Gewerkschaft für Hochschulpersonal Keine Sozialarbeit

Prekäre Beschäftigung, Ketten-Zeitverträge, schlechte Bezahlung: Die Misere der Arbeitsbedingungen an den Hochschulen ist bekannt. In Frankfurt will eine neue Gewerkschaft mit Basisdemokratie mehr erreichen. Interessenvertreter zwischen Zersplitterung und Vernetzung: eine Momentaufnahme.

von Gudrun Sonnenberg

Dem Klischee nach gründet man in Deutschland gerne Arbeitsgruppen, wenn es Probleme zu lösen gibt. An der Goethe-Universität in Frankfurt/Main soll es gleich ein bisschen mehr sein – hier steht eine komplette Gewerkschaft vor der Gründung. Auf den 18. bis 20. November ist der Gründungskongress angesetzt; „Unterbau“ nennt sich die Initiative, die seit zwei Jahren aktiv ist, in den letzten Monaten mit Unterstützung von rund hundert Hochschulangehörigen.

In der Vorbereitung zu klären waren die üblichen Formalitäten wie die Rechtsform, die Höhe der Mitgliedsbeiträge, Rechte und Pflichten der Organisation und der Mitglieder. Aber auch, wie man gegebenenfalls auch juristisch mit den großen Gewerkschaften umgeht, die sich über die Konkurrenz nicht freuen. Der zuständige Vertreter der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) in Hessen, Thomas Winhold, sagte bereits im Sommer gegenüber der duz, eine vierte Gewerkschaft an der Uni „stärkt unsere Position sicher nicht“.

Alle sollen alle unterstützen, bei allem

Die neue Gewerkschaft will sich vom Mittelbau bis zum Sicherheitspersonal für alle Menschen und Berufsgruppen zuständig fühlen, die an der Universität arbeiten. Man wolle sich gegenseitig unterstützen, erläutert ihr Pressesprecher Manuel Müller: „Wie will beispielsweise der befristete Mittelbau allein Druck aufbauen? Unser Ansatz ist, dass die Studierenden für die Mittelbauer mitstreiken.“ Außerdem auf der Agenda: mehr Gendergerechtigkeit, Demokratisierung der Hochschulen, Solidarität mit den betroffenen Beschäftigten, wenn Dienstleistungen outgesourct werden sollen.
Große Ziele! Aber könnte man sich damit nicht in bereits bestehende Strukturen integrieren? An Interessenvertretungen herrscht doch eigentlich kein Mangel?

Akademiker, das klingt erstmal gut

Zum Beispiel gibt es das Netzwerk Prekäres Wissen. Treffpunkt für ein Gespräch ist ein Gebäude der Humboldt-Universität zu Berlin in der Ziegelstraße 13, am Spreeufer. Ein Plattenbau, draußen schäbig, drinnen auch. In einem kahlen Raum in der dritten Etage haben sich zum Gespräch drei Menschen aus dem wissenschaftlichen Mittelbau eingefunden.

„Akademiker, das klingt erstmal nach gutem sozialem Standard“, sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Jutta Hergenhan. „Wer außerhalb der Uni ahnt schon, dass sehr viele von uns sich von Job zu Job hangeln und zwischendurch immer wieder arbeitslos sind?“ Aufmerksamkeit zu erzeugen ist eines der Hauptziele des Netzwerks Prekäres Wissen. Hervor ging es vor ein paar Jahren aus einer Mailingliste des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin. Inzwischen ist es ein Zusammenschluss, der durch formlose Mailinglistenkommunikation existiert und im Internet bloggt. Erster und bisher größter Coup des Netzwerks war eine Honorartabelle, in der nachzulesen ist, zu welch karger Entlohnung viele Menschen an den Hochschulschulen und im außeruniversitären Bildungsbereich arbeiten. Der Rest ist vor allem Kommunikation darüber, was sich an den Hochschulen tut.

Fachbezogen oder an einzelnen Instituten oder Hochschulen engagieren sich inzwischen einige sogenannte Mittelbau-Initiativen für bessere Arbeitsbedingungen. Bei den Politologen, den Erziehungswissenschaftlern, in der Soziologie, der Literaturwissenschaft. Für Januar ist ein bundesweites Treffen von Mittelbauinitiativen angesetzt. „Wenn die bundesweite Vernetzung klappt, ist das ein Qualitätssprung“, sagt Dr. Michael Frey, der seit drei Jahren im Netzwerk Prekäres Wissen aktiv ist. Seine Mitstreiter nicken.

Nichts mehr zu verlieren

Wissenschaftler sind für Interessenvertreter keine einfache Klientel. Sie setzen gern auf individuelle Lösungen, hoffen auf den Karrieresprung via ihren Professor oder gehen ins Ausland, erzählen Frey, Hergenhan und der Dritte im Raum, der Arbeitssoziologe Dr. Fabian Frenzel. Die Neigung, sich zu organisieren, sei äußerst gering, die Konfliktbereitschaft erst recht.

„Massenhafter Frust, enorme Entsolidarisierung“

„Viele Leute engagieren sich erst, wenn sie denken, dass sie nichts mehr zu verlieren haben“, bestätigt Dr. Tino Heim von der Mittelbauinitiative in Dresden (MID). Etwa, wenn das Ende des Zeitvertrags in den Blick gerät und die Hoffnung auf eine anschließende Perspektive zu begraben ist. Heim, der als einziger befristet Beschäftigter auch im akademischen Senat sitzt, wird im Januar die Universität verlassen, weil sein Vertrag ausläuft. Aus dem gleichen Grund gibt dann Anja Weber, ebenfalls in der MID aktiv, auf. Vier von derzeit sechs Aktiven in der MID gehen zum Jahresende weg, erzählen die beiden, zwischen 85 und 90 Prozent der Arbeitsverträge im wissenschaftlichen Mittelbau der Universität Dresden seien befristet. Weber spricht von „massenhaftem Frust“. An der Uni herrsche eine „enorme Entsolidarisierung“.

Die Landesregierung verknappe die Mittel, der daraus resultierende Druck werde von der Unileitung nach unten an die Fakultäten weitergegeben und von diesen an die Institute. Die MID hat auf ihrer Homepage viele Informationen auch zu anderen Initiativen zusammengetragen. Man sei so gut vernetzt, dass sich auch mal schnell ein gemeinsamer Protestbrief schreiben lasse, sagt Weber. „Unsere Aktionen hatten hochschulöffentliche Resonanz, und wir bekommen positives Feedback“, so Heim. „Das Problembewusstsein ist gewachsen, das haben wir erreicht. Aber dauerhaftes Engagement ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein Problem.“ Und die Initiative hat kein Verhandlungsmandat gegenüber der Universitätsleitung. „Wir sind ja nicht anerkannt als Interessenvertretung und zumindest an unserer Universität wird eine öffentliche Auseinandersetzung jenseits der offiziellen Gremien oft per se als illegitim angesehen“, sagt Heim.
Also doch besser zur Gewerkschaft gehen?

Dampf machen

Tatsächlich sind unter den Mitgliedern der diversen Initiativen etliche zu finden, die auch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) angehören,­ derjenigen unter den drei an den Hochschulen aktiven Organisationen, die schwerpunktmäßig die Wissenschaftler organisiert. Sie betrachten einander nicht als Konkurrenten. Ihre Rolle sehen sie vielmehr darin, der GEW Dampf zu machen. „Die Initiativen schlagen Lärm“, sagt Weber, „wir haben mehr Freiheit als die GEW, die agiert freundlicher und kompromissbereiter als wir.“

Bei der GEW hört sich das aus dem Mund von Andreas Keller so an: „Wenn man Geduld hat und dranbleibt, kann man was erreichen.“ Die jüngsten Reformen stellten durchaus eine Verbesserung dar, auch wenn sie nicht ausreich­ten. Auf ihrer Wissenschaftskonferenz Ende September verabschiedete die GEW in ihrer „Wittenberger Erklärung“ die Forderung nach einer besseren Grundfinanzierung – auch durch den Bund –, Entfristung und mehr Professuren.

Früher politisch, heute auf der Suche nach Rechtsschutz

Schwierig für die Durchsetzung solcher Forderungen sei der immer noch zu niedrige Organisationsgrad, der nicht zulasse „richtig zu kämpfen“; es fehle die Grundlage für Streiks, sagt Keller. Die GEW hat nach seinen Angaben 20 000 Mitglieder an den Hochschulen, wobei er nicht aufschlüsseln könne, wie viele davon als Wissenschaftler arbeiteten. Bei 280 000 Beschäftigten im gesamten Hochschulbereich wäre der Organisationsgrad in jedem Fall steigerungsfähig. Früher seien die Leute vor allem aus politischer Überzeugung in die Gewerkschaften eingetreten, sagt Keller. „Heute suchen sie häufiger Rechtsberatung und Rechtsschutz bei ihren Auseinandersetzungen um die Zeitverträge.“ Darauf versuche sich die GEW einzustellen. Keller räumt ein: „Die Gewerkschaften hatten die Wissenschaft zu wenig im Fokus.“

2010 formulierte die GEW im Templiner Manifest ihre Vorstellungen vom „Traumjob Wissenschaft“ und die Strategien, wie diese Ziele zu erreichen seien. Das Interesse an Veranstaltungen, die Bereitschaft, Aufrufe zu unterzeichnen und nicht zuletzt die Mitgliederzahl seien daraufhin gestiegen. Die GEW zeigt sich wiederum nach außen aufgeschlossen, kooperiert mit den einzelnen Initiativen. „Manche Leute denken, wir seien unbeweglich“, sagt Keller, „aber die GEW bietet Platz. Wir können viele Foren anbieten.“ Das möchte er allerdings in seiner Organisation bündeln. „Zersplitterung“, sagt Keller mit Blick auf die Gewerkschaftsgründung in Frankfurt, „hilft niemandem weiter.“

„Laienschauspieltruppen“

Außerdem sind da noch die komplizierten Rahmenbedingungen, die kennen muss, wer Tarife aushandelt. Darauf verweist Norbert Konkol, Bundesarbeitsgruppenleiter im Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung bei Verdi. Man habe es in Tarifverhandlungen aufseiten der Uni­-Leitungen teilweise mit „Laienschauspieltruppen“ zu tun, sagt er. Konkol spricht viel und engagiert über Eingruppierungen, den Tarifvertrag der Länder, Beschäftigtengruppen, weiß Bescheid über die unterschiedlichen Regelungen in den Ländern und die Dienstverträge einzelner Universitäten. Über aktuelle Mitgliederzahlen in seinem Bereich sagt er dagegen nichts. Zu den unterschiedlichen Initiativen erklärt er, Verdi arbeite vor Ort mit ihnen zusammen. „Die Entwicklung ist erfreulich und ärgerlich zugleich“, sagt Konkol. Hochschulen seien „brutale Arbeitgeber“. Die Gewerkschaften unterstützten, wenn Menschen sich gegen hanebüchene Arbeitsbedingungen wehrten. Allerdings: „Die Leute müssen dann aber Mitglied bei uns werden“, sagt er, „wir machen keine Sozialarbeit.“

Mehr Basisnähe gesucht

Die Frankfurter Unterbau­Gründer wollen sich vom mangelnden Zulauf bei den großen Organisationen nicht schrecken lassen. Diese seien eben zu sehr am häuslichen Frieden mit dem Verhandlungspartner interessiert, die eigentlichen Themen der Beschäftigten seien nicht vorangetrieben worden, erläutert Unterbau­Sprecher Müller. Das Befristungsproblem sei viel beklagt worden, aber ungelöst geblieben. Ein Streik der Hilfskräfte in Frankfurt sei zwar unterstützt, aber eben nicht von den Gewerkschaften initiiert worden. Anders ausgedrückt: Die real existierende Interessenvertretung greift aus Sicht der Unterbau­Aktivisten zu kurz. So will die neue Gewerkschaft auch die Professorenmehrheit in den universitären Gremien abschaffen. Unterbau hat sich eine „grundlegende Transformation der Hochschule in eine basisdemokratische Selbstverwaltung“ auf die Fahnen geschrieben.

Demokratisch sollen auch die eigenen Strukturen werden; von einer rätedemokratischen Organisationsstruktur ist die Rede. „Bei Verdi und GEW werden die Entscheidungen auf Ebenen getroffen, die mit der Basis nichts zu tun haben“, kritisiert Müller. Für Unterbau gelte daher: „Wer uns repräsentiert, soll sich in der Vollversammlung rückversichern müssen, ob die Leute einverstanden sind.“
Und was, glaubt er, können sie in Frankfurt auf diesem Weg erreichen? „Wir haben nicht die Illusion, dass wir alle Ziele erreichen“, sagt Müller. In Bezug auf Verdi und GEW sehe man sich als Impulsgeber: „Wir können da vielleicht was antreiben.“ Müller übt sich in Realismus: „Wir wollen kein linkes Projekt sein, das utopische Sachen formuliert, sondern konkret versuchen Missstände anzugehen.“
Sowieso geht es ja jetzt erstmal um die Gründung.


INFOKASTEN

Gewerkschaften, Initiativen, Vereinbarungen

Wer was tut

Gewerkschaften

  • Unterbau Am 19. November 2016 wollen rund hundert Aktive an der Universität Frankfurt/Main eine neue Gewerkschaft gründen. Projektname: „Unterbau“. Sie soll alle Statusgruppen solidarisieren und will für mehr Demokratie an der Frankfurter und anderen Hochschulen streiten. Internet: www.unterbau.org
  • GEW Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will sich im kommenden und den nächsten Jahren für mehr unbefristete Stellen und eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulen einsetzen. Nachzulesen ist das in der Wittenberger Erklärung, die sie auf ihrer Wissenschaftskonferenz im Oktober verabschiedete. Internet: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/jetzt-entfristen/


Initiativen

  • Mittelbau-Initiativen An vielen Hochschulen gibt es Initiativen von Wissenschaftlern aus dem akademischen Mittelbau, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Eine Übersicht hat die Homepage der Mittelbau-Initiative an der TU Dresden: http://mittelbau-dresden.de/materialsammlung/
  • Lehrbeauftragte Musik Gegen niedrige Honorare und unsichere Arbeitsbedingungen protestiert seit 2011 die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen. Internet: www.bklm.org
  • Privatdozenten In Berlin gründete sich vor fünf Jahren die „Initiative Berliner Privatdozenten“, um auf die Misere der rund 5000 Privatdozenten an deutschen Hochschulen aufmerksam zu machen. Internet: http://privdoz.de/


Vereinbarungen

  • Frankfurt/Oder, Viadrina Promovierende mindestens drei Jahre lang, Postdoktoranden mindestens vier Jahre lang beschäftigen; 40 Prozent der Arbeitszeit für die eigene Qualifizierung reservieren – solche Regelungen enthielt die 2014 geschlossene Dienstvereinbarung über die Arbeitsverträge akademischer Mitarbeiter an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Laufzeit: zwei Jahre. Internet: http://tinyurl.com/gu88f77
  • NRW, Bayern, Rahmenvereinbarungen Noch bevor das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformiert wurde, schlossen die Regierungen von Nordrhein-Westfalen (NRW) und Bayern Rahmenvereinbarungen ab, die unter anderem Mindestbefristungen von Verträgen auf ein Jahr vorsahen sowie bessere Arbeitsbedingungen für Hilfskräfte und Teilzeitbeschäftigte. Internet: http://tinyurl.com/j6eo5ov und http://tinyurl.com/ho8vryf

URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2016/12/keine-sozialarbeit/406

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 12/16

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