Wissenschaft und Bürgergesellschaft Die unfertige Demokratie

Gesellschaft und Wissenschaft brauchen einander. Das ist unstrittig. Ungeklärt aber ist, wie ihre Beziehung zu gestalten ist – und wie viel Einfluss die Bürgergesellschaft auf die Wissenschaft beanspruchen darf. Ein Denkanstoß mit drei Seitenhieben.

 

Es mehren sich die Stimmen, die vor allzu viel Einfluss der Bürgergesellschaft auf die Wissenschaft warnen. Hierüber muss man sich schon sehr wundern. Ist es nicht die Gesellschaft, die sich die Wissenschaft leistet? Und sind in einer Zivilgesellschaft wie der der Bundesrepublik wissenschaftliche Kompetenzen nicht längst auch jenseits der akademischen Institutionen zu finden? Der Anspruch der Bürger auf Mitsprache in der Wissenschaft ist legitim, mehr noch: Er ist eine demokratische Selbstverständlichkeit. Doch das sehen offenbar längst nicht alle Wissenschaftsführer so.

Die Argumente, die den Warnern einfallen, sind zitierenswert. Ich beginne mit einem minderschweren, aber doch bemerkenswerten Fall. Der Rektor der Universität Bonn, Prof. Dr. Jürgen Fohrmann, sorgte sich in seiner Rede zur Eröffnung des akademischen Jahres 2013/14 um die Autonomie der Hochschulen. Diese sei endlich erreicht, aber nicht mühsam erkämpft worden, um jetzt durch Bürgermitsprache verloren zu gehen. Dabei bezog sich Fohrmann auf die Idee einer Bürgeruniversität, wie sie von Uwe Schneidewind und anderen in der Debatte zu Mängeln und Defiziten der Wissenschaft vertreten wird. Von welcher Autonomie spricht der Rektor? Wem wurde sie denn abgetrotzt? Den Bürgern wohl nicht, eher der Politik. In ihrem ganz undemokratischen Hang zur Mitbestimmung von oben hatte sie vor allem in der Mittelverteilung (des Geldes der Steuerzahler, also der Bürger) einen lange willkommenen Hebel gesehen, in die Wissenschaft einzugreifen und zu kanalisieren, wohin die monetäre Energie fließen sollte. Noch heute setzen Hochschulgesetze und Rahmenrichtlinien der wissenschaftlichen Autonomie Grenzen. Solche der Wirtschaft kommen hinzu, und zwar nicht nur an den von ihr selbst gegründeten Universitäten. Muss man dem Rektor tatsächlich sagen, dass die Politik und die Wirtschaft, die ihre Privatgelder noch viel ungenierter als jene gezielt einsetzt, die Autonomie gefährden – und eben nicht „die Bürger“?

„Nein, es ist zu platt, vor Bürgern zu warnen“

Erbeten wird von Bürgern doch nichts anderes als die Berücksichtigung ihrer Belange. Es geht letztlich um Bürgernähe. Der Bonner Rektor glaubt, das setze die Wissenschaft unter Druck. Wie bitte? Wer sind eigentlich die Wissenschaftler? Sind das wirklich nur diejenigen, die aktuell im institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb beschäftigt sind? Es gilt hier, den Blick zu weiten. Ich erinnere etwa an die, die das System nach langem Studium und mit Examina verlassen haben. Und ich erinnere an die, die aus eigenem Antrieb fern einer Universität ehrenamtlich forschend tätig sind. Nein, es ist zu platt, aus Angst um Autonomieverlust vor den Bürgern zu warnen. Andere, einflussreichere, mächtigere Handlungssysteme wären hier anzusprechen, nicht diejenigen, die ein demokratisches Bürgerrecht auf Mitsprache in Anspruch nehmen. Hier liegt der wahre Hund begraben: in der unfertigen Demokratisierung der Wissenschaft.

Die Sorge vor zunehmender Einflussnahme der Politik brachte vergangenen Juni immerhin der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Günter Stock, zum Ausdruck. In seiner Festrede zum Leibniztag 2014 betonte er zu Recht die Autonomie und Freiheit der Wissenschaft. Er ging dann aber zügig auf andere Akteure ein, die Mitsprache in der Wissenschaft fordern. Im Redemanuskript lässt sich folgende Passage nachlesen: „Gesellschaftlich relevante Gruppen halten Einzug in den Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um dort – u. a. im Rhythmus von Landtagswahlen – Forschungsziele zu definieren. Immerhin gibt es für diese Art der Definition von Forschung schon eine akademische Debatte und auch Begrifflichkeiten: So sprechen wir von transformativer Wissenschaft sowie von Solutionismus. – Grund genug, sorgfältig aufzupassen. Im 20. Jahrhundert haben wir in Deutschland zweimal auf bittere Weise erfahren, was es bedeutet, wenn Forschung und Wissenschaft ausschließlich in den Dienst sogenannter gesellschaftlicher Interessen gestellt werden.“

So nicht, Herr Akademiepräsident! Hier werden Bürgersorgen mit den politisch gewollten, undemokratischen faulen Äpfeln des Dritten Reiches und der DDR vermischt. Wo es um Demokratisierung geht, sind Parallelen zu autoritären Regimes unzulässig!  Die so gefürchteten „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ sind Teile der Bürgergesellschaft, nicht der Staat, nicht das Militär, die Geheimpolizei oder andere repressive Instrumente eines totalitären Staates. Es sind informierte und aufgeklärte Bürger, die sich in der Bundesrepublik Deutschland über Entwicklungen beklagen, die sie in der Berufswissenschaft und ihren Institutionen erkennen müssen. Diese Entwicklungen – gesteuert vor allem von nichtwissenschaftlich-administrativen, ökonomischen und politischen Interessen – sind es, die kritische Bürger veranlassen, sich mit Wünschen an die Wissenschaft zu richten. Dahinter steckt die Hoffnung, die Wissenschaft möge ihre Pfade neu überdenken und mehr (!) Offenheit, Freiheit und Problembewusstsein in Bezug auf den weiteren Kurs zulassen. Es sind demokratische Motive, die die Kritiker leiten und dagegen protestieren lassen, dass die sehr richtige Forderung nach Freiheit der Wissenschaft eben nicht für die Sicherung einer geschlossenen Gesellschaft von Eingeweihten missbraucht wird, die die nötige Transparenz in der Demokratie nicht ernst genug nimmt.

Zur Bürgerwissenschaft geäußert hat sich kurz nach seinem Amtsantritt in diesem Sommer auch der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Matthias Kleiner. Bei der Präsentation des Citizen Science-Förderungsprogramms des Bundesforschungsministeriums begrüßte Kleiner die Bürgerwissenschaft wohlwollend als etwas Neues und Wichtiges. Was dem Präsidenten entgangen zu sein scheint: Das, was heute Citizen Science heißt, gibt es seit langem in reicher Fülle, wenn auch nicht unter diesem Namen. Wissenserwerb ist oft Motiv für bürgerschaftliches Engagement, und die englischen und amerikanischen Muster der Einbindung von kenntnisreichen Laien in die Forschung sind nur in einer Hinsicht ein Vorbild, dem es nachzueifern gälte: nämlich darin, dass das ernsthafte Profiinteresse an Bürgerwissen dort schon viel üblicher ist als hierzulande, wo Berufswissenschaftler in der Regel nur mit Berufswissenschaftlern kommunizieren und Bürgerforschern oft mit Arroganz begegnen. Die meisten Vertreter und Beschäftigten der institutionalisierten Wissenschaft in Deutschland verstehen unter Citizen Science nicht viel mehr als eine freundliche Entgegennahme von Bürgerbeobachtungen zur weiteren Bearbeitung und Publikation durch die „eigentlichen Wissenschaftler“, die Profis. Das nenne ich Citizen Science light. Es ist die Erschließung einer neuen Methode, Mittelknappheit durch Zuarbeit einer Vielzahl von Laienmitarbeitern zu stopfen, deren ehrenamtliche Arbeit als kostenlos und stets mit Freude geleistet interpretiert wird. Citizen Science proper sieht anders aus.

Welch ein Fazit also lässt sich aus den drei öffentlich gemachten Aussagen ziehen? Es geht ganz offensichtlich die Furcht um in den Führungsebenen der Wissenschaft, Bürger könnten mit ihren Interessen den Trott der elfenbeinturmgeschützten Wissenschaft teilweise infrage stellen. Dabei sind es nicht die Bürger, die die Autonomie der Wissenschaft bedrohen, im Gegenteil. Es sind die Bürgerwissenschaftler, die das Bild einer selbstbestimmten, nichtinstitutionalisierten freien Forschung hochhalten. Nicht zuletzt darin liegt der Wert der Bürgerwissenschaft: Sie ist eine stete Mahnung für die Berufswissenschaft, über ihren Kurs nachzudenken. Dies gilt zuvörderst für ihre Anführer. Aus deren verwirrten Äußerungen können wir nur eines lernen: Die Demokratisierung der Wissenschaft ist noch nicht abgeschlossen.

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Autor

Foto: Mario Brand

Prof. Dr. Peter Finke

Peter Finke (geb.1942) ist Sprecher der naturforschenden Vereinigungen in Mitteleuropa, Mitgründer und Vorstandsmitglied der Vereinigung für ökologische Ökonomik und Begründer eines internationalen Netzwerks gegen die Urwaldvernichtung in Südostasien.
Als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld (1982 – 2006), für Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke (1995 – 1998) und bei vielen Gastverpflichtungen an in- und ausländischen Universitäten (bis heute) hat er häufig die Übergriffe von Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf die Wissenschaft kritisiert.
Studium in Göttingen, Heidelberg und Oxford (St. Catherine’s College). Promotion 1977 Göttingen, Habilitation 1979 Bielefeld, Ehrendoktor 2004 Debrecen/Ungarn. Vorzeitiger freiwilliger Rückzug von seiner Lehrtätigkeit 2006 aus Protest gegen die politisch verordnete Umstrukturierung der Universitäten.
Im März 2014 erschien sein Buch: „Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien“ im Oekom-Verlag, München.
E-Mail: peter.finke@t-online.de


INFOKASTEN

Links

Ansprache des Rektors der Universität Bonn zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2013/14:
http://www3.uni-bonn.de/einrichtungen/rektorat/jahresbericht-rektor-2013.pdf

Bericht des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zum Leibniztag 2014:
http://www.bbaw.de/veranstaltungen/2014/juni/bericht-praesident-2014

Auftaktveranstaltung und Dialogforum zum Förderprogramm "Bürger schaffen Wissen – Wissen schafft Bürger" des Bundesforschungsministeriums Mitte September in Leipzig:
http://www.buergerschaffenwissen.de/auftaktdialogforen


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/09/die-unfertige-demokratie/269

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 09/14

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