Qualitätsmanagement Können statt kontrollieren

Die Kontrolle von Lehre kann nicht wie die Kontrolle einer Staubsaugerproduktion funktionieren. Für den Bildungsbereich haben andere Regeln zu gelten. Die müssen so kreativ und flexibel sein wie die Wissenschaftler selbst es sind. Form muss zu Inhalt passen. Nur so ist Qualität denkbar. Ein Plädoyer.

Man stelle sich einmal vor, die 1. Bundesliga würde sich anschicken, Standards für die Durchführung von Fußballspielen zu formulieren: Der Fußballspieler bemüht sich auf dem Platz, den Ball in das gegnerische Tor zu treten. Er achtet in Zweikämpfen darauf, dass er gewinnt, dabei aber fair bleibt. Er bemüht sich, hohe Bälle im Falle der sofortigen Weitergabe mit dem Kopf, im Falle des Weiterspielens mit dem Fuß zu stoppen etc. Zielvereinbarung: Die Mannschaft bemüht sich, das nächste Spiel zu gewinnen. (Jeder muss unterschreiben.) Interne Evaluation: Wir prüfen, ob wir das Ziel erreicht haben. So oder ähnlich würden Qualitätsmanager ihr QM-Nachschlagewerk für die 1. Bundesliga formulieren. Banal und überflüssig wäre das, wie QM an Hochschulen.

Das Original

Dabei hat schon jeder Säugling ein Qualitätsmanagement im Kopf. Wenn er über das Parkett krabbelt, um einen Ball unter dem Sessel hervorzuholen, dann verfolgt er ein Ziel. Er handelt. Und wenn er den Ball hat, ist er zufrieden (Evaluation). Wenn er den Ball nicht bekommt, weil seine Ärmchen zu kurz sind, muss er sich eine andere Strategie überlegen. Was er überlegend und ausprobierend meist schafft. Das ist menschliche Handlungslogik, die es seit der Steinzeit gibt. Sie ist keine neue Erfindung von Qualitätsmanagern. Sie ist hoch flexibel, strategiereich und kann mehr als die dem Menschen nachempfundene vereinfachte Maschinenlogik. Versuche der Qualitätsmanager, Maschinenlogik auf Menschen anzuwenden, sind wenig sinnvoll. Die aus Technik und Wirtschaft entlehnten Formen von starrem, bürokratisiertem QM führen zu Kostenexplosion, wirken sich in Hochschulen ineffektiv und qualitätssenkend aus. Die Kontrolle von Lehre kann nicht wie die einer Bandstraße zur Produktion von Staubsaugern funktionieren.

Die Fälschung

Qualitätsmanagement täuscht: Wer, wie oder was kontrolliert wird, ist wurscht. Es geht darum, einen Sollzustand zu formulieren, Menschen danach handeln zu lassen, deren Umsetzung und Ergebnisse zu evaluieren sowie den Kontrollierten einen Bericht zuzustellen, aus dem sie entnehmen sollen, wie ihre Tätigkeit zu verbessern sei. QM-Beauftragte versuchen, diese schlichte Logik der PDCA-Zyklen zu verdunkeln, stattdessen Eindruck zu schinden mit dämlichen Neologismen und redundanten Power-Point-Präsentationen. Ebenso soll die scheinheilige Einbindung von Kritikern nur der Akzeptanzsteigerung von QM dienen und die eigenen unproduktiven Pöstchen rechtfertigen.

Die Könner

Die Idee, im Humanbereich nach Rückmeldung über das Ergebnis automatisch zu einer Verbesserung zu kommen, ist ein Denkfehler. Bei der Feststellung von Soll/Standard-Abweichungen lässt sich nicht ausmachen, woran es liegt. Schließlich ist menschliches Verhalten nur teils kausal erklärbar, nicht immer prognostizierbar. Verbesserung ist daher allein durch Input von Leuten möglich, die inhaltlich was von der Sache verstehen. Wer Lehre kontrollieren will, muss Lehre vormachen können. Standards können bloß durch fachkompetente Ausbilder und Vorgesetzte entwickelt und von Menschen kontrolliert werden, die dieselbe Tätigkeit beherrschen. Eine kollegiale Supervision ist ebenfalls sinnvoll. Nur so bleibt Widerstand aus. Menschen wirklich zu überzeugen und zur Veränderung anzuregen, ist ein komplexer psychologischer Prozess.

Die Kontrolleure

Das Erstellen wünschenswerter Standards und Kompetenzniveaus, das Setzen von Zielen und deren Kontrolle ist leicht. Eine Reha-Tätigkeit, entspannend. Aber keine Leistung. Die Umsetzung und das Machen ist das Problem. Weshalb der Kontrolleur auch deutlich geringer entlohnt werden sollte als derjenige, der produktiv arbeitet. Kurzum: Qualitätssicherung ist bloß die Ausübung von Kontrolle durch Zuschauer, sie erinnert an Waldorf und Statler aus der Muppet Show. Dringend erforderlich ist es, Menschen, die im QM arbeiten, ebenfalls zu kontrollieren. Die Qualität von QM muss einem QM unterzogen werden. Bei einer derartigen Selbstbeschäftigung kann Qualitätsmanagement wenigstens kein Unheil im richtigen Leben anrichten.


Autor

Foto: privat

Professor Dr. Rainer Dollase

Rainer Dollase, Jahrgang 1943, ist Emeritus der Universität Bielefeld, Abteilung Psychologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Unterricht, Vorschulerziehung, Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit sowie Musik- und Alltagskultur. Publiziert hat er u. a. „Gewalt in der Schule“ (2010), „Classroom Management. Theorie und Praxis des Umgangs mit Heterogenität“ (2012), „Gruppen im Elementarbereich“ (2015).

Internet: http://www.uni-bielefeld.de/psychologie/ae/AE13/HOMEPAGE/DOLLASE/


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2015/06/koennen-statt-kontrollieren/316

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 06/15

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