erhalten. Von der Arbeit profitieren die vier auch persönlich, wie Christian Gerhus beobachtet hat: „Als Mentoren können sie der Gesellschaft direkt etwas zurückgeben und fühlen sich so nicht mehr nur in der Nehmer­Position.“ 
Internet: www.uni-siegen.de/fluechtlinge


Filmportraits der Preisträgerinitiativen: tinyurl.com/ybz887du

Serie Willkommen in Deutschland: In dieser Rubrik stellt die duz in den folgenden Ausgaben Welcome-Initiativen an deutschen Hochschulen vor. Ihre Vorschläge greifen wir gerne auf: Please enable Javascript


INTERVIEW

„Vorbildfunktion für gelingende Integration“

BONN Katharina Riehle ist beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für Hochschulprogramme für Flüchtlinge zuständig. Im duz-Interview erklärt sie, warum der DAAD studentische Flüchtlingsinitiativen unterstützt. 

duz: Warum setzt der DAAD so stark auf studentische Welcome-Projekte und hat u. a. den Welcome-Preis ausgelobt?

Riehle: Die Erfahrung zeigt, dass Integration vor allem durch enge persönliche Kontakte gelingt. Die Studierenden haben sich bereits vor unserer Förderung ehrenamtlich für Geflüchtete engagiert und wir wollen das Ehrenamt auch nicht ersetzen. Aber wir möchten den Projekten Nachhaltigkeit und Kontinuität geben. Denn die Projekte sind teilweise sehr umfangreich und aufwendig, sodass die Studierenden sie nicht einfach nebenbei machen können. Mit dem Welcome-Preis möchten wir erfolgreiche Projekte bekannter machen, die als Best-Practice-Beispiel für andere Hochschulen dienen können. Dabei geht es uns nicht nur um die Flüchtlingsförderung.  Aus den Projekten können Hochschulen auch neue Impulse für die Betreuung internationaler Studierender erhalten.

duz: Wo hakt es in Bezug auf internationale Studierende?

Riehle: Die Studienabbruchquoten sind gerade im Bachelorstudium noch relativ hoch. Wir glauben, dass die Hochschulen dem entgegenwirken können, indem sie internationale Studierende sprachlich und fachlich noch besser vorbereiten und begleiten. Wir hören von internationalen Studierenden immer wieder, dass sie Probleme haben, sich im deutschen Studiensystem zurechtzufinden und den Leistungsanforderungen gerecht zu werden. Zudem wünschen sie sich mehr Einbindung und Kontakt zu deutschen Studierenden. Die Welcome-Projekte haben daher großes Potenzial.

duz: Was könnten sie denn für den Internationalisierungsprozess der deutschen Hochschulen bewirken?

Riehle: Um nur einige Stichworte zu nennen: Von mehr Vielfalt, Offenheit und Austausch profitieren auch die deutschen Studierenden. Interkulturelle Kompetenzen sind Schlüsselqualifikationen für beruflichen Erfolg in einer immer mehr vernetzten Welt. Wenn deutsche Studierende sich in Welcome-Projekten engagieren, stärken sie diese Kompetenzen und schaffen Verbindungen zu Menschen, die ihnen nicht nur sprachliche und kulturelle, sondern auch wissenschaftliche Impulse geben können. Zugleich wird darüber ein internationales Netzwerk aufgebaut, in welchem zukünftig vielfältige Kooperationsmöglichkeiten liegen, denn viele der Geflüchteten werden in ihre Heimatländer zurückkehren. Mit einer „Internationalisierung zu Hause“ kann auch eine Steigerung der Forschungsleistungen und Lehrqualität einhergehen, die allen Studierenden nutzt. Zudem könnte sich die Lehre an den Hochschulen durch spezielle Konzepte zur Einbindung Geflüchteter verändern. Und: Maßnahmen zur Stärkung der Willkommenskultur können auch die Internationalisierung der Verwaltungen fördern – etwa durch den Austausch mit dem Personal ausländischer Partnerhochschulen. 

duz: Welchen Modellcharakter haben die Gewinner-Projekte? 

Riehle: Die Berliner Gruppe hat uns beeindruckt, weil sie eine professionelle juristische und psychologische Supervision hat, also eine gute Qualitätssicherung. Zudem will sie Inhalte aus den Lehrveranstaltungen als Podcast online stellen und damit für andere Hochschulen und Initiativen verfügbar machen. Die beiden anderen Projekte haben uns überzeugt, weil sie einen klaren Fokus auf das Empowerment der Geflüchteten legen. Die Geflüchteten haben darin eine sehr aktive Rolle und tragen ihren Teil zur Integration, Offenheit und Interkulturalität am Campus bei. Zusätzlich übernehmen sie eine sehr authentische Vorbildfunktion für gelingende Integration. Bei dem Projekt der Universität Siegen ist es die Peer-to-Peer-Beratung von Geflüchteten für Geflüchtete, an der TU Dresden sind es Arabisch-Sprachkurse, die die Geflüchteten geben.

duz: Die DAAD-Förderung der Welcome-Initiativen läuft Ende 2018 aus. Was kommt danach?

Riehle: Nach dem erfolgreichen Start im Jahr 2016 wurde das Welcome-Programm für die Förderung 2017/18 verlängert. Die Zahl der beteiligten Hochschulen ist in etwa gleichgeblieben, die Vielfalt der studentischen Maßnahmen an den teilnehmenden Hochschulen hat stark zugenommen. Jetzt gilt es, die geschaffenen Strukturen weiter auszubauen und zu festigen. Inwieweit und welche Initiativen genau besonders gut dazu beitragen, Flüchtlinge ins Studium zu integrieren, wird sich im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Programms und anhand verschiedener Monitoring-Instrumente des DAAD zeigen. Langfristig gilt es, diese Maßnahmen für die Integration aller internationalen Studierenden zu nutzen. In diesem Sinne wird sich der DAAD natürlich auch für eine Weiterführung des Programms ab 2019 einsetzen.

Das Interview führte Vanessa Köneke. Sie ist Journalistin in Köln.



URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2017/07/willkommen-in-deutschland/441

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 07/17

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