Forschungskommunikation 2.0 Wissenschaft im Schaufenster

Bücher, Fernsehsendungen, Volkshochschulen und Museen bringen seit jeher wissenschaftliche Erkenntnisse der Allgemeinheit näher. Das Internet nun lässt es zu, dass der Rezipient nicht nur abgeschlossene Denkprozesse reflektiert, sondern diese schon im Entstehen verfolgen, teilen, weiterentwickeln und kommentieren kann.

von Christian Spannagel und Oliver Tacke

Öffentliche Wissenschaft befasst sich traditionell mit der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Öffentlichkeit: Volkshochschulen, Museen, populärwissenschaftliche Bücher und Fernsehsendungen sind etablierte Formen (siehe Fußnote1). Meist werden dabei Produkte wissenschaftlicher Arbeits- und Erkenntnisprozesse allgemein verständlich dargestellt.

Das Internet bietet viele Möglichkeiten, wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen abzubilden und Personen innerhalb und außerhalb des Wissenschaftsbetriebs einzubinden. Der Prozess der Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse kann online und öffentlich durchgeführt werden. Davon können Studierende und weitere interessierte Personen profitieren, indem sie die Bedeutung eines systematischen Vorgehens, der Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit von Argumenten kennenlernen, zudem können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst Nutzen daraus ziehen, indem sie ihr eigenes Vorgehen darlegen, reflektieren und aus Impulsen von „außen“ Gewinn ziehen.

Wissenschaftsprozesse spielen in der kompetenzorientierten Lehre eine wichtige Rolle. Studierende sollen nicht nur Begriffe und Konzepte lernen, sondern Methodenkompetenzen der Disziplin erwerben. Sie sollen insbesondere auch in die Lage versetzt werden, wissenschaftlich tätig zu sein.

Der Ansatz, wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen auch Menschen außerhalb der Hochschule zugänglich zu machen, erlaubt ein authentisches Bild von Wissenschaft zu transportieren (2). Öffentliche Wissenschaft kann und sollte dazu nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern ebensolche Prozesse erfahrbar machen. Diese werden zum Zwecke der Vermittlung präsentiert und auch für die Allgemeinheit geöffnet: Ein Wissenschaftler arbeitet (teilweise) öffentlich und integriert Impulse verschiedener „Öffentlichkeiten“.

Videofilme aus einem Hörsaal transportieren Wissenschaft in die Welt

Eine einfache Art, wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen nach außen zu tragen, ist die Produktion von Videos, in denen Prozesse vorgeführt und erläutert werden. Experimente im Hörsaal oder mathematische Beweise an der Tafel können aufgenommen und etwa auf YouTube hochgeladen werden. Dabei sollte die Methode demonstriert und erläutert werden. Die Bereitstellung der Prozesse im Web nützt nicht nur den Studierenden zur Wiederholung und zum Erinnern, vielmehr können die Videos auch außerhalb des Hörsaals angesehen werden.

Beim Massive Open Online Course (MOOC)„Mathematisch denken!“ (3) werden mathematische Denk- und Arbeitsweisen unter Videonutzung so aufbereitet, dass sie auch von Personen, die nicht Mathematik studieren, durchgeführt und nachvollzogen werden können. Dazu werden etwa Beweisprozesse durch bildhafte Darstellungen anschaulich gemacht. Außerdem wird versucht, den Teilnehmenden den Prozess des Definierens erlebbar zu machen, etwa durch die alltagsbezogene Frage „Was ist ein Cappuccino?“. Die Prozesse werden durch ein Video initiiert, in einem Online-Forum durchgeführt und diskutiert. Anhand der Definition „Ein Cappuccino ist ein Kaffee mit Milch“ kann erörtert werden, ob „Kaffee mit Milch“ eine hinreichende und notwendige Bedingung ist.

Forschungsideen öffentlich machen
Bereits in frühen Phasen des Forschungsprozesses können Sie mit Internet-Werkzeugen Fragen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Studierenden und schließlich der gesamten Öffentlichkeit teilen und gemeinsam weiterentwickeln. Zahlreiche Forschungsideen gehen unter, weil diejenigen, die sie haben, sie aus Zeit-/Ressourcengründen nicht verfolgen können. Wenn Sie hingegen ein Online-Notizbuch führen (etwa in einem Wiki oder in Google Docs), können Sie Forschungsideen und Forschungsfragen eintragen, die Sie interessant finden, denen Sie persönlich aber nicht nachgehen können. Studierende, die eine Abschlussarbeit schreiben möchten, sowie andere Forschende können diese Ideen ergänzen, mitgestalten und im Dialog weiterverfolgen. Ein Beispiel hierfür ist das Promotionsprojekt von Kristina Lucius, das zustande kam, nachdem sie die Forschungsidee zu Hörsaalspielen in einem öffentlichen Wiki fand. Mittlerweile forscht sie zu Spielen in Vorlesungen, eine erste Publikation ist entstanden (4).

Letztlich lassen sich in allen Phasen des Forschungszyklus’ Informationen öffentlich teilen und gemeinsam weiterentwickeln: Ausarbeiten von Forschungsideen, Planen einer Untersuchung, Auswerten von Daten und Schreiben einer Publikation (5). Ein Artikel der Zeitschrift „Pädagogik“ ist beispielsweise unter Beteiligung zahlreicher Personen in verschiedenen Webumgebungen (etwa Twitter, Facebook und Google+) entstanden, darunter auch Personen, die nicht im Wissenschaftsbetrieb tätig sind (6). Durch die Verfügbarkeit von Smartphones und Tablets ist das Führen eines Online-Notizbuchs nicht aufwendiger als das eines normalen Print-Notizbuchs. Online-Werkzeuge wie Wikis, Google Docs, Skype oder Adobe Connect ermöglichen ein gemeinsames Brainstorming oder kollaboratives Schreiben eines wissenschaftlichen Textes.

Sie können ein Blog als Online-Forschungstagebuch führen, um darin Überlegungen, Reflexionen oder kurze „Gedankenfetzen“ festzuhalten – in der Form „eigentlich müsste ich einmal dieses und jenes untersuchen, weil ...“. Wer Gedanken aufschreibt, ist gezwungen, diese noch genauer zu durchdenken. Das Blog wird zum Denkwerkzeug. Wenn Sie darüber hinaus die Gedanken so aufschreiben, dass viele Leserinnen und Leser sie verstehen können, trägt das zu einem vertieften Nachdenken bei. Dann können Blog-Kommentare wertvolle Informationen liefern, beispielsweise Links zum Thema oder Argumente, die Sie selbst nicht aufgeführt haben. So hat Christian Spannagel zur Kongressvorbereitung Statements im Blog vorformuliert und dazu zahlreiche Kommentare bekommen (7), die zu einer wesentlich breiteren Argumentationsbasis führten. Zu guter Letzt kann ein Online-Forschungstagebuch ihr persönlicher Wissensspeicher werden.

Arbeitsprozesse reflektieren
Wenn Sie im Blog persönliche Irrtümer und Denkfehler reflektieren, bieten Sie ein Beispiel für den konstruktiven Umgang mit Fehlern. So veröffentlicht Oliver Tacke regelmäßig kritische, selbstreflexive Artikel in seinem Blog (8). Er ist als Wissenschaftler folglich nicht „unnahbar“, sondern wird zu einer Person, die auch mit widrigen Umständen kämpfen muss und gelegentlich scheitert. Studierende können so an wissenschaftlichen Gedankengängen über die normale Lehrveranstaltung hinaus partizipieren und dabei in authentische wissenschaftliche Entwicklungsprozesse eingebunden werden.
Die beschriebenen prozessorientierten Formen der öffentlichen Wissenschaft begegnen Vorbehalten. Dazu zählt die Angst vor dem Ideenklau: Was, wenn jemand die öffentlich geäußerten Ideen nimmt und weiterverwendet?
1. Öffentlich publizierte Ideen und Beiträge sind meist mit Datum und Autorennamen versehen. Wissenschaftlich redliche Arbeitsweise verlangt es, verwendete Daten in Form eines Belegs oder Zitats anzugeben.
2. Eine frühe Publikation kann vor Ideenklau schützen, denn wer seine Gedanken online äußert, der protokolliert weltweit seine Urheberschaft.

Gleichzeitig eignet sich nicht jeder Gedanke zum öffentlichen Diskurs, etwa dort, wo es um Patente geht oder um Forschung mit Geheimhaltungsverpflichtung. Promovierende sollten mit ihren Betreuern klären, inwieweit öffentliche Wissenschaft in ihrem Bereich möglich ist. Auch im Team Forschende müssen mit Kolleginnen und Kollegen absprechen, welche Formen öffentlichen Arbeitens von allen verfolgt oder zumindest gebilligt werden.

Selbstverständlich gibt es Wissenschaftsbereiche, die sich nur schwer für die Allgemeinheit aufbereiten lassen. Die Tatsache, dass es nicht „die eine Öffentlichkeit“ gibt, ist aber eine Herausforderung jeder Wissenschaftskommunikation (9): Je mehr Vorwissen Sie voraussetzen, desto weniger mögliche Kooperationen und umso speziellere Diskussionen entstehen. Das ist also eine Frage der persönlichen Ziele: Wen möchten Sie erreichen, welche Diskussionen führen?

Schließlich erreichen Sie mit öffentlicher Wissenschaft nur ein größeres Publikum, wenn Sie eine ausreichende Grundvernetzung haben (10).
Das bedeutet, dass Sie sich auf Plattformen wie Twitter, Facebook oder Google+ mit anderen Menschen vernetzen sollten. Wenn Sie ein großes Netzwerk gebildet haben, können Sie Ihre neuesten Online-Videos, Ihre Einträge im Lab Notebook oder Ihre Beiträge im Blog in das Netzwerk einspeisen und auf Resonanz hoffen. Manchmal bleibt sie aus, ein anderes Mal erlebt man bereichernde Überraschungen.

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Fußnoten:
1) Faulstich, P. (2006): Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Bielefeld.
2) Spannagel, C.; Tacke, O. (2012): Lebenslanges Lernen und öffentliche Wissenschaft im Web 2.0. Hessische Blätter für Volksbildung, 62. Jg., Nr. 4, S. 335-343.
3) Der Mathe-MOOC, produziert von Christian Spannagel, Michael Gieding, Lutz Berger und Martin Lindner: http://tinyurl.com/mathemooc [30.1.2015].
4) Lucius, K., Spannagel, J. und Spannagel, C. (2014): Hörsaalspiele im Flipped Classroom. In: K. Rummler (Hrsg.): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken. S. 363-376.
5) Mietchen, D. (2012): Wissenschaft zum Mitmachen. Wissenschaft als Prozess: Offene Wissenschaft. In: U. Herb (Hrsg.): Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft. Saarbrücken.
6) Online-Beitrag zur Vorbereitung des Artikels in „Pädagogik“ (Spannagel, 2013): https://cspannagel.wordpress.com/2013/03/10/muss-man-eigentlich-nix-mehr-wissen/ [30.1.2015]. Spannagel, C. (2013): Allwissendes Internet? Warum man trotz Google & Co. etwas wissen sollte. In: Pädagogik, 13. Jg., Nr. 7-8, S. 58-61.
7) Statements zu Lehrerbildung – Gemeinsames Online-Brainstorming: https://cspannagel.wordpress.com/2011/04/23/statements-zur-lehrerbildung/ [30.1.2015].
8) Kritische Selbstbeobachtung im Blog: http://www.olivertacke.de/2013/02/28/der-wertvolle-blick-von-ausen/ [30.1.2015].
9) Könneker, C. (2012). Wissenschaft kommunizieren. Ein Handbuch mit vielen praktischen Beispielen. Weinheim.
10) Gottschalk, M.; Spannagel, C. (2011): Die Maschendraht-Community. Grundvernetzung von Lehrerinnen und Lehrern im Web 2.0. In: H. Dürnberger; S. Hofhues; T. Sporer (Hrsg.): Offene Bildungsinitiativen. Fallbeispiele, Erfahrungen und Zukunftsszenarien. S. 67-87.

Die Autoren:

Prof. Dr. Christian Spannagel
ist Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er forscht zum Einsatz digitaler Medien in Schule und Hochschule.
Internet: http://www.ph-heidelberg.de/mathematik/personen/lehrende/spannagel.html



Oliver Tacke
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt teach4TU an der Technischen Universität Braunschweig. Er begleitet Lehrende zu Fragen der Hochschuldidaktik und arbeitet im IT-Projektmanagement.
Internet: www.olivertacke.de


INFOKASTEN

Handlungstipp

In einem Online-Notizbuch, etwa in einem Wiki, können Forschungsideen und -fragen festgehalten werden, die Sie interessant finden, denen Sie persönlich aber nicht nachgehen können. Interessierte können Ihre Ideen aufgreifen,  mitgestalten und im Dialog weiterverfolgen.

Oder Sie nutzen ein Blog als Online-Forschungstagebuch. Auch hier erhalten Sie Anregungen durch Ihre Leser.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2015/09/wissenschaft-im-schaufenster/338

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 09/15

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