Es ist die Geschichte einer Empanzipation: 40 Jahre nach ihrer Gründung haben sich die ersten Fachhochschulen von bloßen Paukanstalten zu Orten der Forschung gewandelt. Ermuntert von Politik und Wissenschaftsrat hat sich im Lauf der Jahrzehnte fast schon eine Konkurrenz für Universitäten etabliert.
von Frank van Bebber
Die Fachhochschule Ingolstadt lässt es krachen: Aus ihren Labors stammt ein Airbag-Auslöser, der den lebensrettenden Knautschsack aktiviert, wenn ihn der Schall sich zerbeulenden Blechs erreicht. Seit drei Jahren läuft die Technik in Serie für den Massenmarkt im Golf VI vom Band. Für die Fachhochschule bedeutete die volkswagentaugliche Idee den Aufstieg in die forschende Oberklasse.
Im vergangenen Jahr war Deutschlands wichtigstes Beratergremium für die Wissenschaft von der Leistungskraft der oberbayerischen Fachhochschule überzeugt: Der Wissenschaftsrat bewilligte ihr einen millionenschweren Forschungsbau, in dem neue Anlagen für Crashtests, Testroboter und Labore Platz finden sollen. Die Fachhochschule schlug im Wettbewerb ums Geld Universitäten aus dem Feld. Zusammen mit einem ebenfalls bewilligten Projekt der Fachhochschule Mittweida war es das erste Mal, dass der Wissenschaftsrat einen FH-Forschungsbau in seine Empfehlungen aufnahm.
Hochgelobt und selbstbewusst
Eine Sensation. Ingolstadts FH-Präsident Prof. Dr. Gunter Schweiger verkündete entsprechend stolz, es sei gelungen, „dem herausfordernden Vergleich mit Elite-Universitäten standzuhalten.“ Doch die Entscheidung wirkt über Ingolstadt hinaus. Schweiger und seine Fachhochschule haben mit ihrem Erfolg die Tür zu Forschungsgeldern für einen Hochschultyp aufgestoßen, der vor 40 Jahren vor allem für eines konzipiert worden war: berufsorientierte Ausbildung auf akademischem Niveau. Vier Jahrzehnte später kann in Deutschland von reinen Lehranstalten nicht mehr die Rede sein. Die Fachhochschulen erobern die Forschung. Sie tun das selbstbewusst und mit dem Rückenwind des Wissenschaftsrates: „Von Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen gehen wesentliche Impulse für die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft aus“, heißt es in der FH-Forschungsbauempfehlung. Noch stemmen sich Uni-Vertreter gegen die neue Konkurrenz. Das Bündnis Technischer Universitäten TU9 erklärte 2007: „Forschung ist eine primäre Aufgabe Technischer Universitäten. Dagegen ist Forschung für Fachhochschulen eine Sekundäraufgabe.“ Bis heute sind die TU9 der Auffassung, es sollte bei der klassischen Aufgabenverteilung bleiben. Auch der Deutsche Hochschulverband (DHV) als Organisation der Uni-Professoren hält daran fest. „Wir haben viel Respekt vor Fachhochschulprofessoren“, sagt DHV-Sprecher Dr. Matthias Jaroch, „aber das ist einfach eine ganz andere Art von Professur, die stärker auf die Lehre konzentriert ist.“
Angleichung der Hochschultypen
Doch das ändert nichts daran: Die Grenzen zwischen den Hochschularten verschwimmen. „Universitäten und Fachhochschulen sind in sich nicht homogen und fangen an, sich zu überlappen“, sagt Prof. Dr. Bernd Reissert, Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Reissert ist Vorsitzender der UAS7, einem Bündnis von sieben forschungsorientierten Fachhochschulen. Die Vorsilbe „Fach“ ist vielfach verschwunden. Stattdessen heißt es Hochschule für angewandte Wissenschaft, auf Englisch „University of Applied Sciences“ – und etwa im Logo der Hochschule Furtwangen einfach nur „University“.
Verschwunden ist bei den Abschlüssen Bachelor und Master auch der Zusatz „FH“ in Klammern. Dazu passt der Appell des Wissenschaftsrates an Bund und Länder, die formale Gleichstellung der Studienabschlüsse endlich auch im behördlichen Gehaltsgefüge nachzuvollziehen. Die Fachhochschule Köln leitet aus solchen Tendenzen ihren Forschungsauftrag her. „Insbesondere Master-Studiengänge werden ohne die Komponente Forschung nicht auskommen“, mahnte Forschungs-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Becker bereits vor drei Jahren, als er einen neuen internen Wettbewerb um Forschungsmittel eröffnete. Selbstbewusst reklamieren Fachhochschulen damit einen bisherigen Markenkern der Universität für sich. UAS7¬Vorsitzender Reissert sagt: „Auch bei uns funktioniert gute Lehre nicht ohne Forschung.“
„Wir haben Jahre daran gearbeitet, die Voraussetzungen zu schaffen.“
In Ingolstadt weiß FH-Chef Schweiger allerdings, dass der Einstieg in die Forschung für seine bisherige Lehranstalt Arbeit am Limit bedeutet. Als er vor dem Wissenschaftsrat um viele Millionen warb, zweifelten die Fragesteller nicht am wissenschaftlichen Kern des Projektes. Sie fragten ihn: Kann eine Fachhochschule so etwas wuppen? Schließlich lehren die Professoren mit 19 Stunden in der Woche so viel wie mancher Lehrer. Einen Mittelbau gibt es traditionell so gut wie nicht. Fragen, auf die Schweiger Antworten fand. „Wir haben Jahre daran gearbeitet, die Voraussetzungen zu schaffen“, sagt er heute.
Der erste Schritt war 2004 die Gründung eines Instituts, das Professoren die Organisation der Forschung abnahm. „Das war der Treiber und die Möglichkeit für die Professoren, sich bei Anträgen, Verwaltung und Projektmanagement zu entlasten“, sagt Schweiger. Das Geld hierfür knapste die Hochschule bei den Drittmittel-Einnahmen ab, jeweils zehn Prozent. Bis heute werden die meisten Mitarbeiter an dem Institut auf diese Weise finanziert.
Eine weitere Zutat in Schweigers Erfolgsrezept ist die junge Geschichte der Hochschule. Erst 1994 gegründet, musste Schweiger keine verkrusteten Strukturen aufbrechen. Auch macht der FH in Ingolstadt keine Universität den Rang streitig. Dafür ist die Region mit der finanzstarken und forschungsintensiven Automobilindustrie gesegnet.Dennoch war Schweiger klar, dass 19 Stunden Lehre im Hörsaal wenig Zeit für international anerkannte Spitzenforschung lassen. Also wurden forschende Professoren bei ihrem Deputat entlastet oder für Projekte freigestellt. „In den Fakultäten muss dieser Freiraum auch geschaffen werden, das bringt den Fakultäten im Gegenzug höchste Aktualität in der Lehre“, sagt Schweiger.
Eine Erkenntnis, die sich mittlerweile verbreitet hat: Bayern stellt seine FH-Professoren nicht mehr nur für Fortbildungssemester in Unternehmen frei, sondern auch für Forschung. In Berlin freut sich Kollege Reissert, dass Professoren in einzelnen Forschungsschwerpunkten bis zur Hälfte des Deputats erlassen werden kann. Der Bund pumpt über sein Förderprogramm „Forschung an Fachhochschulen mit Unternehmen“ (FHprofUnt) Geld ins System, mit dem auch Mittelbau-Beschäftigte und Vertretungen für forschende Professoren bezahlt werden dürfen. Allein in der Förderrunde des vergangenen Jahres flossen 32 Millionen Euro an 67 Fachhochschulen.
Die CDU-Wissenschaftspolitikerin Prof. Dr. Johanna Wanka nimmt für sich in Anspruch, als erste und einzige Forschungsprofessuren an Fachhochschulen eingeführt zu haben – und das gleich in zwei Bundesländern. Während ihrer Amtszeit als Wissenschaftsministerin in Brandenburg startete sie 2009 mit 15 Forschungsprofessuren – deren Lehrverpflichtung sie auf neun Stunden halbierte. Als Ministerin in Niedersachsen konnte sie vor wenigen Wochen verkünden, dass die Volkswagenstiftung zehn Forschungsprofessuren an niedersächsischen Fachhochschulen mit drei Millionen Euro unterstützt.
Interessenten für solche Jobs gibt es genug: „Es wächst eine neue Generation von forschungsinteressierten Professoren heran“, berichtet Schweiger aus dem Alltag in Ingolstadt. „Die fragen bei den Bewerbungsgesprächen selbstverständlich: Kann ich bei Ihnen denn auch forschen? Wie sieht es mit der Unterstützung der Hochschule bei der Forschung aus?“ Zweifel an der neuen Rolle haben FH¬Forscher und Fachhochschulen abgeschüttelt. Zieren sich deutsche Universitäten bei Promotionen von FH-Absolventen, findet sich Partner im Ausland. Die FH Ingolstadt kooperiert dafür mit Universitäten in Leicester und Edinburgh.
Die Bundesregierung ermuntert die einstigen Pauk-Anstalten, mit Forschung Grenzen zu überschreiten. „Fachhochschulen sind Innovationsschmieden par excellence und werden es in Zukunft noch stärker sein“, prophezeit Bildungsstaatssekretär Dr. Georg Schütte. Nun sollen sie den europäischen Forschungsraum für sich entdecken. Erstmals förderte das Ministerium 2010 Fachhochschulen bei Anträgen für EU-Forschungsgeld. Im Bündnis UAS7 geben sich die für Forschung zuständigen Vizepräsidenten schon Tipps zur Akquise.
Scharnier zur Wirtschaft
Dabei sind mittlerweile oft andere Fachhochschulen und nicht mehr Universitäten die schärfsten Konkurrenten beim Aufbau eines Forschungsprofils. „Es gibt Disziplinen, in denen die Universitäten nicht mehr präsent sind“, sagt der UAS7¬Vorsitzende Reissert und nennt etwa die Gebiete Soziale Arbeit und Öffentliche Verwaltung, „Hier müssen wir auch forschen, weil der wissenschaftliche Nachwuchs in diesen Fächern gar nicht mehr von den Universitäten kommen kann – den müssen wir selber produzieren.“ Sein Kollege Schweiger in Ingolstadt sieht für forschende Fachhochschulen eine eigenständige Rolle als „Scharnier zwischen Grundlagenforschung an den Universitäten und der sehr stark produktorientierten Entwicklung in den Unternehmen.“ In Ingolstadt wollen sie dazu neue Türen aufstoßen: 2012 ist Spatenstich für den vom Wissenschaftsrat bewilligten Forschungsbau, 2015 soll es auf den neuen Testständen erstmals krachen.