Liebesbrief eines US-Forschers Deutschland, du hast es doch viel besser!

Der Wissenschaftsolymp liegt jenseits des Atlantik? Allen Lobeshymnen zum Trotz sind die USA eben doch nicht jedermanns Sache. Es gibt kluge Köpfe, die sehen Deutschland weltweit an erster Stelle. Ein Liebesbrief eines amerikanischen Spitzenforschers in Göttingen.

Denke ich an Deutschland, sehe ich einen Ort vor mir, an dem Forschung wirklich noch Spaß macht. Ohne Witz! Diese Einsicht traf mich erst neulich wieder wie ein Schlag. Es war am Ende einer harten Arbeitswoche. Freitag Feierabend! Ich sitze gerade in einer schönen Göttinger Studentenkneipe zusammen mit meiner Frau, da kommt einer meiner Kollegen vom Physikalischen Institut hereinspaziert, bestellt ein Bier, setzt sich zu uns und berichtet mir über die Ergebnisse eines Projekts, das wir vor ein paar Monaten gestartet hatten. Ich hatte eigentlich vorgehabt, hierzu eine Sitzung einzuberufen. Aber wie wunderbar: Wir erledigten das einfach so nebenbei an einem Freitag Feierabend.

Ein anderes Mal traf ich eine meiner Studentinnen im Fitnessstudio. Jeder schwitzte vor sich hin, und jeder trug natürlich Ohrhörer. Wie sich herausstellte, hörte die Studentin gerade meine Masterkurs-Vorlesung als Internetstream. Wo ich auch hingehe, Göttingen lebt und atmet einfach Forschung. Und ich kann gar nicht sagen, wie großartig das für einen Professor ist.
Aber natürlich geht es um mehr als das. Deutschland hat einen Platz geschaffen für freie Denker und die Grundlagenforschung. Okay, okay, natürlich sind wir auch hierzulande hinter dem allmächtigen Dollar oder Euro her. Die Jagd nach dem lieben Geld beschneidet hier genau wie anderswo Freiräume und würgt unabhängige Ideen ab. Dennoch muss ich sagen: Ihr habt hier in Deutschland wirklich etwas Besonderes, und Ihr solltet verdammt nochmal klug genug sein, das zu erkennen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Kraft, die mich vor über 30 Jahren zur Forschung zog. Es war die Erkenntnis, dass eine neue und vor allem korrekte Idee mit einem Schlag unser Bild von der Welt verändern kann und unseren Glauben daran, was möglich ist und was nicht. In diesem Sinne geht es bei der Wissenschaft um nichts anderes, als die Grenzen des als unmöglich Angesehenen einzureißen. Ich denke, das erklärt, weshalb wir Forscher das Forschen lieben. Ich glaube fest, dass dieser innere Antrieb, dieses Streben nach Wahrheit, tief in jedem Forscher steckt und sein Herz schlagen lässt. Es scheint mir nur vernünftig, dass eine Gesellschaft diesem Drang nach Wahrheit Nahrung gibt. Ob Absicht dahinter steckt oder nicht, das deutsche Wissenschaftssystem leistet genau dies ziemlich gut.

Wie habt Ihr das hinbekommen? Als Außenseiter fallen mir zwei mögliche Antworten ein. Erstens: Ihr habt es geschafft, dass Geld trotz allem als treibende Kraft für intellektuelle Kreativität weniger wichtig ist. Nach meiner Erfahrung entsteht wirklich interessante Forschung nie aus Profitinteresse. Auch die Angst vor finanziellem Ruin, wie sie zurzeit unter den Forschern in meiner Heimat umgeht, ist sicherlich kein Antreiber für ideenreiche Forschung. Kreativität entsteht aus dem Glauben an unerwartete Möglichkeiten und nicht aus Bilanzen und Drittmittelverwendungsberichten. Man könnte Bücher hierüber schreiben, wahrscheinlich sind auch welche geschrieben worden, ich habe sie allerdings nicht gelesen.

Kommerz zerstört Kreativität. Man muss sich bloß die Kommerzialisierung der Kunst ansehen. Glauben Sie mir: Sie möchten nicht, dass Ihre Forscher in Kategorien wie „Terminator III“ denken. „Terminator I“ war nicht übel, doch ein Film davon hätte sicherlich gereicht. Ein Film wie beispielsweise „Das Leben der Anderen“ dagegen kommt aus einer kreativeren, weniger von Ertragszielen geprägten Richtung. Wohl jeder, der diese Filme kennt, merkt den Unterschied.

Ich denke, was man an großen Regisseuren schätzt, sollte man auch von Forschern wollen. Dass sie sich auf unbekanntes Terrain vorwagen, ungewiss, ob ihre Ideen Früchte tragen und anerkannt werden. Das Letzte, was wir brauchen, ist eine Forscherherde, die sich stets nur dem letzten Schrei an die Fersen heftet. Noch etwas Hirnforschung, irgendjemand? Oder ein wenig Graphen-Kohlenstoffteile dazu? Starke Köpfe stellen die schwierigen Fragen, weil sie sie faszinierend finden. Und nicht, weil sie gerade in Mode sind. Diese Freidenker müssen in ihrem Mut bestärkt werden, allein voranzugehen. Mit vorsichtigem Optimismus sage ich, in Deutschland gelingt dies.

Zweitens: Ihr habt es geschafft, dass Ruhm als treibende Kraft für intellektuelle Leistungen weniger wichtig ist. Anders als in meinem Land, in dem Reichtum der einzige Ersatz für Ruhm ist – meist gehen beide Hand in Hand –, hat sich Deutschland eine gewisse Bescheidenheit bewahrt. Bravo, verneigt Euch vor dem Publikum! Dem Star begegnet Ihr mit Misstrauen, und zwar völlig zu Recht. Denn Wissenschaft ist nicht das Werk von Einzelnen, sondern eine Gemeinschaftsarbeit. Und wie das bei solchen Gemeinschaftsleistungen nun einmal ist, kommt die Anerkennung nicht immer dort an, wo sie hingehört. Deutschland ist gesegnet mit einer ganzen Armee bestens ausgebildeter, intelligenter und hart arbeitender Forscher und Techniker – der berühmte deutsche Mittelbau.

Es ist höchste Zeit, dass auch dieser Mittelbau endlich die Gelegenheit bekommt, vor den Vorhang zu treten, sich zu verbeugen und den verdienten Applaus zu bekommen. Denn wo wären all die Spitzenforscher – ich hasse dieses Wort – ohne den Mittelbau, ohne die Teams von Leuten, die von ihrer Arbeit fasziniert sind, obwohl sie wissen, dass sie wahrscheinlich nie reich oder berühmt sein werden? Ich kann es Ihnen sagen: Irgendwo im tiefsten Kansas in einem kleinen Kaff namens Mittelmaß. Alles was ein Professor bestenfalls tun kann, ist erstens, seine Mitstreiter zu inspirieren und ihnen zu helfen, mehr zu leisten, als sie es selbst für möglich hielten. Und zweitens, niemals zu vergessen, wer eigentlich die ganze Arbeit macht. In diesem Umfeld, in dem man sich nicht ständig um Geld sorgen muss und in dem Gemeinschaftsarbeit großgeschrieben wird, macht Forschung Spaß und werden große Dinge möglich. Ich hoffe, dass deutsche Universitätspräsidenten dies lesen und damit aufhören, sich darüber zu sorgen, wie sie die deutschen Unis am besten nach amerikanischem Vorbild umbauen können. Das deutsche Modell ist einzigartig. Haltet es in Ehren und baut darauf. Ihr könnt schon heute damit anfangen, indem Ihr beispielsweise Euer Ministerium anruft, um gemeinsam die Bedingungen für den deutschen Mittelbau zu verbessern.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Georg Scholl


Autor

Foto: Ausserhofer / Humboldt-Stiftung

Prof. Dr. Alec Wodtke

Professor an der Universität Göttingen und Humboldt-Forschungspreisträger

Professor Dr. Alec Wodtke ist seit 2011 Alexander von Humboldt-Professor an der Universität Göttingen und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Geboren 1959 in den USA, studierte und promovierte er an der University of California, Berkeley. Sein Postdoc machte er in Göttingen am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Anschließend arbeitete er an der University of California. Wodtke wurde mit dem Young Investigator Award der National Science Foundation ausgezeichnet und  erhielt 1997 den Humboldt-Forschungspreis.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2014/02/deutschland-du-hast-es-doch-viel-besser/222

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 02/14

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