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Im Windschatten der Metropolen

Berlin, München, Hamburg – im weltweiten Wettbewerb um Wissenschaftler müssen Universitäten in ländlicheren Regionen nicht unbedingt den kürzeren ziehen. Das zeigt das Beispiel Göttingen.

Göttingen? Von dieser Stadt in Deutschland wusste Dr. Steven Rozenski, Literaturwissenschaftler an der Harvard-Universität, so gut wie nichts. Was ihm allerdings sehr wohl ein Begriff war, war das dortige Seminar für englische Philologie.

„Seminar und Bibliothek  mit ihren anglistischen Buchbeständen sind hervorragend“

Dort forschte und lehrte seit 1762 der erste Professor für Englisch an einer deutschen Universität. „Das Seminar und die Bibliothek mit ihren anglistischen Buchbeständen sind hervorragend“, sagt Rozenski. Mit einem Humboldt-Forschungsstipendium für Postdoktoranden in der Tasche entschied er sich deshalb vor einem Jahr, an die Universität Göttingen zu wechseln.

Der 34-jährige US-Amerikaner ist kein Einzelfall. Die knapp 120.000 Einwohner  zählende Stadt in Niedersachsen wird für internationale Wissenschaftler immer beliebter. Das geht aus dem Ranking hervor, das die Alexander von Humboldt-Stiftung im vorigen Jahr präsentierte. Lag Göttingen im Jahr 2012 nur auf Platz neun bei allen geförderten Humboldt-Gastwissenschaftlern, kletterte sie im aktuellen Ranking auf Platz fünf, hinter den großen Universitäten wie Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität Berlin oder Universität München. Insgesamt stieg die Zahl ausländischer Wissenschaftler an der Universität Göttingen zwischen 2005 und 2014 von 336 auf 695, der Anteil am gesamten Wissenschaftlerpersonal legte von 10,8 auf 16 Prozent zu.

Mögliche Erklärungen für diesen Trend hat Göttingens Universitätspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel parat: „Wir haben zwar nicht den großen internationalen Bekanntheitsgrad wie Berlin und München, aber wir haben mit Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne eine hervorragende für internationale Angelegenheiten zuständige Vize-Präsidentin.“ Das Welcome Centre und die Willkommenskultur würden vom Präsidium massiv gefördert, dazu kämen sehr gute Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre. Die Universität, so Beisiegel, habe gemeinsam mit Max-Planck- und Leibniz-Instituten, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen sowie dem Lichtenberg-Kolleg einen sehr lebendigen Campus. „Das macht uns für Gäste aus dem Ausland sehr attraktiv“, sagt Ulrike Beisiegel.

Exzellente Bedingungen in der Forschung sind für Postdocs entscheidend

Exzellente Forschungsbedingungen, dies ist aus Studien bekannt, sind im Wettbewerb um internationale Nachwuchswissenschaftler ausschlaggebend. Damit punkten mittlerweile oft auch mittelgroße Universitäten. „Bei der Entscheidung für einen Hochschulstandort ist jedoch oft ein ganzes Bündel von Gründen ausschlaggebend“, sagt Antje Wegner. Die Wissenschaftlerin am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) wird im Herbst eine Studie zur Situation internationaler Nachwuchswissenschaftler an deutschen Hochschulen veröffentlichen. „Wie attraktiv Hochschulstandorte sind, hängt zwar vorrangig von den Forschungsbedingungen und Beschäftigungsperspektiven ab, jedoch spielen gerade für den langfristigen Verbleib beispielsweise auch die beruflichen Perspektiven des Partners vor Ort oder ein attraktives Umfeld eine Rolle“, sagt sie.

Der einjährige Forschungsaufenthalt von Steven Rozenski an der Uni Göttingen ist jetzt beendet. Die Zeit hat er genutzt, um an der Überlieferung von Texten Katharinas von Siena zu arbeiten und ein Übersetzungsprojekt zum Mittelhochdeutschen zu beginnen. Sein Fazit zur Uni Göttingen: „Ob an der Universität oder am Englischen Seminar, alles verlief wunderbar und meine Erfahrungen wurden sogar noch übertroffen“, sagt er. Nach einem Jahr Deutschland geht er nun wieder in die USA: Ab August übernimmt Rozenski eine Stelle als Assistant-Professor an der Universität Rochester in New York.

Die Vorlieben der Disziplinen

Die Vorlieben der Disziplinen

Die Alexander von Humboldt-Stiftung wertet – getrennt nach Disziplinen – regelmäßig aus, wohin ihre Stipendiaten gehen. Die jüngste Analyse erschien vergangenes Jahr und bezieht sich auf den Bewilligungszeitraum 2009 bis 2013.

Geisteswissenschaften
Die erste Wahl bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern aus dem Ausland ist die Freie Universität (FU) Berlin. 186 von insgesamt 1472 Forschern gingen an die Exzellenz-Universität. Danach kommen die Humboldt-Universität Berlin und die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Naturwissenschaften
Ganz oben auf der Beliebtheitsskala der fast 2000 Humboldt-Stipendiaten der Naturwissenschaften steht die Universität Bonn mit 102 ausländischen Gästen. Auf Platz zwei rangiert die Münchner LMU, gefolgt von der Technischen Universität (TU) München.

Lebenswissenschaften
36 von 546 Lebenswissenschaftlern aus dem Ausland suchten sich die Universität Göttingen aus, die damit bei Wissenschaftlern dieser Disziplin in Deutschland ganz oben steht. Dahinter folgen die LMU und die Universität Freiburg.

Ingenieurwissenschaften
Die TU Darmstadt ist mit 42 Stipendiaten die beliebteste Anlaufstelle unter den insgesamt 503 ausländischen Ingenieurwissenschaftlern. Auf den weiteren Plätzen folgen die TU München und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen.

Aktionsplan des Bundes

Aktionsplan des Bundes

Das Bundesforschungsministerium verfolgt bei der Internationalisierung der Wissenschaft strategische Ziele. Worin diese bestehen und wie sie sich in einem Aktionsplan niederschlagen, lässt sich kostenlos im Internet nachlesen. Das 2014 verabschiedete Programm baut auf einer Strategie auf, die 2008 entwickelt wurde.

„Besser bekannt machen“

„Besser bekannt machen“

Internationalisierung steht bei allen Hochschulen auf der Agenda. Doch ausländische Forscher sind wählerisch. Worauf es ankommt, erklärt Enno Aufderheide, Generalsekretär der Humboldt-Stiftung.


duz: Was schreckt ausländische Forscher von einem Aufenthalt in Deutschland ab?

Aufderheide: Grundsätzlich ist Deutschland sehr attraktiv für ausländische Forscher, das merken wir an hohen Antragszahlen und vielen positiven Rückmeldungen. Aber natürlich bekommen wir nicht alle, die wir gerne hätten.

duz: Woran liegt das?

Aufderheide: Für Wissenschaftler gleicht ein Job im Ausland einem Sprung ins kalte Wasser. Deshalb wollen sie vor ihrer Entscheidung wissen, wie kalt das Wasser ist. Ein Wissenschaftler fühlt sich umso wohler, je besser eine Hochschule international vernetzt ist. Eine Hochschule muss also nicht nur vermitteln, dass sie gute Forschung macht, sondern auch, dass sie international besetzt ist. Tut sie das nicht, kann das Interessenten abschrecken.

duz: Was kann dem Bild eines guten Gastgebers noch schaden?

Aufderheide: Gelegentlich kommt es vor, dass Erwartungen der Wissenschaftler nicht in Erfüllung gehen. Das beruht darauf, dass der Wissenschaftler Probleme der sprachlichen Verständigung mit der Hochschulverwaltung hatte oder er unzufrieden mit den Karrierechancen seines Partners oder der Betreuung seiner Kinder war. Deutschland hängt immer noch der Ruf nach, nicht kinderfreundlich zu sein. Ich glaube, dass viele Fortschritte gemacht wurden. Das müssen wir besser im Ausland bekannt machen.

duz: Welche Faktoren kann eine Hochschule nicht beeinflussen?

Aufderheide: Die Frage nach Wohnraum kann ein Problem sein. Zwar haben viele Universitäten Gästewohnungen, sind diese jedoch belegt, haben ausländische Forscher des Öfteren Schwierigkeiten, in Städten eine Wohnung auf dem freien Markt zu finden.

duz: Wie negativ wirkt sich das Thema Ausländerfeindlichkeit aus?

Aufderheide: Machen die Wissenschaftler etwa beim Einkaufen, in der Straßenbahn oder der Wohnungssuche schlechte Erfahrungen, spricht sich das schnell rum. Das Thema Pegida beispielsweise, das weltweit durch die Medien ging, spielte sich in erster Linie in Dresden ab. Es fällt jedoch auf ganz Deutschland zurück.

Das Interview führte Benjamin Haerdle.

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