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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 12/09
vom 20.11.2009
Gesucht wird:
der Künstler-Typ
Wie
beginnt man seine Amtszeit als Chef einer Hochschule, ohne am eigenen
Aktionismus zu verbrennen? Am besten, indem man viel zuhört und weniger
redet. Gefragt sind nicht die großen Macher, sondern Künstler-Typen:
ein bisschen verrückt, aber professionell im Handwerk.
von
Hans-Christoph Keller
Hundert Tage haben
Politiker, bis die Öffentlichkeit das erste Mal mit ihnen abrechnet.
Für die Startbilanz von Hochschulpräsidenten ist das eine
relativ lange Zeit, sagt Prof. Dr. Nikolaus Risch, Präsident
der Universität Paderborn. Nach einem Vierteljahr sollten die wichtigsten
Weichen gestellt und die Visionen klar sein. Doch wo fängt man am
besten an und was sollte man tunlichst vermeiden?
Lassen Sie sich
nicht verrückt machen
Um diese Entscheidung in Ruhe zu fällen, sollte man sich nicht
verrückt machen lassen, empfiehlt Prof. Dr. Lothar Zechlin.
Der Rechtswissenschaftler stand bereits drei Hochschulen vor, darunter
zuletzt der fusionierten Universität DuisburgEssen. Wichtig
ist am Anfang, den eigenen Standpunkt zu entwickeln, zu kommunizieren
und sich Zeit zu nehmen fürs Zuhören.
Kaum etwas ist
aus Sicht erfahrener Hochschulmanager wichtiger als ein offenes Ohr. Das
gilt vor allem für Präsidenten, die von außen kommen.
Sie brauchen viel Zeit, um die Kultur der Uni zu verstehen, die Meinungsführer
kennenzulernen und ihre Antennen auf deren Frequenz einzustellen. Dafür
braucht man ein Händchen, weiß Zechlin. Vieles läuft
in Hochschulen auf informellem Weg. Wer auf diesen Kanälen nichts
empfängt, wird kaum die richtigen Weichen zur rechten Zeit stellen.
Das Geschäft
eines Rektors ist daher dem eines Politikers sehr ähnlich. Es gilt,
Mehrheiten hinter sich zu bringen. Und zwar schnell. Schlüsselfiguren
sind dabei die Dekane. Hinter ihnen stehen die Fakultäten wie Fraktionen
in einem Parlament.
Dass man ohne
Mehrheiten mit seinen Visionen nicht weit kommt, hat Prof. Dr. Uwe Schneidewind
schmerzhaft erfahren müssen. Vor fünf Jahren übernahm er
im Alter von 38 Jahren die Leitung der Universität Oldenburg. 2008
trat er vom Amt freiwillig zurück. Ich habe es unterschätzt,
die Mehrheiten für Veränderungen zu organisieren, weiß
er heute. Zudem hat er sich anfangs auf zu viele Verbesserungen in den
Bereichen Technik und Management auf dem Campus konzentriert. Mehr
hinzuhören, wäre wichtiger gewesen, sagt er, aber
auch, mehr zu erklären. Man braucht ein hohes Maß
an Eloquenz, vor allem wenn man jung ist. Nur so kann man das höhere
Ansehen und das Gewicht der Meinung älterer Kollegen kompensieren.
Aber auch dann
hat man noch längst nicht die Schäfchen im Trockenen. Man
darf auf keinen Fall ein Ankündigungspräsident sein, sagt
Risch, sondern muss handeln. Spätestens an diesem Punkt
kristallisieren sich Freunde und Feinde heraus. Man kann es eben
nicht jedem recht machen. Die Entscheidungen müssen fallen,
sagt Uwe Schneidewind, glauben Sie dann an sich und zeigen Sie es,
empfiehlt er allen, die es wagen wollen. Um Glaubwürdigkeit zu bekommen,
sollte man aber auch mit anpacken. Wenn man die Leute schon dazu
bekommt, Gedankenschmalz auf die Zukunft der Universität zu verwenden
und das mit einem zu diskutieren, dann muss man ihnen auch die Garantie
geben, dass man damit etwas macht. Sonst sind alle nur frustriert und
beim nächsten Mal nicht mehr zu aktivieren, sagt Zechlin.
Unbequeme
Dinge gleich
zu erledigen, funktioniert
in Hochschulen nicht.
Es gibt keine
Naturtalente
Auch beim Zupacken ist Fingerspitzengefühl gefragt. Nichts ist
tödlicher, als mit der BrechstangenMethode an den Strukturen
der Hochschule zu rütteln. Macher und Durchsetzer sind schwierig,
am besten ist der kommunikative Rektor, sagt Prof. Dr. Hanns H.
Seidler, Vorstandsmitglied des Zentrums für Wissenschaftsmanagement
in Speyer. Er empfiehlt: Finger weg von einer zu starken Ausrichtung
auf bestimmte Disziplinen. Selbst wenn ein klares Profil für
Universitäten im Wettbewerb wichtig sei, werde man mit tiefgreifenden
Veränderungen zu Beginn der Amtszeit scheitern. Zechlin, der auch
Gutachter bei UniFusionen in der Türkei oder Frankreich
war, bestätigt das: Die These, es sei gut, unbequeme Dinge
gleich zu erledigen, funktioniert in Hochschulen nicht. Für
ihn sind Präsidenten erfolgreich, die es schaffen, gemeinsam mit
der Hochschule etwas zu entwickeln. Er vergleicht sie mit Künstlern:
Sie brauchen ein bisschen Verrücktheit, aber auch handwerkliche
Professionalität. Heißt: flexibel im Denken und fest
im Führen.
Wie aber lernt
man das? Professoren werden nicht zu Rektoren ausgebildet, und dass
es Naturtalente gibt, ist eine Legende, stellt Dr. Martin Mehrtens
klar, Leiter der Personalentwicklung an der Uni Bremen. Jeder habe seine
Fähigkeiten irgendwo erlernt. Seine Universität bildet ihre
neu berufenen Professoren deshalb in akademischem Führungshandeln
aus. Sie sollen lernen, ihre Kompetenzen einzuschätzen, authentisch
zu sein, Botschaften zu vermitteln und zu motivieren, erklärt
Mehrtens. Unsere Professoren werden die besseren Rektoren sein,
ist er sich deshalb sicher. Sie lernen früh, mit Konflikten umzugehen,
konziliant zu sein und Empathie zu zeigen. All das brauchen sie in hohem
Maße, wenn sie später vielleicht Dekane oder gar Präsidenten
sind. Dann müssen sie sehr schnell Interessen moderieren, geeignete
Visionen fördern und angemessen entscheiden, sagt Mehrtens,
heute ist proaktives Handeln gefragt und deshalb haben Rektoren
in der Regel keine hundert Tage Zeit.
H.-Christoph
Keller ist duz-Redakteur
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