Budapest Für die ungarischen Abiturienten des Jahrgangs 2012, die im September auf die Uni möchten, ist nicht sicher, ob das klappt. Denn seit Januar dieses Jahres hat sich in Ungarn etwas entscheidendes geändert: Nicht jeder, der ein Studium aufnehmen möchte, kann das ohne weiteres tun. Die Bildungsreform der Regierung Orban hat dem freien Zugang einen Riegel vorgeschoben.
von Dr. Anat-Katharina Kálmán
Von nun an gibt es für alle Fächer eine begrenzte Anzahl an staatlich finanzierten Studienplätzen, außer in Medizin und Informatik. Denn in diesen beiden Fächern braucht Ungarn ständig Nachschub, weil die Hälfte der Absolventen ins Ausland geht, um besser zu verdienen.
Über die Anzahl der Studienplätze verhandelt jede Uni mit dem Bildungsministerium extra. So wird es zum Beispiel an der größten Universität des Landes, der Eötvös Loránd Tudományegyetem (ELTE) wie auch an der katholischen Péter Pázmány Universität, beide in Budapest, ab Wintersemester 2012 nur noch jeweils 50 staatlich finanzierte Studienplätze für Erstsemester in Jura geben. An der Universität Debrecen im Osten des Landes werden dann nur noch zehn Studierende kostenlos im ersten Semester Mathematik belegen dürfen. Wer jedoch das Auswahlverfahren nicht besteht und trotzdem studieren will, muss tief in die Tasche greifen. Zwischen umgerechnet 500 und 900 Euro kostet ein selbstfinanzierter Studienplatz pro Semester, die Lebenshaltungskosten nicht mitgerechnet. Zum Vergleich: Rund 600 Euro verdient ein Dozent, etwa 900 Euro bekommt ein Professor. Nur wer sich als besonders begabt erweist, bekommt zum Studienplatz noch ein gut dotiertes Stipendium von 300 bis 500 Euro monatlich. Das entspricht immerhin dem Gehalt eines promovierenden wissenschaftlichen Mitarbeiters.
Mit diesen Maßnahmen soll die jahrzehntelang geförderte Akademikerschwemme mit Studienabbrechern und Langzeitstudenten beendet werden. Insgesamt gibt es rund 450 000 Studenten. Die Zahl der Erstsemester soll bis 2014 von 53 000 auf 30 000 sinken. Nur die besten dürften bleiben, sagt Bildungsstaatssekretärin Rózsa Hoffmann. Um die Qualität an den Hochschulen zu heben, sei es zielführend, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Diese Auslese wird auch über eine Neujustierung der Geldflüsse an die Hochschulen gesteuert. Bislang finanzierten sie sich neben der Grundfinanzierung von rund 50 Prozent ganz wesentlich über eine sogenannte Kopfquote, also einen fixen Betrag pro Student. Sie konnten so viele Studienplätze zur Verfügung stellen wie nachgefragt wurden und bekamen dafür Geld. Das war so lukrativ, dass sie sich die Studenten sogar gegenseitig abwarben. Das ist vorbei. Das Ministerium gibt die Zahl der Studienplätze vor. Nur 15 Prozent davon werden über die Kopfquote finanziert. Dafür steigt das feste Grundbudget auf 70 Prozent. Weitere 15 Prozent kommen über sogenannte forschungsbezogene Gelder in die Kassen. Insgesamt sei das Ziel der Reform, dass die Unis nicht mehr Dienstleister für die Studenten sein sollen, erklärt László Dux, der Unterstaatssekretär für Bildung und Forschung. Ab sofort gelte: „Bildung ist Dienst an der Allgemeinheit.“
Doch Kritiker sprechen von einem viel zu harten System, das junge Menschen zu früh selektioniert und jenen keine alternativen Ausbildungsplätze bietet, die nicht mitziehen können. „Selbst Einstein hatte auf der Schule eine schlechte Note in Mathe“, schimpft Prof. Dr. Tamás Krauss, Lehrstuhlleiter für osteuropäische Geschichte an der ELTE. Eine selektive Exzellenzförderung ist seiner Ansicht nach erst später wirklich sinnvoll. Und Attila Lengvárszky, Studiendirektor der Medizinischen Fakultät der Universität Pécs, erklärte in einem Fernsehinterview, dass die Einschränkung der staatlich finanzierten Studienplätze die Universitäten in der ungarischen Provinz stark benachteiligt. Ihre Quoten an Studienplätzen sei geringer als die in Budapest. Sie fürchten, an Dynamik und Attraktivität zu verlieren. Zumal das neue Gesetz die schwierige Situation, dass fast jeder siebte Absolvent ins Ausland geht, noch verschärft. Denn jetzt gilt: Bleibt ein Student, der einen staatlichen Studienplatz hatte und ein Stipendium bekam, nach Abschluss mehr als zehn Jahre im Ausland, muss er sein gesamtes Studium zurückzahlen. Das, so Lengvárszky, würde Studierende dazu bewegen, gleich ganz ins Ausland zu gehen, dorthin, wo studieren ab sofort billiger ist und man mit Studentenjobs mehr verdient als ein fertiger Arzt in Ungarn.
Ungarns Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orban trat vor knapp zwei Jahren mit dem Ziel an, die Zahl der Studenten zu senken und die Qualität an den Hochschulen zu steigern (duzEUROPA 05/2010, S. 26f.). Nun wird der Plan umgesetzt. Die neue Elite des Landes will einen klaren Weg vorzeichnen, weshalb nicht nur in der Justiz, bei der Notenbank oder beim Datenschutz aus Sicht der EU-Kommisson sehr weit durchregiert wird, sondern auch in der Bildung. Das führt dort zu Kritik, wo die Unabhängigkeit universitärer Gremien in Gefahr ist. So will das Bildungsministerium ab sofort bei der Ernennung der Hochschulrektoren mitreden. Dafür bekommt es bei der Wahl eine Stimme. Zudem werden künftig regelmäßig Evaluationen stattfinden, um die Effizienz an den Unis anzukurbeln. Viele Professoren fürchten eine starke staatliche Kontrolle in Forschung und Lehre und eine Entlassungswelle. So bekam der Historiker Tamás Krauss einen seiner Professoren, der für vier Jahre an eine ausländische Universität ging, nicht ersetzt. Sinkt die Zahl der Studenten, werden weitere Lehrstühle überflüssig.