EU-Kommissar Moedas im Porträt Mein Name sei Kontinuität

Der seit November amtierende EU-Forschungskommissar Carlos Moedas will das vollenden, was seine Vorgänger langwierig aufgebaut haben: den Europäischen Forschungsraum ERA. Weitere Vorhaben? Bislang Fehlanzeige. Aufs Gaspedal will der Brüsseler Neuling unter Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker offensichtlich nicht treten.

von Benjamin Haerdle

Dear Carlos“, und weiter: „I want you to fully play your part in this team.“ Persönlich und schwungvoll hieß Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker seinen Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation Carlos Moedas in einem offenen Brief zum Amtsantritt im November willkommen – und schrieb ihm auf sechs Seiten gleich einmal auf, was er künftig vom portugiesischen Kommissar alles erwartet. Nämlich grob vereinfacht einen Beitrag zu den EU-Initiativen für mehr Wachstum und Beschäftigung, bessere Synergien mit den EU-Strukturfonds und einen stärkeren Praxisbezug im EU-Forschungsförderprogramm Horizont 2020.

„Meine Geschichte ist eine europäische Geschichte“

Bei so viel Transparenz weiß nun auch die Wissenschaftsszene, um welche Baustellen sich der für Forschung, Wissenschaft und Innovation zuständige Kommissar die nächsten fünf Jahre zu kümmern hat. Der offensiv formulierte Auftrag beschreibt Kontinuität. Das kann nicht schaden, denn bislang war wenig über den Nachfolger der Irin Máire Geoghegan-Quinn bekannt. Umso mehr hatte sich Moedas bei der Anhörung der Kommissionskandidaten vor dem EU-Parlament im September emotional ins Zeug gelegt. „Erasmus war ein entscheidender Moment in meinen Leben“, erzählte er. Der Studienaufenthalt an der Pariser Technikhochschule École des Ponts ParisTech habe ihm eine neue Perspektive auf Europa eröffnet. Als einer der ersten Portugiesen habe er von der Erasmus-Förderung profitiert und dabei nicht nur seine Karriere als Ingenieur gestartet, sondern auch seine spätere Ehefrau kennengelernt. Moedas: „Meine Geschichte ist eine europäische Geschichte. Deshalb will ich Europa zurückgeben, was Europa mir viele Jahren lang gegeben hat.“

Der 44-Jährige gilt eher als ein Mann der Wirtschaft. Sein bislang einziger Bezug zur Wissenschaft ist seine akademische Ausbildung: Er studierte Bauingenieurwesen an der Lissaboner Hochschule Instituto Superior Técnico und machte im Jahr 2000 seinen Master in Harvard. Vor und nach dem US-Aufenthalt arbeitete Moedas mehr als 15 Jahre in der Wirtschaft, beispielsweise beim französischen Wasserversorger Suez-Lyonnaise des Eaux und im Investmentbereich bei Goldman Sachs und der Deutschen Bank. 2011 zog er als Quereinsteiger für die sozialdemokratische Partei ins portugiesische Parlament ein. In seiner Heimat war er als Staatssekretär unter anderem für die Überwachung des EU-Rettungsprogramms zuständig, mit dem Portugal die Folgen der Finanzkrise auffing.

Was also zeichnet Moedas als EU-Forschungskommissar aus? „Ich habe Maschinenbau studiert und auch als Ingenieur gearbeitet, ich denke aber, dass ich die Forschungs-Community besser verstehe als viele Politiker“, lautet sein Selbsturteil. Rückendeckung bekommt der Brüsseler Spitzenpolitiker von Dr. Christian Ehler, der als Mitglied des Europäischen Parlaments im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie sitzt. „Auch wenn er neu in der Forschungspolitik ist, hat Moedas im Parlament einen sehr guten ersten Eindruck hinterlassen“, lobt der CDU-Mann. Seine Erfahrung aus der Wirtschaft mache ihn zum Brückenbauer zwischen Forschern und der Industrie.

Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft Professor Dr. Matthias Kleiner urteilt ähnlich, nachdem er Moedas im November auf der Leibniz-Jahrestagung kennenlernte. „Er war bestens informiert“, berichtet Kleiner. Er hoffe, dass der europäischen Forschung mit Moedas ein kluger, engagierter und vielseitig interessierter Forschungskommissar zur Seite stehe, der die Bedürfnisse der Forschung unbeirrt verfolge und vertrete.

Moedas will nun das vollenden, was seine Vorgänger langwierig aufgebaut haben: den Europäischen Forschungsraum ERA (European Research Area). „Wir müssen ERA zu Ende bringen und die Innovationsunion beschleunigen“, meint er und kündigte an, zum Jahresende einen Fahrplan vorzulegen. ERA müsse ein offener Arbeitsmarkt für Forscher mit gleichwertigen Karrieren und Pensionsansprüchen werden, die Geschlechtergerechtigkeit müsse ausgebaut und der Zugang zu wissenschaftlichem Wissen erleichtert werden.

Außenstehende mag die Gelassenheit Moedas wundern. Nicht wenige fürchten, dass Forschung und Wissenschaft unter Juncker kurz gehalten werden könnten. Erste Indizien: So strich der Kommissionspräsident den Posten des wissenschaftlichen Chefberaters der EU-Kommission, den bis zum Herbst Professorin Dr. Anne Glover innehatte. Für anhaltende Irritationen sorgt auch die neue Arbeitsaufteilung, die Juncker durchsetzte: Demnach sollen die EU-Kommissare in Projektteams zusammenarbeiten, die von Vize-Präsidenten geleitet werden. Forschung steht in keinem der sieben Ressorts ganz oben. Doch für Moedas macht die neue Struktur „viel Sinn“, wie er gegenüber der duz erklärt: „Die Zeiten isolierter Aufgabengebiete sind vorbei.“ Es sei transparenter, effektiver und effizienter, wenn alle einheitlich für die gleichen Ziele arbeiteten.

Besonders argwöhnisch beäugt die Wissenschaft aber den Plan Junckers, mit einem 315 Milliarden Euro schweren Investitionsprogramm das Wachstum in Europa anzukurbeln. Sie fürchtet, dass dafür auch Geld aus dem EU-Forschungsförderprogramm Horizont 2020 abgezwackt werden soll. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, zu der Deutschlands Forschungsschwergewichte wie die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft zählen, mahnte, dass die Innovationsoffensive nicht zulasten der Förderung der Forschung gehen dürfe. Das Budget für Horizont 2020 müsse unbelastet bleiben. Diese Befürchtungen sind durchaus berechtigt, ist doch inzwischen die Rede davon, dass der EU-Kommissionspräsident 2,7 Milliarden Euro aus dem Horizont-Topf abzweigen will.

Noch ist unklar, wie sich Moedas in der Diskussion verhalten wird. Er kündigte an, er werde dafür kämpfen, dass die Forschung im Investitionsplan prominent vertreten sein werde. Zugleich sagte er auch, man müsse sicherstellen, dass hervorragende Ideen von richtigen Partnern, Investitionen und der richtigen Infrastruktur profitieren könnten. „Deswegen bin ich stolz auf das außergewöhnliche Investitionsprogramm der EU-Kommission“, verkündete er auf der Leibniz-Tagung. EU-Parlamentarier Ehlert hofft dagegen, dass der EU-Forschungskommissar seinen Kollegen erklären werde, dass Forschungs- und Innovationsförderung die nachhaltigste Art sei, Wirtschaftswachstum zu erzeugen, statt Löcher in Horizont 2020 zu reißen. „Dafür ist Moedas genau der Richtige.“


INFOKASTEN

Carlos Moedas

(Jahrgang 1970) ist seit dem 1. November 2014 EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation. Der Sozialdemokrat war seit 2011 Staatssekretär unter dem portugiesischen Premierminister Pedro Passos Coelho, zuständig für die Verhandlungen und die Überwachung des mit der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds vereinbarten EU-Rettungsprogramms. Zuvor hatte der studierte Bauingenieur, der im Jahr 2000 an der Harvard Universität einen Master of Business Administration erwarb, mehrere Jahre bei verschiedenen Banken in Europa gearbeitet.


INFOKASTEN

Die Struktur der EU-Kommission

Ressorts: Die Arbeit der EU-Kommission wird künftig in sieben Ressorts gegliedert, zuständig für Arbeit, Investition und Wettbewerb, den digitalen Binnenmarkt, Energie und Klima, Haushalt und Personal, Euro und sozialen Dialog, Außen- und Sicherheitspolitik sowie Rechtsetzung und Rechtsstaatlichkeit. Die Ressorts sollen den politischen Leitlinien der EU-Kommission Rechnung tragen.

Projektteams: In den Ressorts arbeiten die Kommissare unter Leitung eines Vize-Präsidenten quasi in Projektteams zusammen. EU-Forschungskommissar Moedas arbeitet unter anderem in den Ressorts Arbeit, Investitionen und Wettbewerb, Euro und sozialer Dialog, Energie und Klima, digitaler Binnenmarkt sowie Haushalt und Personal.

Forschung: Moedas ist verantwortlich für die Generaldirektion Forschung und Innovation sowie Exekutivagenturen wie die European Research Council Executive Agency ERCEA, die für den Europäischen Forschungsrat ERC (European Research Council) zuständig ist. Die Gemeinsame Forschungsstelle JRC (Joint Research Centre) fällt im Unterschied zu früher in die Zuständigkeit des EU-Bildungskommissars Tibor Navracsics.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2015/03/mein-name-sei-kontinuitaet/299

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 03/15

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