Der frühe Vogel ist im Nachteil Ach, du liebe Zeit!

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Das mag für die stimmen, die sich am heimischen Frühstückstisch zu der Zeit eine Tasse Kaffee einschenken. Draußen vor der Tür sieht die Sache anders aus. Da kann eigentlich nur der arme Tropf unterwegs sein, der die Raumplanungs-Software nicht zu hacken versteht. Eine Passionsgeschichte.

Ein kalter Wind bläst dem Dozenten den Regen ins Gesicht, als er im Morgengrauen aufbricht. Das Hauptgebäude der Universität liegt schon eine Weile hinter ihm. Er zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht. Gleich hat er es geschafft. Ganz am Rande des Campus erkennt er in der ersten Tagesdämmerung ein Licht. Da muss es ein. Ein schmuckloser Flachbau mit undichter Dachrinne. Ein verrostetes Schild weist ihn aus als „Kollegiengebäude Z09“. Er öffnet die Tür und betritt einen Raum. Beigebraune Wände. Ein paar Studierende drängen sich in der Ecke und wärmen ihre Finger über einem Radiator. Andere haben ihre Köpfe auf den wackligen Tisch gebettet und schlafen. Kein Beamer, nicht einmal ein Overhead-Projektor. Nur eine verschrammelte grüne Schultafel. Er seufzt, zieht den Mantel aus und beginnt mit seiner Vorlesung zum Thema „Moderne Kulturwissenschaft im Zentrum der Gesellschaft“.

Warum nur? Warum bekommt er immer solche Seminarräume? Und warum muss er seine Vorlesung am Montagmorgen um 7 Uhr halten? Im Hochsommer wäre das Uni-Häuschen im Grünen bei Sonnenaufgang vielleicht gar nicht mal so schlecht. Aber wann und wo muss er in der heißen Jahreszeit seine Vorlesung veranstalten? Freitagnachmittag um 18 Uhr in dem fensterlosen Hörsaal im 70er-Jahre-Kasten. Da, wo die Klimaanlage schon seit vielen Jahren nicht mehr funktioniert und die knallig orangen Wände einen in den Wahnsinn treiben. Was läuft da schief?

Träume von Raum und Zeit

Seit Jahren schon gibt unser Dozent fristgerecht bei der Studiengangsplanung seinen Wunschtermin an: Mittwochvormittag 10 Uhr. Doch der wird ihm so wenig zugebilligt wie einer der lichtdurchfluteten und klimaregulierten Hörsäle mit modernster Technik im schicken, von einem Stararchitekten entworfenen Neubau.

An einer Hochschule ist die Raum- und Zeitvergabe alles andere als eine triviale Angelegenheit: Da müssen Tausende von Vorlesungen, Kursen, Tutorien und Übungen auf die zahlreichen Hörsäle und Seminarräume verteilt werden. Selbstverständlich sollen sich die Veranstaltungen für einen Jahrgang in einem bestimmten Studiengang möglichst wenig oder besser überhaupt nicht überschneiden. Und ebenso selbstverständlich sollen die Räume gerade so groß sein, dass jeder Studierende einen Sitzplatz hat. Wehe, wenn der Raum zu groß ist und sich nur ein paar Leutchen in einem riesigen Saal verlieren. Das kommt ganz schlecht. Dann gibt es bestimmte Vorlieben: Ganz frühe und ganz späte Zeiten sind nicht so begehrt. Der Seminarraum sollte sich in der Nähe des Dozentenbüros oder zumindest des Instituts befinden und mindestens einen Beamer für den Laptop haben.

„Nein, Herr Kollege, der Dienstagnachmittag, das tut mir leid, das geht leider nicht.“

Der Einbruch der Realität

Die Planung erfolgt nach rationalen Kriterien, und alle Dozenten haben die gleiche Chance auf ihre Wunschräume und Wunschtermine. Los geht es mit der Zeitplanung der einzelnen Studiengänge. Jeder gibt erst einmal an, wann er denn gerne seine Kurse halten will. Aber schon bald tauchen die ersten Probleme auf: „Nein, Herr Kollege, der Dienstagnachmittag, das tut mir leid, das geht wirklich nicht, das ist schon seit vielen Jahren mein Vorlesungstermin.“

Also kein Dienstagnachmittag, dann vielleicht Mittwochnachmittag. „Nein, Herr Kollege, der Mittwochnachmittag muss freigehalten werden, da sind doch die Gremien.“ Wie konnte ich das vergessen, an fast jeder Uni ist der Mittwochnachmittag streng geschützt für das kollektive Sitzfleisch-Training. Da finden die Institutskonferenzen statt, es tagen die Fachbereiche, der Bologna-Arbeitskreis, die Projektgruppe Internationalisierungs-Audit, der Prüfungsausschuss und nicht zuletzt die Campus-Verschönerungskommission.

Nun gut, dann der Freitagnachmittag, da sind die meisten Studierenden zwar schon ins Wochenende gestartet, aber wenn es nicht anders geht. „Nein, Herr Kollege, da finden die Blockseminare statt – Sie bekommen jetzt den Montagnachmittag für die Vorlesung und für Ihre anderen Kurse haben wir Ihnen den 7-Uhr-Slot zugeteilt. Sie haben ja kleine Kinder, da müssen Sie doch sowieso früh raus.“ Klar, kein Problem – die neun Monate alte Tochter hält einen die ganze Nacht mit ihren lieblichen Schreien wach, da bin ich am Morgen fit wie ein Turnschuh.

Ist der Zeitplan für den Studiengang fertig, können die Zeit- und Raumwünsche dem Computer mitgeteilt werden. Denn selbstredend hat jede Hochschule eine entsprechende Software, mit der das alles online zu erledigen ist. Zumeist handelt es sich um das Modul Lehre, Studium, Forschung oder kurz LSF der staatseigenen Hochschulsoftwarefirma HIS. Laut Selbstbeschreibung bietet das Modul Schnittstellen auf XML-Basis, um Daten aus den Modulen SVA und BAU zu importieren, und zudem kann es als Portal für QISSOS, QISPOS und QISFSV eingesetzt werden. Wow – das klingt gut: Hier haben wir ein unbestechliches, quasi verbeamtetes Computerprogramm, das nach Ablauf der Eingabefrist über geheimnisvolle Formeln und strenge Logarithmen die Räume zuweist, da kann nichts mehr passieren und jede menschliche Willkür ist ausgeschaltet!

Ist die Raumwunscheingabe erfolgt, naht der schicksalhafte Blick auf den Computerbildschirm. Habe ich den neuen Hörsaal mit den großen Fenstern, Touchscreenleinwand und der Kaffeemaschine gleich am Eingang? Oh nein, das darf nicht wahr sein! Schon wieder der finstere Saal mit den klapprigen Holzmöbeln im vermufften Altbau. Und mit dem gemütlichen Seminarraum gleich um die Ecke für die anderen Kurse ist es auch nichts geworden. Das heißt mal wieder lange Wanderungen über den Campus. Wieso habe ich immer so ein Pech! Und warum haben die anderen immer die schönsten Hörsäle und Zimmer?

Auffällig ist schon, dass die Informatiker all ihre Veranstaltungen im neuen Hörsaalgebäude haben.

Irgendwie muss man doch an bessere Räume rankommen. Hat das Programm mit seinem Zufallsgenerator wirklich alles in der Hand oder nicht vielleicht doch die Menschen in der Verwaltung, die das Ganze steuern? Na klar – auf das Beziehungsmanagement kommt es an! Ich schicke am besten der Dame aus der Raumvergabe so als kleine Aufmerksamkeit mal ein paar Pralinen oder vielleicht reicht schon eine Weihnachtskarte? Oder muss man das Problem eher technisch angehen und sich irgendwie in das Programm hacken? Auffällig ist es schon, dass die Informatiker all ihre Veranstaltungen im strahlendweißen neuen Hörsaalgebäude haben. Vielleicht gilt auch das Senioritätsprinzip und der junge Dozent muss sich erst über lange Uni-Jahre mit vielen Vorlesungen und Seminaren in die schönen Räume hochdienen? Oder hängt es an den eingeworbenen Drittmitteln? Oder stehe ich auf der roten Liste des Präsidenten, weil ich den Dies Academicus geschwänzt habe?

Wenn die Großveranstaltung dazwischenkommt

Aber nicht genug der Tiefschläge – es folgt eine weitere Überraschung: „Lieber Kollege, Montagnachmittag geht jetzt für Ihre Vorlesung leider doch nicht, die Statistiker haben ihre Einführungsvorlesung genau auf diesen Termin verlegt.“ Was? Verlegt? Wieso geht das überhaupt? Die Eingabefrist ist doch längt vorbei und alles abgeschlossen. Denen schreibe ich gleich mal eine geharnischte E-Mail … naja – sinnlos. Die zentrale Statistikeinführung. Dem Chi-Quadrat-Test und der Varianzanalyse entkommen höchsten die Papyrologen, sonst muss da so gut wie jeder Studierende hin. Die Vorlesung findet im Audimax statt, wird mindestens in zehn weitere Hörsäle, im Internet sowie auf den Platz vor der Mensa live auf Großbildschirmen übertragen. Wenn die verschoben wird, kann man nichts machen. Und wann soll ich dann meine Vorlesung halten? „Am Montagmorgen wäre noch ein Slot frei.“

Und so kämpft sich der Dozent weiter durch die Finsternis, um morgens um 7 Uhr seinen abgelegenen Seminarraum zu erreichen. Und hier ganz am Ende der Uni-Galaxis wird ihm auf einmal die Bedeutung der Relativitätstheorie klar: Raum und Zeit sind gekoppelt und wer einmal im miesen Raum-Zeit-Kontinuum landet, der kann jede Hoffnung sausen lassen.


Autor

Professor Dr. Klaus Arnold

Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Trier

Geboren 1968 in Nürnberg, begann Klaus Arnold das Studium der Diplom-Journalistik in München erst nach mehrjähriger Tätigkeit als Redakteur und stellvertretender Redaktionsleiter bei einem privaten Radiosender in Nürnberg. Seit dem Diplom-Abschluss im Jahr 1995 ist Arnold an Universitäten beschäftigt. Zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München und später als Assistent und akademischer Oberrat am Lehrstuhl Journalistik II der Katholischen Universität Eichstätt. Promoviert wurde Klaus Arnold 2001, die Habilitation folgte 2008. Seit dem Jahr 2010 lehrt und forscht der Medienwissenschaftler in Trier.


URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2013/04/ach-du-liebe-zeit/163

Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation

Quelle:
duz Magazin 04/13

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