Der große Fußball-Sommer in Polen ist längst vorbei. In den Alltag ist wieder Ruhe eingekehrt. Allerdings nicht an den Hochschulen des Landes. Dort herrscht immer noch Aufbruchstimmung.
von Benjamin Haerdle
Warschau Dort herrscht immer noch Aufbruchstimmung – nicht wegen des Fußballfestes allerdings, sondern weil vor genau einem Jahr, am 1. Oktober 2011, das novellierte Hochschulgesetz in Kraft trat. „Die Hochschulnovelle und die Reform des Forschungssystems gehören in Polen zu den wichtigsten Reformen der vergangenen Jahre“, sagt Hans Golombek, der beim Deutschen Akademischen Austauschdienst das Referat Mittelosteuropa leitet.
Noch sind die Folgen der Reform nicht in allen Konsequenzen absehbar, aber es zeigt sich bereits, in welche Richtung sie sich auswirkt. Wissenschaftsministerin Prof. Dr. Barbara Kudrycka (s. Infokaste), die die Novelle angeschoben hat, setzt auf Wettbewerb der Hochschulen untereinander: Das neue Gesetz macht Karrierewege für Wissenschaftler attraktiver, verkürzt die Habilitationsverfahren und verlangt mehr Qualität in Forschung und Lehre. Zentral ist auch das Ziel, Wissenschaft und Wirtschaft enger zu verzahnen. „Die Regierung unternimmt große Anstrengungen, damit die Zusammenarbeit zwischen der akademischen Welt und der Industrie intensiver wird“, sagt Prof. Dr. Wiesław Bany´s, Rektor der Universität Schlesien in Kattowitz (s. Interview).
Durch die Gesetzesnovelle ist es den Hochschulen nun erlaubt, gemeinsam mit Arbeitgebern oder in deren Auftrag Studierende auszubilden. Zudem können sie ihre Forschungsergebnisse besser kommerzialisieren und Schutzrechte beantragen. Auch die Gründung von Spin-off-Unternehmen aus der Hochschule soll künftig erleichtert werden. Verpflichtet sind sie zudem, Absolventenuntersuchungen durchzuführen, um so festzustellen, ob die Akademiker auf dem Arbeitsmarkt einen Job finden. Dies soll den Hochschulen zeigen, ob sie ihre Studiengänge noch stärker an die Erfordernisse des Marktes anpassen müssen.
Kudryckas Anspruch, die Hochschulen stärker für die Wirtschaft zu öffnen, folgen auch in der finanziellen Förderung Taten. Kudrycka rief vor einem Jahr die erste Runde der polnischen Variante der Exzellenzinitiative ins Leben. Die sechs preisgekrönten Forschungszentren stammen allesamt aus den Naturwissenschaften und der Medizin. Sie streichen nun jeweils rund 12,3 Millionen Euro ein. Leer gingen bei diesem Wettbewerb die Geistes- und Sozialwissenschaften aus. Der Geschichtsprofessor Dr. Krzysztof Ruchniewicz, der an der Universität Breslau als Direktor das Willy-Brandt-Zentrum leitet, will diesen Missstand nicht groß beklagen. „Die Sozial- und Gesellschaftswissenschaften müssen eben schauen, ob deren Absolventen am Arbeitsmarkt gefragt sind“, sagt er. Sie müssten sich künftig stärker profilieren und mehr auf sich aufmerksam machen.
In einigen Regionen Polens sind die Auswirkungen der verstärkten Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bereits deutlich zu sehen. Ein Beispiel ist die Informationstechnologie, die etwa in der Gegend um Krakau boomt. Dort haben sich viele IT-Unternehmen wie IBM, Google und Motorola angesiedelt. Sie profitieren von der Nähe zu mehr als 30 Hochschulen, an denen rund 200.000 Studierende eingeschrieben sind. Die Region wird deshalb schon das Silicon Valley Polens genannt. Auch die Universität Schlesien gibt sich unternehmerfreundlich. Im vorigen Jahr unterzeichnete sie eine Vereinbarung mit der Schlesischen Handelskammer, um mit 400 Firmen in der Region enger zu kooperieren. Auch in Deutschland wird dieser Wandel registriert: Polen wurde prompt als Partnerland der Computermesse Cebit im kommenden Jahr nach Hannover eingeladen.
Dass sich die Hochschulen der Wirtschaft öffnen und sich damit attraktive Berufseinstiege ergeben, spricht sich unter den Studenten schnell herum. Bei den Bewerberzahlen für das vergangene Studienjahr 2011/2012 waren die vier Technischen Universitäten Warschau, Danzig, Posen und Lodz die beliebtesten Hochschulen. Fast ein Drittel aller Studienbewerber wollte sich für Mathematik, Ingenieur- oder Naturwissenschaften einschreiben.
Unternehmer wie Janusz Filipiak, der in Krakau den Konzern Comarch aufbaute und in 19 Ländern 3 500 Mitarbeiter beschäftigt, freuen sich über diese Begeisterung. Allerdings spürt er bereits erste Folgen: „Der Wettbewerb um die Talente wird wieder härter", sagt er. Das merkt er an den Gehältern für die IT-Spezialisten, die rund um Krakau deutlich angezogen hätten und die für Einsteiger schon bei 2 000 Euro liegen.
Attraktiv sind solche Gehälter auch für Hochschullehrer. Denn deren Einkommen sind oft niedriger. Professoren erhalten im Schnitt zwischen 1000 und 1500 Euro, Postdocs etwa 800 Euro. „Polnische Wissenschaftler verdienen im Vergleich zu Kollegen anderer EU-Staaten immer noch relativ wenig", sagt Ruchniewicz. Viele von ihnen müssen sich deshalb mit mehreren Jobs über Wasser halten. Daran hat auch die Gesetzesreform bislang nur wenig geändert.
Gestützt wurde der Aufwind in der Wissenschaft auch durch die gute Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen Jahren. Allerdings scheinen die rosigen Zeiten zu Ende zu gehen: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im zweiten Quartal auf 2,4 Prozent, der niedrigste Stand seit drei Jahren.