Nachwuchs an Fachhochschulen „Dringend etwas tun“

Die milliardenschweren Bund-Länder-Pakte für die Spitzenforschung und für den Professoren-Nachwuchs an den Universitäten sind unter Dach und Fach. Jetzt soll ein spezielles Nachwuchsprogramm für die Fachhochschulen folgen, kündigt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) im duz-Interview an.

von Karl-Heinz Reith

duz: Frau Wanka, 5,3 Milliarden Euro für die Spitzenforschung, eine Milliarde Euro für den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Unis – die Fachhochschulen klagen, der Bund bevorzuge einseitig die Universitäten. Halten Sie diese Kritik für berechtigt?

Wanka: Als ehemalige FH-Rektorin muss ich in Sachen Bedeutung der Fachhochschulen für unser Wissenschaftssystem wirklich nicht „katholisch“ gemacht werden. Wir wissen, dass wir auch für die Nachwuchskarrieren an den Fachhochschulen dringend etwas tun müssen. Ich denke dabei an ein eigenes, speziell auf die Bedürfnisse der Fachhochschulen zugeschnittenes Programm.

duz: Wie sehen Ihre Pläne konkret aus?

Wanka: Der Wissenschaftsrat bereitet gerade Empfehlungen zur künftigen Personalstruktur an den Fachhochschulen und für den künftigen Professoren-Nachwuchs vor. Dem will ich nicht vorgreifen. Wenn diese Empfehlungen vorliegen, werde ich meine Vorstellungen öffentlich machen.

duz: Gibt es in Ihrem Ministerium denn keine Vorüberlegungen?

Wanka: Natürlich gibt es viele Überlegungen. Wir können zum Beispiel das Tenure-Track-Programm der Universitäten nicht 1:1 auf die Fachhochschulen übertragen. Wir brauchen an diesem Hochschultyp vielmehr Lehrende mit guter beruflicher Erfahrung aus der Wirtschaft; das sollte aber dann auch deutlich mehr sein als nur eine Art „Teilzeit-Praktikum“. Die Stärke der deutschen Fachhochschule ist nun einmal ihr Praxisbezug.

duz: Aus den Fachhochschulen hört man Klagen, es gebe bei Stellenausschreibungen für Professuren einen regelrechten Bewerbermangel. Das wird zum Teil darauf zurückgeführt, dass die Fachhochschule über kein eigenes Promotionsrecht verfügt – sieht man von neueren Ausnahmen in wenigen Bundesländern ab. Erläuternd heißt es weiter: Die Situation wäre eine völlig andere, wenn die Fachhochschule ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden dürfte. Wie stehen Sie dazu?

Wanka: Von einem generellen Bewerbermangel kann an den Fachhochschulen so zwar nicht gesprochen werden. Das ist sicherlich von Fach zu Fach sehr verschieden. In einigen Bereichen scheint es allerdings erhebliche Probleme zu geben. Ich bin aber nach wie vor Anhängerin der „kooperativen Promotion“. Da bin ich sehr dafür. Und der Bund wird dies auch weiterhin unterstützen.

duz: Haben Sie für Ihre Vorstellungen zu einem eigenständigen FH-Nachwuchsprogramm bereits Rückmeldungen aus den Ländern erhalten? War das schon ein Thema in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern?

Wanka: In der Wissenschaftskonferenz stand das Thema noch nicht auf der Tagesordnung. Sie wissen, dass ich gern die Dinge vorantreibe. Aber – wie bereits gesagt: Ich will erst die Empfehlungen des Wissenschaftsrates abwarten und hier nicht vorgreifen.

duz: Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fordert vom Bund den Ausbau der vom Wissenschaftsministerium geförderten kooperativen Promotionskollegs von sieben auf 50. Zudem wünscht sich die HRK eine deutliche Aufstockung der Bundesmittel für die Forschung an Fachhochschulen.

Wanka: Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass sich diese Forderungen und Wünsche allein an den Bund richten – und nicht vor allem an die Länder, die ja für die Grundfinanzierung der Hochschulen originär zuständig sind. Die Forschung an Fachhochschulen unterstützt der Bund jetzt seit mehr als 20 Jahren. Im Rahmen des eigenständigen FH-Forschungsprogramms stehen allein in diesem Jahr 48 Millionen Euro zur Verfügung. Zudem gehen viele Projektmittel an die Fachhochschulen.

Das Interview führte Karl-Heinz Reith.


INFOKASTEN

Landesprogramm FH-Professur

Nordrhein-Westfalen startet als erstes Bundesland ein eigenes Landesprogramm für den Professoren-Nachwuchs an seinen Fachhochschulen. Titel: „Karriereweg FH-Professur“. In der ersten, zunächst auf drei Jahre angelegten Programmphase stehen bis zu 80 Plätze zur Verfügung. Das Land unterstützt das Projekt mit 15 Millionen Euro. Das Programm wurde gemeinsam mit den Fachhochschulen des Landes entwickelt.

Ziel ist, verstärkt den wissenschaftlichen Nachwuchs für eine Professur an Fachhochschulen zu qualifizieren, die neben ihrer wissenschaftlichen Qualifikation eine mindestens dreijährige Berufs­praxis außerhalb der Hochschule voraussetzt. Die Teilnehmer des Nachwuchsprogrammes erhalten in der Regel einen Arbeitsvertrag sowohl ihrer jeweiligen Fachhochschule als auch eines externen Unternehmens. Dieser externe Kooperationspartner beteiligt sich mit mindestens einem Viertel an den Kosten. 

Die Programmteilnehmer arbeiten je zur Hälfte im Unternehmen und an der Hochschule, wo sie als „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ beschäftigt werden. Ihre Lehrverpflichtung beträgt mindestens vier, höchstens aber acht Semester-Wochenstunden. Zudem sollen sie an hochschuldidaktischer Weiterbildung teilnehmen.

Nach Ablauf der Förderphase erhalten die Teilnehmer über zwei programmbegleitende Professoren ein Gutachten, das auch die Stellungnahme des Unternehmens einbezieht. Dieses ersetzt allerdings nicht die im Berufungsverfahren erforderlichen Gutachten.


INFOKASTEN

Prof. Dr. Johanna Wanka

ist seit 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Zuvor war sie von 2000 bis 2009 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur zunächst in Brandenburg, von 2010 bis 2013 in Niedersachsen. Vor ihrer Berufung als Ministerin war die Mathematikerin Rektorin der Hochschule Merseburg.
Internet: www.bmbf.de


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2016/08/dringend-etwas-tun/387

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 08/16

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