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  Foto: WHU
Die Gründer von morgen? An einigen Hochschulen gibt man sich jedenfalls Mühe, Studierenden den richtigen „Spirit“ zu vermitteln.
 

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 12/09 vom 20.11.2009

Die Gründermacher

Deutschland hat zu wenig innovative Unternehmer. Viele Hochschulen haben deshalb Gründungslehrstühle eingerichtet. Doch unternehmerisches Denken vermittelt man nicht nur in ein paar Modulen. Vielmehr sollte es sich als roter Faden durch die gesamte Lehre ziehen. Gründergeist ist nämlich schwerer zu vermitteln als Fachwissen.

von Alexandra Straush

Prof. Dr. Malte Brettel lehrt den Wechsel der Perspektive. Etwa 350 Ingenieure sitzen in seiner Vorlesung „Einführung in die BWL“ an der RWTH Aachen. Gespannt lauschen sie Brettel, der die Erfolgsgeschichte der gelben Klebezettel der Firma Post-it zum Besten gibt – die technisch gesehen auf einem Fehlschlag beruht. Denn entwickelt werden sollte eigentlich ein besonders haftfähiger Kleber. Stattdessen löste sich das Material immer wieder vom Untergrund. Erst mit der Idee, den ungeeigneten Kleber auf Papier aufzubringen, war die Innovation da.

„Ingenieure denken technisch, nach
Regeln und Gesetzen. Sie wünschen
sich von mir die Formel des Erfolgs.“

Vernachlässigtes Terrain
Brettel setzt solche Fallstudien bewusst ein. „Ingenieure denken technisch, nach Regeln und Gesetzen. Sie wünschen sich von mir die Formel des Erfolgs“, sagt der Professor. „Stattdessen müssen sie lernen, mit Unsicherheiten und Risiken umzugehen.“ So hofft er, bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern im Hörsaal das Gründer-Gen einzupflanzen. Brettels Professur „Wirtschaftswissenschaft für Ingenieure und Naturwissenschaftler“ füllt eine Lücke in der deutschen Hochschullandschaft.
Formal gelten die Universitäten als Ausbildungsstätte des deutschen Unternehmertums. In einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums gaben 72 Prozent der befragten Gründer an, dass sie einen Hochschulabschluss haben, die meisten in ingenieurwissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Studiengängen. Woher sie das unternehmerische Know-how haben, bleibt offen, denn an den Unis wird es normalerweise nicht vermittelt. Selbst die Betriebswirtschaftslehre (BWL) vernachlässigt dieses Terrain, weil sie traditionell eher auf die Ausbildung von angestellten Managern ausgerichtet ist und nicht auf Unternehmer, die das Risiko ihrer Entscheidungen selbst tragen.
Entsprechend gering ist das Interesse der deutschen Studierenden an einer Gründung. In der sogenannten Guess-Studie (Global University Entrepreneurial Spirit Students’- Survey) wurden 2008 weltweit 60 000 Studenten aus 19 Ländern befragt. Dabei zeigte sich, dass Deutschland, Belgien und Frank-reich die Nationen mit der geringsten unternehmerischen Aktivität sind. Nur zehn Prozent der Studenten in Deutschland sehen in der Selbstständigkeit ihre Berufung. „Viele gehen in ein Studium mit der Vorstellung, in einem Unternehmen zu arbeiten, das man aus der Werbung kennt“, sagt Dr. Reinhard Schulte, Professor an der Universität Lüneburg. Seine Veranstaltungen zum Gründungsmanagement sind seit vier Jahren verpflichtend für jeden Studenten der Allgemeinen BWL. Schulte hofft, damit den jungen Menschen die Augen für berufliche Alternativen zu öffnen und sie für die Gründungslehre als späteres Vertiefungsfach zu begeistern.
Ginge es nach dem Wirtschaftsministerium, würden sich deutlich mehr Bachelor und Master in die Selbstständigkeit stürzen. Zum einen, um den Arbeitsmarkt zu entlasten, zum anderen um mit innovativen Neugründungen das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Deshalb hat die Politik eine akademische Gründungslehre, auf Englisch Entrepreneurship Education, als Leitziel formuliert. Zum einen sollen neue Gründungslehrstühle entstehen und bestehende Professuren neu ausgerichtet werden. Zum anderen sollen gründungsrelevante Lehrinhalte in nicht wirtschaftswissenschaftliche Fachbereiche aufgenommen werden.
Europa habe hier Nachholbedarf, meint Prof. Dr. Alexander von Gabain vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie, das das Unternehmertum in Forschungseinrichtungen stärken will: „In Europa denken wir ständig über Eliteuniversitäten nach, vergessen jedoch, dass Unternehmertum eine entscheidende Quelle für innovationsgetriebenen Wohlstand ist.“
In den USA hat diese Erkenntnis eine lange Tradition. 1948 hielt ein Professor in Harvard die erste Vorlesung zum Thema Unternehmertum. Seitdem zählt Entrepreneurship Education zu den am schnellsten wachsenden Disziplinen. In Deutschland entstanden die ersten Gründungslehrstühle erst 1998. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wird der Fokus sogar auf die Ausbildung von Führungskräften unter den Ingenieuren als Programm angeboten (
http://web.mit.edu/gordonelp). Um dahin zu kommen, müsste sich nach Ansicht des Förderkreises Gründungsforschung die Zahl von deutschlandweit 60 Existenzgründungsprofessuren verdoppeln.
Doch viel wichtiger als die Zahl der Lehrstühle ist die Frage, was und wie unterrichtet werden soll. Eine Erkenntnis ist, dass es nicht ausreicht, den Unternehmern von morgen positive Rollenvorbilder vorzustellen oder ihnen zu erklären, wie man einen Businessplan erstellt. Gründungslehrstühle sind häufig Initiatoren einer für Hochschulen ungewohnten Didaktik, die auf Praxis baut. So müssen Studenten an der Uni Lüneburg bei Planspielen unter Zeitdruck unternehmerische Entscheidungen treffen. In Zusammenarbeit mit dem Gründungsnetzwerk Lüneburg betreuen sie als Berater echte Fälle.
Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit spielt in der Gründerausbildung eine Rolle. Selbst introvertierte Tüftler hätten das Zeug zum Unternehmer, sagt Malte Brettel. Erfolgreiche Gründungen basierten häufig auf geteilten Aufgaben: „Man muss nur seine Rolle in einem Gründerteam finden.“ Deshalb durchlaufen alle Hörer seiner Vorlesung einen am Institut entwickelten Persönlichkeitstest. In der Übung zur Vorlesung arbeiten die Studenten in Fünfergruppen und sollen dabei ihre eigenen Stärken und Schwächen reflektieren lernen.
Brettel weiß, wovon er spricht: Bevor er sich für die Uni-Karriere entschied, gründete er 1999 einen Online-Shop für gebrauchte und antiquarische Bücher. Auslöser für die Gründung, sagt er, sei die Atmosphäre der Machbarkeit an der kleinen Business School der privaten WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar gewesen. Dort wurde Brettel promoviert. „Alle tüftelten dort an Businessplänen, und Erfolg sprach sich schnell herum“, erinnert er sich. Ohne diese Begeisterungswelle wäre er nie auf die Idee der Selbstständigkeit gekommen.

Erkenntnisse der Forschung
Welche Früchte die Unternehmerausbildung an deutschen Universitäten trägt, wurde noch nicht untersucht. Das Bundeswirtschaftsministerium bekundete nur kürzlich Unzufriedenheit darüber, dass mit Zunahme der Gründerlehrstühle nicht auch die Zahl der Gründungen emporschnelle (duz MAGAZIN 11/2009, S. 24).
Die Erfahrungen aus dem Ausland sind gemischt: Erkenntnisse aus den USA zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen Entrepreneurship Education und dem späteren Unternehmertum. Eine neue Untersuchung aus den Niederlanden hingegen weist in die entgegengesetzte Richtung. Studenten an einer Fachhochschule, die an Gründerkursen teilgenommen hatten, sagten danach, sie hielten sich nicht für potenziell geeignete Unternehmer. Auch das könne ein Ergebnis der Ausbildung sein, meint Malte Brettel: „Wer sein sicheres Gehalt am Ende des Monats auf dem Konto haben will und wissen will, wie seine Karriere aussieht, den können wir nicht abholen.“

„Bachelor sind
häufig noch gar nicht
reif dafür.“

Ähnlich sieht es Dr. Christine Volkmann, Professorin für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Bergischen Universität Wuppertal. Das politische Ziel, dass die Hochschulen aus ihren Seminaren heraus Gründer produzieren, sei schwer zu erreichen. „Bachelor sind häufig noch gar nicht reif dafür“, meint die Professorin. Trotzdem mache es Sinn, Ökonomen, Geistes-, Ingenieur- und Naturwissenschaftler mit unternehmerischem Denken zu konfrontieren und mit betriebswirtschaftlichem Handwerkszeug auszustatten. Zwar könne das wachsende Bewusstsein für die Risiken abschrecken, „aber die wenigen, die dabeibleiben, sind besser gerüstet und die Gefahr einer Insolvenz wird nachhaltig verringert“. Zur Unterstützung der Gründer gehört ihrer Meinung nach nicht nur die interdisziplinäre Lehre, sondern auch ein Beratungs- und Betreuungsangebot für Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende, die sich aus der Hochschule heraus selbstständig machen wollen.
Obwohl in den letzten zehn Jahren deutlich mehr Gründungslehrstühle entstanden sind, sei das Unternehmerbild in Deutschland oft negativ belegt und Entrepreneurship als Teil der Lehre an den Unis nicht immer anerkannt, meint Chris-tine Volkmann. Nicht umsonst kam der Impuls zu mehr Gründungslehrstühlen aus der Politik und von Stiftern, nicht aus den Fakultäten.

Auf den Geist kommt es an
Einige Universitäten wie Wuppertal und Potsdam oder die Ludwig-Maximilians-Universität München sind auf Unternehmerfreundlichkeit ausgerichtet, andere, traditionell denkende Hochschulen verzichten bewusst darauf. Am Ende kommt es vor allem auf den gelebten Gründergeist an. Das gilt nicht nur für legendäre US-Vorbilder wie die Stanford University oder das MIT, wo Wagniskapitalgeber die Flure entlangspazieren. Auch die kleine WHU in Vallendar rühmt sich, jeder Fünfte ihrer Absolventen sei ein Gründer.


Alexandra Straush
ist Journalistin in Bonn.
 
     

Gute Konzepte für unternehmerische Lehre

 
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Das Institut für Existenzgründung und Mittelstandsforschung bietet interdisziplinäre Veranstaltungen an, die in die Curricula aller Fachbereiche integriert sind. Dazu kommen Gründerberatung und der sogenannte Business Campus, der studentischen Unternehmern Büroräume für den Start in die Selbstständigkeit bietet.
http://ifem.h-brs.de
Universität Potsdam
Der Lehrstuhl für innovative Existenzgründung und Mittelstandsentwicklung führt Kurse für Mathematiker und Naturwissenschaftler durch. Vorlesungen zum Gründungs- und Innovationsmanagement werden auch an anderen Fakultäten angerechnet. Das Centrum für Entrepreneurship und Innovation (CEIP) bietet Beratung, Weiterbildungsmodule und Coaching sowie ein Assessment-Center für Gründer an.
www.ceip.uni-potsdam.de
Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Das Entrepreneurship Center vermittelt unternehmerisches Know-how an Interessenten innerhalb und außerhalb der Uni. Es verbindet die Gründungslehre für verschiedene Fakultäten mit der Beratung von Universitätsangehörigen, die bereits Gründungsideen haben.
www.entrepreneurship-center.uni-muenchen.de

RWTH Aachen
Der Lehrstuhl Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler bringt Technikern Ideenentwicklung und Marketing nahe. Das Gründerkolleg übernimmt Beratung und Coaching.
www.win.rwth-aachen.de
Bergische Universität Wuppertal
Geistes- und Naturwissenschaftler, die am Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung Veranstaltungen besuchen, können sich dies aufs Studium anrechnen lassen. Das Projekt „bizeps“ unterstützt gründungswillige Uni-Angehörige.
www.koch.uni-wuppertal.de
Universität Hohenheim
Der Stiftungslehrstuhl für Unternehmensgründungen und Unternehmertum will Entrepreneurship an Hochschulen fördern. Er bietet einen Test an, mit dem Unis ihr Angebot für Unternehmensgründungen und Unternehmertum kritisch und objektiv überprüfen können.
www.seh.uni-hohenheim.de/uni-test/state.html
     
       
     

Wie Essig und Öl für den Salat

Manche Hochschulen, vor allem in Deutschland, haben noch deutlichen Nachhol- und Anleitungsbedarf, wenn es um das Einmaleins der Gründungslehre geht. Ein neues Handbuch gibt einen Überblick.
 
Entrepreneurship Education gilt als das am schnellsten wachsende Themenfeld in der Hochschullandschaft der USA. Trotzdem oder gerade deshalb kämpft die Lehre vom profitablen Unternehmertum um ihre akademische Legitimation. Von den anderen Fakultäten wird sie mit misstrauischen Augen beobachtet.
Zu Unrecht, meinen die Autoren des „Handbook of University-wide Entrepreneurship Education“, denn die Disziplinen können voneinander lernen. Die moderne Hochschulausbildung kommt um die Vermittlung unternehmerischen Know-how nicht herum, argumentiert das Handbuch, wenn sie die gesellschaftliche Realität im Auge behalten will: Als Selbstständige arbeiten in den USA gerade mal elf Prozent aller Wirtschaftswissenschaftler, aber 40 Prozent aller Absolventen mit einem musikalischen Studium, ein Drittel aller Autoren und die Hälfte aller künstlerisch Tätigen. Gerade diese Studiengänge haben jedoch große Berührungsängste gegenüber Entrepreneurship.
Mit 29 teils wissenschaftlichen, teils essayistischen Aufsätzen versuchen die Herausgeber, diese Vorurteile abzubauen. Die etwas willkürliche Auswahl der Texte erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte des Buches: Bei den Autoren handelt es sich um die Teilnehmer einer Konferenz zur Entrepreneurship Education an der Wake Forest University in North Carolina. Deshalb ist auch das Versprechen des Handbuches, Beiträge aus fünf Nationen zusammenzutragen, etwas zu hoch gegriffen. Der Großteil der Texte stammt aus den USA.
Mit einer Dreiteilung versuchen die Autoren, der Textsammlung eine Struktur zu geben, die sich aber nicht immer nachvollziehen lässt. Im ersten Block finden sich Aufsätze, die an einer philosophischen und theoretischen Versöhnung der Disziplinen arbeiten. Mit einer offenen Definition von Entrepreneurship als einem Prozess, der neue Ideen konkret werden und die Gesellschaft davon profitieren lässt, werben sie um breitere akademische Akzeptanz. Im zweiten Teil finden sich Fallstudien von überwiegend US-Universitäten. Sie stellen dar, wie sich Entrepreneurship Education gegen institutionelle Widerstände etablieren lässt und wie die Integration in den Lehrplan aussehen kann. Didaktische Überlegungen, Fallstudien und Essayistisches enthält allerdings auch der dritte Teil.
Das Buch bricht eine Lanze für die interdisziplinäre Lehre. Essig und Öl, argumentiert ein Aufsatz, ergeben eine schmackhafte Salatsoße und niemand diskutiert, welche Zutat die Oberhand haben sollte.
So bringt die Entrepreneurship Education mit neuen didaktischen Ansätzen wie Aktionslernen, Planspiele, Team- und Projektarbeit frischen Wind in die universitäre Lehre. Umgekehrt kommen auch der Gründungslehre fachfremde Ansätze zugute: zum Beispiel im Rahmen des „Entrepreneur job shadow and documentary project“ der University of Washington Tacoma. Hier arbeiten sich die Studenten in die Thematik ein, indem sie einen Dokumentarfilm über den Alltag eines lokalen Unternehmers drehen.
Im Vorwort treten die Herausgeber mit dem Ziel an, eine „roadmap“ zu liefern, die Nachahmer vor Fehlern bewahren soll. Gemessen daran, enthält das Buch zu wenig Praxisbeispiele. Theoretische und didaktische Überlegungen dominieren gegenüber konkreten Fallstudien, Überzeugungsarbeit steht im Vordergrund. So erklärt das Buch zwar, warum Essig und Öl gut zusammenpassen, und führt weitere interessante Zutaten auf, liefert aber nur wenige Rezepte zum Nachkochen. as

G. Page West III, Elizabeth J. Gatewood,
Kelly G. Shaver (Hg.): Handbookof University-wide Entrepreneurship Education, Edward Elgar Publishing Ltd., 2009, 240 Seiten

 

     
   
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