Citizen Science Neue Richtlinie, altes Tabu

Echte Bürgerforschung lebt von forschenden Laien, ist duz-Gastkommentator Peter Finke überzeugt. Das Vorhaben des Forschungsministeriums zu Citizen Science beäugt er mit Skepsis.

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat mit Datum vom 14. Juli 2016 eine „Richtlinie zur Förderung von bürgerwissenschaftlichen Vorhaben (Citizen Science)“ herausgegeben. Über sie „sollen solche Forschungsvorhaben gefördert werden, an denen Bürgerinnen und Bürger und/oder Vertreterinnen und Vertreter der organisierten Zivilgesellschaft maßgeblich beteiligt sind“. Diese Politik gefährdet letztlich, was sie fördern sollte. Ihre Sprache ist schlampig, ihr Demokratieverständnis fragwürdig. Sie ist deshalb in der Sache gescheitert, bevor noch der erste Projektantrag bewilligt ist.

Die anscheinend so progressive neue Richtlinie ist eine Einladung zum Mitforschen, nicht zum Selberforschen. Man unterscheidet ganz bewusst zwischen Wissenschaftlern und Bürgern. Das alte Tabu, dass es Bürger gibt, die auf den verschiedensten Wissensfeldern zu aktuellen und relevanten Fragen tatsächlich selber forschen, ohne Berufswissenschaftler zu sein, umschleicht das BMBF wie die Katze den heißen Brei.

Diese neue Politik ist mit dem alten Rucksack belastet, den unsere Wissenschaftspolitik offenbar nicht absetzen kann: Wissenschaftler haben anerkannten wissenschaftlichen Institutionen anzugehören; wenn nicht, sind sie keine. Diesen institutionenfixierten Geburtsirrtum erkennt sie nicht oder will ihn nicht erkennen. Stattdessen hält man an der Fiktion eines scharf abgrenzbaren Wissenschaftssystems fest. Können Systeme nicht auch unscharfe Grenzen haben? Hätte man nicht angesichts der geduldeten, ja begrüßten Einmischung des Wirtschaftssystems die Unhaltbarkeit dieser vorurteilsbelasteten Grenzziehung erkennen müssen?

Natürlich folgt diese Politik internationalen Vorbildern: Pio­niere in London, Weiterentwickler in New York, die European Citizen Science Agency. Sie alle tragen jenen Rucksack: Es sind Berufswissenschaftler, die das Wissen und die kostenlose Mitarbeitsbereitschaft der Laienforscher abschöpfen möchten und diese deshalb preisen. Das Ganze ist ein einziges verlogenes Programm zur Begründung einer Billigforschung: die Erfindung des kostenlosen wissenschaftlichen Mitarbeiters.

Der Text sagt nicht ausdrücklich, dass es Vereine, Verbände oder sonstige Gruppen gibt, die seit Langem auch echte Bürgerforschung tragen und fördern, beispielsweise die Umweltschutzverbände NABU oder BUND, viele Geschichtswerkstätten oder ökonomiekritische Gruppen. Aber sie werden nicht als „außeruniversitäre Forschungseinrichtungen“, sondern als Repräsentanten der „organisierten Zivilgesellschaft“ betrachtet, nicht als Teile des Wissenschaftssystems. Das Geld geht an die Profis. Dabei lebt echte Bürgerforschung von den forschenden Laien. Dies zeigt, wie wenig diese Politik durchdacht ist. Die Fragen des erkenntnistheoretischen, juristischen und gesellschaftlichen Status dieser Wissenschaftler, die angeblich nur „Bürger“ sind, und ihrer Forschung bleiben ungeklärt.

Der Fall, dass auch Laienforscher gegenüber der Profiforschung aus guten Gründen sehr kritisch eingestellt sein können, ist hier offenbar nicht vorgesehen. Oder ist es ein Zufall, dass in der Aufzählung der Disziplinengruppen, die in den Genuss dieser Förderung kommen sollen, die Wirtschaftswissenschaften fehlen? Tausende in Bezug auf unsere Wachstumswirtschaft kritisch eingestellte Bürger engagieren sich in Gruppen und Initiativen, gründen Regionalwährungen, versuchen neue Lebenswege zu gehen. Dies geht nicht ohne massive Kritik an den herrschenden ökonomischen Paradigmen ab. Nicht ums Mitforschen, ums Selberforschen geht es.

Wenn man wirklich Bürgerwissenschaft finanziell fördern wollte, gäbe es reichlich Gelegenheiten dazu: Bestandsaufnahmen, wo überall hierzulande freie, erfolgreiche, aktuelle und wichtige ehrenamtliche Forschung betrieben wird; man weiß es offenbar nicht. Vorurteile und Behinderungsgründe erkennen und abzubauen versuchen. Publikationen der Laienforscher fördern. Diesen Rechtshilfe gewähren. Preise für herausragende Amateurforschung stiften. Und so weiter.

Die neue Politik geht das sehr erhebliche Risiko ein, das, was man fördern möchte, zu schädigen. Warum? Weil das ehrenamtliche Engagement auch im Forschungsbereich abnehmen wird, wenn sich herumspricht, dass es dafür nun Geld geben kann. Man muss sich nur mit einer anerkannten wissenschaftlichen Einrichtung abstimmen. Ist die Aushöhlung der Ehrenamtlichkeit beabsichtigt? Ich glaube nicht; es ist eine Dummheit.


Autor

Foto: Mario Brand

Prof. Dr. Peter Finke

Peter Finke (geb.1942) ist Sprecher der naturforschenden Vereinigungen in Mitteleuropa, Mitgründer und Vorstandsmitglied der Vereinigung für ökologische Ökonomik und Begründer eines internationalen Netzwerks gegen die Urwaldvernichtung in Südostasien.
Als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld (1982 – 2006), für Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke (1995 – 1998) und bei vielen Gastverpflichtungen an in- und ausländischen Universitäten (bis heute) hat er häufig die Übergriffe von Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf die Wissenschaft kritisiert.
Studium in Göttingen, Heidelberg und Oxford (St. Catherine’s College). Promotion 1977 Göttingen, Habilitation 1979 Bielefeld, Ehrendoktor 2004 Debrecen/Ungarn. Vorzeitiger freiwilliger Rückzug von seiner Lehrtätigkeit 2006 aus Protest gegen die politisch verordnete Umstrukturierung der Universitäten.
Im März 2014 erschien sein Buch: „Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien“ im Oekom-Verlag, München.
E-Mail: peter.finke@t-online.de


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2016/10/neue-richtlinie-altes-tabu/395

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 10/16

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