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duz: Haben Forscher niemals Zeit?
Schöneck-Voss: Zeitknappheit ist ein generelles Phänomen in der Wissenschaft. Für Nachwuchswissenschaftler gilt das aber in ganz besonderem Maße. Die Qualifizierung bis Ende 30 ist eine Phase der prekären Beschäftigung. Viele wissen nicht, ob sie es bis Ende 30 schaffen, einen Ruf auf eine Professur zu erhalten, nicht selten hangeln sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Manche halten diesem Druck auch nicht stand und steigen ermattet frühzeitig aus dem Wissenschaftsbetrieb aus. Es ist nicht nur ein Problem der Zeitknappheit, der Druck ist generell sehr hoch.
duz: Sie haben über das Zeiterleben von Erwerbstätigen promoviert. Sind alle Berufsgruppen gleich gestresst?
Schöneck-Voss: Es gibt in der Tat viele Berufsfelder und Personen, denen dieses Zeitstress-Phänomen weitgehend unbekannt ist. Die sagen, sie kommen mit ihrem Zeitkontingent und Tagesablauf gut zurecht, so wie er ist. Oft handelt es sich dabei um Menschen mit sehr stabilen Berufsbiographien. Oder sie sind vielleicht von Natur aus einfach sehr robust und stressresistent. Es kommt aber auch immer auf den Charakter der Arbeit an. Ein Kfz-Mechaniker kann mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn er den Wagen wieder zum Laufen gebracht hat. Er braucht dann nicht weiterschrauben, um sein Werk zu optimieren. In der wissenschaftlichen Arbeit lässt sich hingegen immer etwas verbessern – die Gefahr, sich dabei zu verausgaben, ist daher sehr groß. Das ist ein enormer Unterschied.
duz: Es gibt etliche Menschen, die es zelebrieren, keine Zeit zu haben.
Schöneck-Voss: Das Phänomen gibt es tatsächlich. Es wirkt wie ein immaterielles Statussymbol: Wer Zeitknappheit kommuniziert, signalisiert, dass er gebraucht wird, gefragt ist, sich mit interessanten Sachen beschäftigt. Wer dagegen zugibt, viel Zeit zu haben, macht sich in unserer Gesellschaft verdächtig. Das kennen Sie doch bestimmt selbst: Wenn Sie einen Arzt anrufen, der Sie sofort in die Praxis bittet, werden Sie skeptisch.
duz: Wir haben also kein Zeitproblem?
Schöneck-Voss: Das würde ich so grundsätzlich nicht sagen. Der Druck ist schon in vielen Bereichen gestiegen, viele Abläufe sind schneller geworden. Aber wenn man sich in Ruhe mit den Menschen unterhält, so wie ich es im Rahmen meiner Doktorarbeit gemacht habe, zeigt sich das Bild wesentlich differenzierter. Es gibt auch heute noch viele Menschen, für die Zeitknappheit so gut wie gar kein Thema ist.
duz: Eine Frage der Organisation also.
Schöneck-Voss: Sicherlich auch. Ich habe früher Zeitmanagement-Seminare für Studenten und Doktoranden gegeben. Daher weiß ich, dass manchmal schon ganz einfache Tricks helfen: Wenn die Teilnehmer einen Kalender führen und ihren Zeitplan schriftlich festhalten. Wenn sie das Nein-Sagen üben und sich selbst Sperrstunden verordnen, in denen sie nur im Notfall erreichbar sind. Manchmal ist man auch überrascht, wie viel Zeit man eigentlich verplempert.
duz: Sie sind gerade in der Postdoc-Phase. Wie begegnen Sie dem Stress?
Schöneck-Voss: Ein Patentrezept gibt es nicht, aber es ist wichtig, dass man im eigenen Handlungsbereich für gute Zeitverhältnisse sorgt. Ich gehe nicht mehr vielen Hobbys nach, aber mir hilft Sport sehr. Jeder muss sich fragen: Bin ich dem Druck der Wissenschaft gewachsen? Das sollten Professoren vielleicht auch öfter mit ihren Doktoranden diskutieren – am besten schon vor der Promotion.
URL:
http://www.duz.de//duz-magazin/2011/09/jeder-muss-sich-fragen-bin-ich-dem-druck-der-wissenschaft-gewachsen/26
Copyright:
duz - deutsche Universitätszeitung / Dr. Josef Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformation
Quelle:
duz Magazin 09/11
Bei Veröffentlichungs- und nicht-privaten Nutzungsvorhaben wenden Sie sich an wissenschaftsinformation@raabe.de.
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