Frauenquote in der Wissenschaft Im Gleichstellungszug

Wie bekommen Frauen in der Wissenschaft mehr Chancen? Die vier außeruniversitären Forschungsorganisationen haben im April ihre Konzepte vorgelegt. Sie gehen weit über reine Selbstverpflichtungen hinaus. Verbindlich ist aber nichts.

von Susanne Keil

Es war ein Kraftakt. Bei den 86 Instituten der Leibniz-Gemeinschaft zum Beispiel wurde in den vergangenen Monaten so viel verglichen, gezählt und gerechnet wie selten zuvor. Auf allen hierarchischen Ebenen wurde der Anteil forschender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhoben. Die Verantwortlichen ermittelten zudem, wann Positionen für eine Neubesetzung frei werden, welche Stellen neu geschaffen und wie viele davon wohl mit Frauen besetzt werden könnten. Mit den Zahlen aller Institute hat Dr. Johannes Bronisch, wissenschaftlicher Referent der Leibniz-Gemeinschaft, verschiedene Rechenmodelle durchgespielt, um letztlich daraus gemeinsame Zielquoten nach dem Kaskadenmodell zu entwickeln (s. Infokasten).

Die ganze Rechnerei war notwendig, weil die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern im November 2011 beschlossen hatte, an außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf den Gleichstellungszug aufzuspringen. Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und Leibniz-Gemeinschaft sollten Zielquoten für ihren Frauenanteil bestimmen und Pläne entwickeln, wie sie diese erreichen wollen. Erste Ergebnisse sind im Monitoring-Bericht 2012 der GWK nachzulesen. Mitte April mussten die Organisationen ihre diesjährigen Ergebnisse zum Pakt für Forschung und Innovation bei der GWK abliefern. Diese sollen im Monitoring-Bericht 2013 veröffentlicht werden, der im Juli erscheint.

Während die Max-Planck-Gesellschaft schon im vergangenen Jahr nachweisen konnte, dass ihr Frauenanteil deutlich steigt, haben sich die drei anderen großen Forschungsorganisationen dem Druck mehr oder weniger zähneknirschend gebeugt. Schwer tat sich insbesondere die Fraunhofer-Gesellschaft. Noch nicht überzeugt von deren Bemühungen diesbezüglich war die GWK im vergangenen Jahr. Um das zu ändern, sind aus einer internen Befragung der Fraunhofer-Institute konkrete Maßnahmen formuliert worden. „Mit gendergerechteren Stellenausschreibungen und Bewerbungsverfahren möchten wir mehr Frauen gewinnen“, sagt Elisabeth Ewen. Die Hauptabteilungsleiterin Personal denkt zudem über andere Führungsmodelle nach: „Unsere Wissenschaftlerinnen sind mehr an Forschungsthemen als an Führung interessiert. Daher wollen wir Fachkarrieren und Themenführerschaften ermöglichen.“ Und so benennt Fraunhofer tatsächlich auch Zielquoten, orientiert an Hierarchiestufen.

Auch die anderen Forschungsorganisationen legen sich ins Zeug, um den Frauenanteil in ihren Instituten weiter zu erhöhen. Damit es schneller geht, will etwa die Helmholtz-Gemeinschaft neue Stellen schaffen. Dazu wird laut Dr. Korinna Strobel, Referentin Strategie und Chancengleichheit, unter anderem ein Programm fortgeführt, mit dem neue W2/W3-Stellen für Wissenschaftlerinnen gefördert werden.

Bei der Leibniz-Gemeinschaft hat die Arbeit in Sachen Gleichstellung dazu geführt, dass Johannes Bronisch eine neue Kollegin bekommen hat. Der Rücklauf der eingeforderten Zahlen hat aber auch ein Problem offenbart. „Knapp drei Viertel der Leibniz-Institute hat nun Zielquoten festgeschrieben“, sagt Bronisch. „Aber nicht alle wollen das Kaskadenmodell anwenden. Und das in einigen Fällen auch aus gut nachvollziehbaren Gründen.“ Er gibt zu bedenken, dass es aufgrund der rechtlich eigenständigen Institute eigentlich gar keine verbindlichen Gesamtquoten geben kann. „Wir können anregen, aber nicht durchsetzen.“

Wie die Anstrengungen bewertet werden, ist noch unklar. Weder die Geschäftsstelle der GWK noch die Vorsitzende Doris Ahnen (SPD), Wissenschaftsministerin von Rheinland-Pfalz, sind bereit, sich zu den Bewertungsmaßstäben zu äußern. Sie wollen der Diskussion in der GWK-Konferenz am 28. Juni nicht vorgreifen, heißt es. Was die Forschungsorganisationen erwarten könnte, lassen die Überlegungen zur Frauenquote im Bund erahnen. Im Sommer 2012 hatten SPD, die Linke und die Grünen in einem Antrag gefordert, ab 2013 einen Teil der Mittel des Pakts für Forschung und Innovation nur denjenigen Organisationen zu geben, die ihre quantifizierten gleichstellungspolitischen Ziele erreicht haben. CDU/CSU und FDP stellten einen eigenen Antrag, wonach nicht mit finanziellen Sanktionen, sondern nur mit positiven Anreizen gearbeitet werden soll. Die Entscheidung darüber fällt der Bundestag voraussichtlich am 16. Mai.

Den Forschungsorganisationen wird das recht sein. „Es gibt eine grundgesetzlich verbriefte Freiheit der Wissenschaft, und die schließt die Personalauswahl mit ein. Mit finanziellen Sanktionen sollte man hier sehr zurückhaltend sein“, sagt Bronisch. Auch Korinna Strobel hält die bestehenden Kontrollmechanismen für ausreichend: „Da entsteht ohnehin schon ein starker Druck. Wir müssen uns ja rechtfertigen, wenn es uns nicht gelingt, die Zielquoten zu erreichen.“

Klare Ziele setzen indes einige Länder: Niedersachsens neue Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic strebt eine Quote von 40 Prozent Frauen auf Führungsebenen der Hochschulen an, sagte sie Mitte April. Und gemeinsam mit den Hochschulen will sie prüfen, wie sich das Kaskadenmodell umsetzen lässt. Dafür hat sich bereits 2012 der Wissenschaftsrat ausgesprochen. Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation plädiert in ihrem diesjährigen Gutachten für die Quotierung von Führungspositionen.

Online zuletzt aktualisiert am 8. Mai 2013


INFOKASTEN

Konzepte zur Frauenquote

Zwischen vier und 19 Prozent der Führungskräfte sind bei den außeruniversitären Forschungsorganisationen Frauen. Das soll besser werden. Die Planungen Mitte April sehen vorbehaltlich letzter Änderungen so aus:

Fraunhofer-Gesellschaft: Sie hat ein eigenes Kaskadenmodell entwickelt, in dem sowohl das Wachstum der Institute, als auch die vorhersehbare Fluktuation berücksichtigt wurde. Insgesamt soll der Wissenschaftlerinnenanteil von 23 Prozent 2012 auf 26 Prozent 2017 steigen, auf der Führungsebene 2 (Abteilungs-, Gruppen-, Sachgebietsleitung) von 14 auf 16 Prozent. Von den 17 in den nächsten fünf Jahren frei werdenden Instituts- und Hauptabteilungsleitungen will Fraunhofer fünf mit Frauen besetzen.
Link: www.fraunhofer.de

Helmholtz-Gemeinschaft: Sie versucht in einer Initiative zur Rekrutierung von zusätzlichen Spitzenkräften eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent zu erreichen und damit auch mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen. Zielquoten nach dem Kaskadenmodell gelten für jedes Helmholtz-Zentrum individuell. Im Durchschnitt sollen die Frauenanteile auf den W3-Professuren bis 2018 von elf auf 14 Prozent, auf den W2-Professuren von 15 auf 20 Prozent und beim unbefristet angestellten wissenschaftlichen Personal von 16 auf 18 Prozent erhöht werden.
Link: www.helmholtz.de

Max-Planck-Gesellschaft: Die Frauenanteile auf den W2- und W3-Positionen sowie in den Besoldungsgruppen E13 bis E15 des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst (TVöD) sollen bis 2017 jährlich um einen Prozentpunkt steigen. Anfang 2013 lag der Frauenanteil bei den E13- bis E15-Stellen bei 29,2 Prozent – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 0,9 Prozent. Bei den W2- und W3-Stellen sind es 19,5 Prozent (Steigerung um 0,4 Prozent). Von zehn Berufungen im vergangenen Jahr sind sechs Frauen berufen worden. Wenn ihre Zusagen vorliegen, hat die MPG ihr Ziel erreicht.
Link: www.mpg.de

Leibniz-Gemeinschaft: Sie hat verschiedene Szenarien für zu erwartende Frauenanteile im Jahr 2017 entworfen. Danach erscheint ihr für ihre Institute eine durchschnittliche Zielquote von etwa 17 Prozent für alle W-Stellen realistisch (W2/C3 derzeit 17,9 Prozent, W3/C4: 12,1 Prozent). 53 der 86 Einrichtungen haben Zielquoten in einer rechtlich verbindlichen Form mit ihren Zuwendungsgebern oder Aufsichtsgremien vereinbart. Die meisten haben ihr Kaskadenmodell an Entgeltgruppen ausgerichtet.
Link: www.wgl.de


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2013/05/im-gleichstellungszug/172

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 05/13

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