Talente finden mittels Dekanslisten Die Auserwählten

Hochschulen haben den Auftrag, Talente auszubilden. Doch in Massenuniversitäten, an
denen es immer mehr Studierende gibt, fällt es schwer, die Besten zu finden. Seit einiger Zeit bedienen sich Hochschulen einer sogenannten Dean´s List. Doch das Instrument ist strittig.

von Sebastian Erb

Schon als Professor Dr. Werner Mellis Inhaber eines Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik war, hat er sich einmal im Semester eine Liste geben lassen. Darauf zu lesen: Die Namen der besten Studierenden seines Faches. Nach dem Vordiplom sollten diese besonders intensiv gefördert werden und von Kontakten zu Unternehmen profitieren. Als Mellis 2009 Studiendekan an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln wurde, hat er das Prinzip auf die gesamte Fakultät übertragen. Seitdem gibt es dort eine Dekansliste (Dean´s List). Sie vereint die Besten eines Jahres.

Talente zu fördern, ist eine der vornehmsten Aufgaben von Hochschulen. Weil das in Zeiten des Studierendenansturms so leicht nicht ist, gibt es auch finanzielle Unterstützung in verschiedenen Sonderprogrammen von Bund und Ländern. Zu nennen wären etwa der Hochschulpakt oder auch der Qualitätspakt Lehre, bei dem der Bund bis 2020 zwei Milliarden Euro in exzellente Lehrprojekte fließen lässt. All diesen Bemühungen zum Trotz: Die Zuschüsse sind in der Summe nicht ausreichend, um exzellente Lehre in der Breite zu bieten. Dementsprechend wichtig ist gerade an Massenuniversitäten die individuelle Talentförderung. Instrumente dafür gibt es zu Hauf. Um besonders begabte Studierende zu unterstützen, gibt es zum Beispiel das Deutschland-Stipendium. Es wird zur Hälfte vom Staat und zur anderen Hälfte von Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen getragen. Die Bayern versuchen mittels eines Elitenetzwerks, besonders gute Studierende und Nachwuchswissenschaftler zu fördern. Dies geschieht durch Elitestudiengänge und ein Stipendienprogramm.

Die Maßnahmen zur Eliteförderung sind also vielfältig. Doch bevor überhaupt gefördert werden kann, müssen die Besten ermittelt werden. In Zeiten, in denen immer mehr Studierende an die Universitäten strömen, fällt es jedoch immer schwerer, unter ihnen die Begabtesten zu identifizieren. Dekan Mellis an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln bedient sich seit 2009 der Dekansliste. Neben ihm haben einige weitere Hochschulen eine solche Bestenliste eingeführt – fast ausschließlich im Bereich der Wirtschaftswissenschaften.

Die Idee hinter der Dekansliste: Die prämierten Studenten sollen angespornt werden, exzellente Noten zu schreiben. Sie sollen ein Vorbild sein für die anderen und diese im Idealfall mitziehen. „Das Wichtigste ist, dass die Studierenden sehen, dass uns Leistung wichtig ist“, sagt Mellis. Es sei nämlich so, „dass viele herausragende Studenten gar nicht wissen, dass sie zu den Besten gehören“. Darum sei es sehr wichtig, ihnen Rückmeldung zu geben. Ihren Bewerbungen können die Studenten dann ihre Urkunde beilegen, um zu beweisen, dass sie zur Top-Gruppe gehören. Sie können damit – um es wie ein Ökonom auszudrücken – ihren Marktwert steigern. Diejenigen, die es nicht auf die Liste geschafft haben, können sich im Prüfungsamt eine Rangbescheinigung abholen. So können sie überprüfen, wie groß ihr Abstand zur Spitze ist.

Wer zu den Besten gehört, entscheiden die meisten Hochschulen mit einer solchen Liste über die Durchschnittsnote. Kriterien können aber auch erbrachte Leistungspunkte, das Einhalten der Regelstudienzeit sowie in wenigen Fällen soziales Engagement der Studierenden sein.
Wer zu den Besten gehört, erhält neben der Urkunde vom Dekan das, was wertvoll ist an Massenuniversitäten und in Massenfächern: Zeit mit Professoren. Zum Beispiel im Rahmen eines Mentorings. An der Universität Frankfurt am Main etwa lädt der Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften einmal im Jahr zum „Meet the Dean“-Treffen ein. Innerhalb von drei Stunden können einerseits die Top-Studenten Meinungen und Anregungen zur Entwicklung der Hochschule äußern. Andererseits erfährt der Dekan, welche Ideen und Wünsche die Studierenden haben.
Aber nicht nur Zeit und Gehör erhalten die besten Studierenden. An einigen Hochschulen werden sie für Stipendien vorgeschlagen. Sie werden zu Veranstaltungen von Unternehmen eingeladen, bekommen teils exklusive Praktika vermittelt oder Jobangebote von Firmen.

Für die Elitenforscherin Prof. Dr. Ursula Hoffmann-Lange von der Universität Bamberg erschließt sich der Sinn der Dean‘s List nicht so recht. „Die Überflieger wissen sowieso, dass sie die Besten sind“, sagt sie, „und es ist nicht sinnvoll, dass ausgerechnet diejenigen mehr Zeit und Zuwendung bekommen, die es am wenigsten nötig haben.“ Die Politikwissenschaftlerin sieht grundsätzlich das Problem, dass unter der Eliteförderung – die sie als nötig erachtet – die Breitenförderung leide. Bei der Exzellenzinitiative könne man sehen, „dass manche Universitäten extrem gut ausgestattet sind und viel mehr Geld haben, als sie eigentlich brauchen“ – und andere müssen schauen, wie sie das Normalprogramm überhaupt finanzieren können.

Im speziellen Fall der Dekansliste befürchtet Hoffmann-Lange, dass dadurch eine Gruppe geschaffen wird, die sich herausgehoben fühle und arrogant werde. Wenn schon, dann müssten die leistungsfähigen Studierenden nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden. Hoffmann-Lange ist überzeugt: Die Besten auszuzeichnen, ist nur sinnvoll, wenn diese zugleich Verantwortung gegenüber den Schwächeren übernehmen. Sie könnten  beispielsweise Nachhilfe geben.

Die Studierenden der Dekansliste sind „ungeschliffene Diamanten“

Die Initiatoren der Listen aber sehen: „Die Leute, die sehr gut sind, wissen sich nicht unbedingt besser zu helfen“, sagt Prof. Dr. Dirk Kiesewetter, Prodekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg. Studierende aus Nicht-Akademikerfamilien etwa fühlten sich trotz guter Noten mitunter verloren. „Es ist unsere Aufgabe, diese Leute an die Hand zu nehmen und ihre Potenziale zu entwickeln“, sagt Kiesewetter. Für ihn sind diese Studierenden „ungeschliffene Diamanten“.

Um die Edelsteine zum Funkeln zu bringen, laden er und seine Kollegen die Talente regelmäßig zu Veranstaltungen ein. Sie vermitteln ihnen Kontakte zu Unternehmen, und sie stellen sich ihnen als Mentor zur Seite. Zwar bringt dies Mehraufwand für die Professoren mit sich, die jeweils vier bis sechs Studenten betreuen. Aber: „Dieser persönliche Kontakt kann sehr befruchtend sein“, sagt Kiesewetter.  Der Professor könne seinen Schützlingen Tipps für die Studien¬ und Karriereplanung geben und individuell auf Fragen und Probleme eingehen. Zudem hat Kiesewetter aus seiner Mentee-Gruppe bereits zwei Studierende gewonnen, bei ihm zu promovieren. Eine dritte Studentin überlege noch

Die Liste helfe, die Besten zu finden. Außerdem seien diese so schlicht besser zu erreichen, sagt der Kölner Dekan Werner Mellis, „das sind die Studenten, die angesprochen werden wollen und die auch reagieren auf die Ansprache“. Andere genössen die Freiheit einer deutschen Universität, zu der auch gehöre, langsamer zu studieren oder weniger Leistung zu bringen.

Um die Schwächeren ebenfalls zu motivieren und zu fördern, hat die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen hochschulweit eine andere Form der Dekansliste eingeführt. Für sie werden auch diejenigen angeschrieben, die weniger als zwei Drittel der zum entsprechenden Zeitpunkt erforderlichen Leistungspunkte erreicht haben. Alle sind eingeladen, am Mentoringprogramm teilzunehmen, das im Rahmen des Wettbewerbs Exzellente Lehre eingeführt wurde.

Das Problem: Von den Studierenden mit den weniger guten Noten melden sich aber weniger als 20 Prozent überhaupt zurück, sagt Prof. Dr. Aloys Krieg, Prorektor für Lehre der RWTH Aachen. Um die Studierenden zur Verantwortung zu ziehen, dass sie an Prüfungen teilnehmen und ihren Leistungsnachweis erbringen, fordert Aloys Krieg deshalb, auch in Nordrhein-Westfalen eine ausdrückliche Mitwirkungspflicht für Studierende einzuführen. Eine solche gibt es bereits in Hessen. Das heißt, dass Studenten im Krankheitsfall verpflichtet sind, ihre Beschwerden offenzulegen, weshalb sie beispielsweise eine Klausur nicht mitschreiben können. Zugleich weist Krieg jegliche Kritik von sich, seine Hochschule würde sich zu stark um die Besten kümmern. „Wir tun sehr viel mehr für Leute, die nicht so gut zurechtkommen“, sagt er. Sein Kollege Kiesewetter aus Würzburg sagt: „Ich glaube nicht, dass wir mit der Förderung der besten Studierenden irgendjemandem etwas wegnehmen.“ Auch Verantwortliche anderer Hochschulen mit Bestenliste betonen: Keiner habe Nachteile, weil er nicht auf der Bestenliste stehe

Der Begriff Elite wird im Zusammenhang mit der Dekansliste tunlichst vermieden

Der Begriff Elite wird im Zusammenhang mit Dekanslisten und deren Förderangeboten vermieden. Stattdessen ist von „herausragenden Studierenden“ die Rede oder von „leistungsstarken High Potentials“. Prof. Dr. Andreas Hackethal, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main, sagt, er spreche stets zurückhaltend von den „Studierenden, die die besten Noten haben“.

Allerdings haben einige dieser Studierenden durchaus ein elitäres Bewusstsein entwickelt. Als vor einiger Zeit die Zahl der Listenmitglieder der Frankfurter Fakultät von 15 auf 20 pro Semester erhöht wurde, habe es Proteste gehagelt. Einige der Prämierten forderten, dass der Kreis möglichst klein bleibe, damit die Auszeichnung, auf der Bestenliste zu stehen, nicht an Wert verliere. Aus Sicht der Studierenden ist dies sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich an Massenuniversitäten behaupten müssen. Die Kontakte aber, die die Universität zur Förderung der Besten via Dekansliste zu Unternehmen knüpfe, können letztlich allen Studenten zugutekommen. Die Goethe-Universität Frankfurt beispielsweise hat Verträge mit Sponsoren geschlossen, die jährlich jeweils einen vierstelligen Betrag überweisen.


Wie mit der Wirtschaft kooperiert wird, ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. Die RWTH Aachen etwa ist zurückhaltend. Man sei „sehr restriktiv“ und gebe keine Adressen von Studierenden an Firmen weiter, sagt Prodekan Krieg. Viele Firmen hätten zuvorderst das Interesse, einer attraktiven Zielgruppe Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Die Zurückhaltung ist nicht überall zu finden. So gibt es bei anderen Hochschulen eine Dean´s List-Feier, oft in den Räumen der Firmen. Die Unternehmen dürfen sich präsentieren – und anschließend kann über künftige Karrieren guter Studierender gesprochen werden.


INFOKASTEN

Was steht hinter dem Begriff und woher kommen die Dean´s Lists

Der Dean: Er ist der Direktor eines Colleges oder der Dekan einer Fakultät. Auf der nach ihm benannten Liste werden die besten Studierenden verzeichnet.

Die Vorbilder: Vor allem in Nordamerika werden solche Bestenlisten geführt, aber auch in Australien und England. In den USA sind auf einer Notenskala von 0 bis 4 meist 3,5 Punkte nötig, um ausgezeichnet zu werden. Ebenso ist eine Mindestmenge von Leistungspunkten Voraussetzung.

Die Auszeichnung: In den USA werden die Listen meist auf der Webseite der Hochschule veröffentlicht. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Hierzulande bekommen die ausgezeichneten Studenten eine Urkunde, mit der sie sich bei potenziellen Arbeitgebern als Topstudenten ausweisen können.

Die Vorteile: In den USA kann sich die Aufnahme auf die Liste finanziell lohnen: Wer auf der Dean‘s List steht, kann sich an vielen Hochschulen um ein Stipendium bewerben, das den Leistungsschwächeren nicht zur Verfügung steht. An manchen Universitäten gibt es wie in Deutschland spezielle Feierstunden für die prämierten Studierenden.

Die Fortsetzung: An manchen US-amerikanischen Universitäten wird die Dean‘s List durch weitere Listen ergänzt, etwa eine President‘s List. Darauf kommt je nach Hochschule, wer noch bessere Noten hat oder wer in mindestens drei von vier Quartalen eines Studienjahres auf der Dean‘s List stand. Solche Präsidentenlisten gibt es an deutschen Hochschulen bisher nicht.


KOMMENTAR

Soll es Dekanslisten geben?

PRO

Elsa Schmoock

Elsa Schmoock studiert im fünften Semester Wirtschaftswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main. Sie ist Sprecherin der Dean´s List ihres Jahrgangs.

"Die Dean‘s List ist nicht nur Ausdruck der Anerkennung erbrachter Studienleistungen, sondern bietet auch zahlreiche Möglichkeiten, sich die besten Voraussetzungen für das spätere Berufsleben zu schaffen. Insbesondere die Partnerunternehmen tragen dazu bei. Jedes Unternehmen stellt einen Ansprechpartner exklusiv für Dean‘s List-Studierende zur Verfügung, der für jegliche Fragen und Anregungen offen ist. Die Angebote seitens der Unternehmen reichen von Seminaren und Workshops bis hin zu Praktika und Jobausschreibungen. Um sich auch persönlich besser kennenzulernen, werden beispielsweise gemeinsame Dinner, Unternehmensexkursionen oder auch mal eine Kunstführung bei einem Partnerunternehmen angeboten. Als weiterer wichtiger Aspekt steht für mich vor allem die Vernetzung der Studierenden im Vordergrund. Als eine der Dean‘s List-Sprecher bin ich mitverantwortlich, für einen regen Austausch zu sorgen. Bei unseren regelmäßig stattfindenden Stammtischen werden nicht nur Wünsche und Ideen bezüglich der Angebote der Dean‘s List besprochen, sondern darüberhinausgehend auch Freundschaften geschlossen. Ferner werden einem tiefergehende Einblicke in den Fachbereich gewährt, was unter anderem durch die Kaminabende mit unserem Dekan, Professor Hackethal, zum Ausdruck kommt. Insgesamt kann ich überzeugt sagen, dass es für mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich eine große Bereicherung ist, Mitglied der Dean‘s List zu sein."



KOMMENTAR

Soll es Dekanslisten geben?

CONTRA

Jan Cloppenburg 

Jan Cloppenburg  studiert Politikwissenschaft an der Universität Bremen. Seit Ende 2013 ist er Vorstandsmitglied des freien Zusammenschlusses von Studentinnenschaften (fzs).

"Warum ist der Irrglaube so verbreitet, dass gerade die Studierenden mit den besten Noten die stärkste Förderung benötigen? An zahlreichen Hochschulen werden den drei, fünf oder zehn Prozent mit den besten Noten geradezu absurde Vorteile versprochen: Sie werden zu Stammtischen und zu Teestunden mit den Professoren und Professorinnen eingeladen, bekommen extra Workshops für Softskills angeboten und treffen bei Dinner-Events auf potenzielle Arbeitgeber – Nachwuchsrekrutierung auf Staatskosten! Gute Noten resultieren in der Regel aber gerade daraus, dass diese Studierenden im Laufe ihres Lebens bereits die stärkere Förderung erhalten haben. Die Prinzipien der Gleichheit und Bildungsgerechtigkeit verlangen, dass unsere Hochschulen ihre allzu begrenzten Mittel dafür einsetzen, allen Studierenden ein erfolgreiches Studium zu ermöglichen. Dabei müssen sie auf die Diversität von Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien eingehen und neue Zugänge zu Bildung ermöglichen. Gerade jene, die aus verschiedenen Gründen (bisher) nicht in der Lage sind, gute Noten zu schreiben – zum Beispiel, weil sie neben dem Studium arbeiten müssen oder bisher kaum gefördert wurden –, brauchen intensivere Unterstützung. Öffentliche Mittel müssen in die Stärkung der Chancengleichheit investiert werden. Unser Bildungssystem ist eines der selektivsten der Welt. Würden die Hochschulen die Kreativität, die sie für Eliteförderung aufbringen, in die Gestaltung der Lehrpläne und die Entwicklung wertvoller Lehrmethoden stecken, hätten alle Studierenden bessere Noten und mehr Freude am Studium. Wir brauchen nicht mehr Auslese, wir brauchen mehr Gerechtigkeit."



URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/05/die-auserwaehlten/238

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 05/14

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