Nach den Anschlägen von Paris Eindrücke eines deutschen Forschers an der Seine

Der Rechtsprofessor Rainer Maria Kiesow war in Paris, als die Redakteure des Satiremagazins Charlie Hebdo ermordet wurden. Drei Tage später ging er mit, als 1,5 Millionen Franzosen in ihrer Hauptstadt für die Freiheit demonstrierten.

 

Manchen Ereignissen kann der Alltag nichts anhaben. Auch wenn die Ernüchterung einsetzt und die Disputanten in ihre alten Gräben zurückkehren, bleibt etwas zurück, das anders ist. Das Attentat auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo ist so ein Ereignis. Die Erschütterung in Frankreich und die Tage danach werden jedem, der sie miterlebt hat, unvergesslich bleiben.

Am Sonntag nach dem Attentat: Millionen Menschen gehen auf die Straße. Die Gewaltdemonstrationen islamistischer Terroristen gegen die Freiheit, die eigene Meinung auch dann äußern zu dürfen, wenn sie anderen überhaupt nicht gefällt, sollen nicht die Erinnerung beherrschen. Ebenso wenig die feigen Mörder – Maschinengewehre gegen Stifte! Auch deshalb demonstrieren wir.

Drei Tage zuvor, Donnerstag, einen Tag nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo: Schweigeminute. Ich halte Seminar, 11 bis 13 Uhr, Thema: Die Ordnung des Rechts. Am Morgen war eine Polizistin erschossen worden. Mittags, draußen regnet es in Strömen, schweigen wir. Dann reden wir ein wenig über die Attentate und das Schweigen, die Studenten und ich. Eine Studentin fragt mich, wie es während des Terrors der Roten Armee Fraktion gewesen war. Ob es damals auch eine Schweigeminute gab. Ich weiß es nicht.

Freitag: Geiselnahme im koscheren Supermarkt, die Charlie-Hebdo-Mörder inzwischen in einer Druckerei verschanzt, ebenfalls mit einer Geisel. Die Dinge spitzen sich zu. Am Abend muss ich für die mündliche Prüfung meiner dortigen französischsprachigen Rechtstheoriestudenten (Universitäre Fernstudien Schweiz) in die Schweiz fliegen. Zwischenzeitlich gehen die Geiselnahmen zu Ende. Noch mehr Tote. Die Rechtstheorie ist auch zu Ende.

Samstag: Der Zwischentag. Unter meinen Prüflingen ein Polizist. Er hat Tränen in den Augen. Wir sprechen über den Rechtswissenschaftler Rudolf von Jhering und seinen „Kampf ums Recht“. Das war 1872. Als ich zurück ins Hotel komme, Infos und E-Mails. Die große Demonstration wird vorbereitet. Ich erhalte Nachrichten von Freunden und Kollegen. Wie es mir gehe? Man sei solidarisch. In Paris werde die Freiheit verteidigt, man sei mit mir. Dabei habe ich gar nichts zu irgend etwas beigetragen. Dennoch geht es mir plötzlich wie dem Polizisten.

Sonntag: Zurück nach Paris. Dort angekommen, direkt zum Boulevard Voltaire, der den Platz der Republik mit dem Platz der Nation verbindet. Um 15 Uhr geht es los. Das Wetter ist gut. Es wird die größte Demonstration in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg werden.

Es ist ein großer Moment geworden, einer der größten in meinem Leben.

Sicher, auch die demonstrative Realität des Zusammenhalts einer Gesellschaft, ja der aufgeklärten Weltgesellschaft, ist nur ein Simulacrum: Die Regierungschefs und sonstigen Eliten fuhren im Bus, gingen nur ein paar wenige hundert Meter und standen nicht an der Spitze des Demonstrationszuges, wie es die Bilder zunächst suggerierten, sondern mit Abstand an zweiter Stelle. Sicher, es war zum großen Teil nur die gebildete Bürgergesellschaft unterwegs. Sicher, man sah kaum Kopftuchfrauen. Doch spielt das keine Rolle. Es ging um Bilder, Symbole, es ging um eine Demonstration, dass Muslime, Juden, Christen, Atheisten, dass Menschen jedweder innerlichen und äußerlichen Couleur zusammenhalten können, wenn es darauf ankommt, wenn die Freiheit des Menschseins angegriffen wird.

Sicher, wie bisher stets in der Geschichte der Menschheit wird auch diese Hoffnung von dem friedlichen Zusammenleben der Verschiedenen wieder zerstört werden – durch Unvernunft, Egoismus und Barbarei. Die innigsten Umarmungen werden wieder vergessen sein und die Welt der Missgunst, der Engstirnigkeit und der Profitgier wird sich munter weiterdrehen. Doch die Erinnerung an den Nachmittag, an dem Paris wie vor zweieinhalb Jahrhunderten schon einmal die Hauptstadt der aufgeklärten Welt war, der Lumières, diese Erinnerung wird nicht so leicht vergehen. Sie drängt bereits jetzt die Morde in den Hintergrund und verwandelt sich in einen Auftrag zu einem besseren Gemeinwesen.

Damit die Blume, die so an einem Sonntagnachmittag aus dem Horror erwachsen ist, weiter blüht, sind Anstrengungen nötig. Nicht zuletzt ist die expertenhafte Besserwisserei allerorten abzustellen. Die französische Gesellschaft sei gespalten, sagen deutsche, französische und vermutlich auch thailändische Politikwissenschaftler. Die alten Probleme Frankreichs. Der extreme Laizismus und der extreme Glaube. Eliten und Volk. Nur, was ist eigentlich „die Gesellschaft“? Mit „die Gesellschaft“ lässt sich alles und jedes begründen, wissenschaftlich oder nicht. Nein, wohlfeile Erklärungen sind fehl am Platz. Wissenschaftlich-analytisch wird man der Sache des Terrors ohnehin nicht beikommen können. Dafür sind die Ereignisse und der Terror aus Einzelgrüppchen viel zu unberechenbar, kontingent eben. Wenn Erklärungen aber unausweichlich fehlbar und Lösungen damit unsicher sind, genau dann schlägt die Stunde der Politik, die gerade nicht in Expertentum untergehen darf, sondern sich ihrer ureigenen, uralten Aufgabe widmen sollte: diskutierbare, wählbare Programme für das Zusammenleben der Menschen zu entwerfen und zu realisieren.

Je suis Charlie ist ja nichts anderes als das trotzige Bekenntnis zum Anderssein. Natürlich ist der Andere die Hölle (Jean-Paul Sartre), aber der Andere ist eben auch wie ich. Je suis Charlie: Das hat mir sogar ein Kollege geschrieben, dessen Freund ich nicht bin. Ohne die gewaltige Demonstration hätte es diese Entäußerung nicht gegeben. Das ist bewegend. Darauf müssen wir beharren.


Autor

Foto: privat

Prof. Dr. Rainer Maria Kiesow

Rainer Maria Kiesow lebt in Paris und ist dort seit 2010 Inhaber des Lehrstuhls für die Ordnung des Rechts an der École des hautes études en science sociales. Außerdem ist er Professor für Rechtsphilosophie und -theorie in Fribourg (Schweiz). Er hat die deutsche Zeitschrift „Myops. Berichte aus der Welt des Rechts“ sowie die französische Zeitschrift „Grief. Revue sur les mondes du droit“ mitbegründet und gibt sie mit heraus. Kiesow ist Autor verschiedener Bücher, darunter zuletzt „L’unité du droit“ (Éditions de l’École des hautes études en sciences sociales, Paris, 2014).


INFOKASTEN

Je suis Charlie

Attentate: Am Mittwoch, 7. Januar, stürmen die Brüder Cherif und Said Kouachi die Redaktionsräume der Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Sie töten zwölf Menschen. Am Donnerstag, 8. Januar, wird eine Polizistin erschossen. Am Freitag, 9. Januar, nimmt derselbe Täter in einem jüdischen Supermarkt fünf Geiseln und fordert freies Geleit für die Kouachi-Brüder. Diese haben sich inzwischen mit einer Geisel in einer Druckerei nördlich von Paris verschanzt. Gegen 17 Uhr beendet die Polizei beide Geiselnahmen. Dabei sterben alle drei Täter und vier Geiseln.

Trauermarsch: 1,5 Millionen Menschen demonstrieren am Sonntag, 11. Januar, in Paris für die Freiheit. Landesweit gehen mehr als 3,7 Millionen auf die Straße.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2015/02/eindruecke-eines-deutschen-forschers-an-der-seine/293

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 02/15

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