Auf den ersten Blick hat Italiens Studienjahr im September begonnen wie immer. Angehende Studierende haben über den Zugangstests für die rund 60 000 Plätze in den Numerus-Clausus-Fächern geschwitzt. Hinter den Kulissen aber läuft, Schritt für Schritt, die Umsetzung einer grundlegenden Universitäts-Reform.
von Paul Kreiner
Rom Diese Reform hat Bildungsministerin Mariastella Gelmini aus dem Kabinett von Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Dezember 2010 durchs Parlament gebracht. Sollten sie greifen wie gedacht, dürfte sich auch für Italiens akademischen Nachwuchs vieles ändern. Die Hochschulen nämlich sollen nach internationalen Standards aufgemischt werden – und aufschließen zur Weltspitze. Der Weg ist jedoch steil: In den globalen Rankinglisten zum Beispiel finden sich italienische Hochschulen bislang nur von Platz 183 an abwärts.
Die Hochschullandschaft auf der Apennin-Halbinsel ist tief in Gegner und Befürworter der Reform gespalten. Deren parlamentarische Verabschiedung war begleitet von monatelangen Protesten. Darüber, dass sich etwas ändern muss, herrscht allerdings weitgehend Einigkeit. Die Hochschulen gelten als verfilzt und wenig effizient. Der Staat, der für Bildung mittlerweile nur die Hälfte dessen bereitstellt, was die OECD-Staaten im Durchschnitt ausgeben, hält seine höheren Bildungsstätten seit Jahren immer kürzer. Zudem werden mit der Reform bis 2014 weitere 13 Prozent der Mittel gestrichen. Diese Haushaltsbeschlüsse haben das Parlament passiert. An ihnen ist also nicht mehr zu rütteln. Dass in Zukunft auch auf die Hochschulen weitere Sparpakete zukommen, ist aber nicht ausgeschlossen. Nach den jüngsten Sparbeschlüssen und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes durch die Rating-Agentur Standard & Poors Ende September dürfte sich die Haushaltslage Italiens nicht gerade entspannen.
Am Hauptproblem der öffentlichen Verwaltung in Italien, der alles lähmenden Bürokratie, konnte auch die Bildungsministerin mit ihren Reformvorhaben nichts ändern. Sie richtet ihre Anstrengungen auf den Bereich Forschung und Lehre. Die Höhe der Staatsgelder für die Hochschulen zum Beispiel werden an Leistungskriterien gekoppelt, ebenso die Gehaltssprünge der Professoren. Die rund 25 000 Ricercatori, das sind Forschungsassistenten, verlieren das Recht auf unbefristete Anstellung. Nach den ersten drei Jahren werden sie maximal einmal verlängert.
Dass der italienische Wissenschaftsbetrieb eher eine Art Familienunternehmen ist, gilt als eines der großen Probleme des Landes. Nicht selten galten Hochschulen als eine Art Feudalbesitz einiger weniger „Barone“, die Posten nach Familienzugehörigkeit oder Wohlgefallen vergaben. Der weitverbreiteten Vetternwirtschaft will man nun dadurch zu Leibe rücken, dass Familienangehörige bis zum vierten Verwandtschaftsgrad nicht mehr an derselben Fakultät arbeiten dürfen; Verwandte des Rektors oder des Generaldirektors nicht einmal an derselben Uni.
Auch die Besetzung von Lehrstühlen regeln Unis nicht mehr im lokalen Klüngel. Künftig müssen sie in einen nationalen Professoren-Topf greifen. Auf diese Liste kommen – jedes Jahr neu und für maximal vier Jahre – nur solche Bewerber, die ihren wissenschaftlichen Rang durch Veröffentlichungen nachgewiesen und staatlicherseits bestätigt bekommen haben. Gelingen soll jetzt auch, was in früheren Anläufen fehlgeschlagen ist: die Bewertung von Universitäts- sowie individuellen Forschungs- und Lehrleistungen nach einheitlichen nationalen Standards. Dazu ist eigens eine neue Behörde geschaffen worden, die Agenzia Nazionale di Valutazione del Sistema Universitario e della Ricerca (ANVUR).
Um die Qualität der Hochschulbildung zu verbessern, werden auch Institute und Fakultäten zusammengelegt. Die zuletzt 37 Studiengänge mit einem einzigen Teilnehmer sowie die 327 Fakultäten mit 15 oder weniger Studenten soll es nicht mehr geben. Akademische und wirtschaftliche Führung einer Universität sind nun zwei getrennte Bereiche. Doch es bleiben italienische Spezialitäten. Die Universitäten können zum Beispiel kaum planen oder gar investieren. Sie wissen nicht, mit welchen staatlichen Zuwendungen sie rechnen können. Aus den staatlichen Grundfonds etwa bestreiten sie gut die Hälfte ihrer Einnahmen. Zuletzt waren das 7,2 Milliarden Euro. Aber wie dieser Fonds verteilt wird, ist oft bis zuletzt nicht klar.
Die wissenschaftlichen Leistungen der italienischen Hochschulen können sich jedoch im internationalen Vergleich sehen lassen. Bei der Zahl der Veröffentlichungen liegen sie nach Angaben der Uni Turin in Europa an dritter Stelle. Die OECD sieht Spitzen in Physik, Chemie und Biomedizin. „Und das alles“, sagt Professor Dr. Luciano Gamberini von der Universität Padua, „obwohl alle Universitäten Italiens zusammen nicht soviel Geld kriegen, wie jede einzelne der zehn Spitzenunis aus den Welt-Rankings“.
Die ausgesprochen karge Entlohnung von Akademikern, die mitunter nur halb so viel verdienen wie ihre Kollegen in Deutschland, sowie das geringe Renommee intellektueller Leistungen machen die Hochschulen nicht gerade anziehend für junge Leute, sagt Prof. Andrea Lenzi aus Rom (s. Interviewbox unten). Die Studienanfänger, zuletzt etwa 290 000, werden stetig weniger. Ihre Zahl hat innerhalb von acht Jahren um 13 Prozent abgenommen. Viele Absolventen sehen überdies im eigenen Land keine berufliche Zukunft. Die alljährliche Abwanderung tausender, gerade junger Akademiker, gilt als eines der größten Zukunftsprobleme Italiens.