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Der
Artikel erschien im duz MAGAZIN 11/09
vom 24.10.2009
Karriere im
Doppelpack
Dual-Career-Programme
sind keine Seltenheit mehr. Doch haben sich die Hochschulen bislang vor
allem um etablierte Professoren und ihre Partner gekümmert. Allmählich
richtet sich der Fokus aber auch auf den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Eine Handvoll Hochschulen geht mit gutem Beispiel voran.
von
Yvonne Globert
Wenn Maaike van
der Vegt in München einkauft und in holperigem Deutsch ihre Wünsche
äußert, passieren zwei Dinge: Jüngere Münchner antworten
auf Englisch. Weil sie wohl denken, dass ich das besser kann,
schlussfolgert die Geografin. Dabei lernt die junge Niederländerin
gerade fleißig Duits. Ältere Münchner antworten
auf Ur-Bayerisch. Auch das macht die Sache nicht leichter. Kleine
Alltagsprobleme. Für wirklich wichtige Dinge hat van der Vegt Julia
Bühring. Etwa, wenn es um einen neuen Job geht.
Seit 2007 leitet
Bühring den Dual Career Service an der Ludwig-Maximilians-Universität
(LMU). Sie hilft Kandidaten bei der Arbeitssuche, deren Partner gerade
einen Job an der LMU antreten. So wie Björn Vlaskamp, Maaike van
der Vegts Mann, der im Juli als Postdoc an die Uni kam und nun als Psychologe
die Interaktion zwischen Mensch und Roboter untersucht. Bühring checkt
zunächst, ob die Niederländerin vielleicht auf eine wissenschaftliche
Stelle an der LMU passt, finanziert aus einem Extra-Topf der Hochschule.
Ist dies nicht der Fall wie bei Maaike van der Vegt, die als Expertin
für das Geografische Informationssystem GIS bislang für lokale
Behörden gearbeitet hat, hört sich Bühring bei Firmen um.
Kinder verändern
alles
70 Paare hat sie bislang betreut. Überwiegend Professoren und
ihre Partner. Immer öfter aber auch Nachwuchswissenschaftler wie
den niederländischen Psychologen und seine Frau. Die LMU möchte
Top-Wissenschaftler von morgen voranbringen, sagt Bühring
werbend. Ob diese sich aber die Münchner Uni als Karriere-Sprungbrett
aussuchten, ist dabei nicht nur die Entscheidung des einzelnen Wissenschaftlers.
Der Soziologe
Prof. Dr. Michael Meuser von der Technischen Universität Dortmund
befragte Doppelkarrierepaare in der Wissenschaft und separat Emmy-Noether-Nachwuchsgruppenleiter,
wie diese ihre eigene Berufstätigkeit mit der des Partners in Einklang
bringen. Das wenig verwunderliche Ergebnis: Es sind vor allem Frauen,
die sich über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie Gedanken
machen.
Tritt der Gatte
eine Stelle an, planen sie ihren beruflichen Weg analog. Dies trifft
aber vor allem auf die ältere Generation zu, sagt Meuser. Er
macht einen klaren Wandel aus: Jüngere Frauen um die 30 nähmen
heute eher eine Pendelbeziehung in Kauf, als ihre eigene Karriere hintenanzustellen.
Zumindest so lange keine Kinder da seien.
Da aber der Zeitpunkt,
an dem die Entscheidung für eine wissenschaftliche Laufbahn ansteht,
mit der Phase der Familiengründung zusammenfällt man
spricht auch von der rush hour of life , sind weitere
Belastungen programmiert: Ausgerechnet mit der Verantwortung für
ein Kind tapsen viele Nachwuchswissenschaftler einer unsicheren Zukunft
entgegen und hangeln sich von einer Stelle zur nächsten. Und mehr
schlecht als recht gelingt es ihnen, Familie und Job unter einen Hut zu
bringen. Fragt man Dual Career Couples nach der Organisation von Kinderbetreuung
und Zeitmanagement, sind 56 Prozent der Mütter und 47 Prozent
der Väter mit ihrer Work-Life-Balance unzufrieden.
In
den nächsten Jahren steht den
Hochschulen ein heftiger demografi
scher Einbruch bevor.
In
der Folge verkneifen sich diese Paare den Kinderwunsch lieber ganz, oder
einer, meist die Frau, stellt das eigene berufliche Vorankommen letztlich
doch zurück; das Know-how geht der Wissensgesellschaft im schlimmsten
Fall unwiederbringlich verloren. Mit jeder höheren Qualifikationsstufe
schrumpft der Frauenanteil dramatisch: Nur etwa 15 Prozent aller
Professuren gehen an Frauen. Doch unzufriedene Forscher und gefrustete
Wissenschaftlerinnen wollen auch die Unis nicht mehr sehen. Und sie können
sich diese auch gar nicht leisten: In den nächsten Jahren steht
den Hochschulen ein heftiger demografischer Einbruch bevor, warnt
die Leiterin des Dual Career Office der Technischen Universität München,
Kerstin Dübner-Gee. Entsprechend müssen wir mehr Personal
binden und entwickeln.
In dieses Horn
blasen auch Deutsche Forschungsgemeinschaft, Wissenschaftsrat und Hochschulrektorenkonferenz:
Mit wachsender Sorge, dass zu viele kluge Köpfe auf Nimmerwiedersehen
vor allem in die USA abwanderten, sprachen sie bereits vor Jahren erste
Empfehlungen für mehr Chancengleichheit aus und legten nahe, dem
Aspekt der Dual Career Couples bei Berufungen eine größere
Bedeutung einzuräumen. Bei einigen ist das Thema tatsächlich
angekommen. Hochschulen wie die TU München sähen Familienförderung
mittlerweile als Personalmarketing-Faktor, mit dem sich
die Uni auch international profilieren wolle, so Kerstin Dübner-Gee.
Wo die Hochschule bei Spitzengehältern nicht mithalten könne,
versuche sie mit diesen weichen Faktoren zu punkten und so auch Nachwuchswissenschaftler
aus dem Ausland zurückzuholen. Noch aber setzen die einzelnen Hochschulen
das Thema Dual Career recht unterschiedlich um, wie eine Befragung des
Deutschen Hochschulverbands (DHV) von 130 Hochschulen zu Berufungsverfahren
ergab. 40 Prozent der befragten Uni-Leitungen beantworteten die
Frage nach konkreten Hilfestellungen für Paare positiv.
Es seien vor
allem moderne und/oder große Universitäten, die entsprechende
Service--Stellen etabliert hätten, während andere nichts
in diesem Punkt aufzuweisen hätten, sagt Autor und stellvertretender
DHV-Geschäftsführer Dr. Hubert Detmer.
Dies belegt auch
eine Umfrage der German Scholars Organisation (GSO), die deutsche Wissenschaftler
im Ausland betreut. Insgesamt 54 Rückkehrer befragte
sie im Juni nach ihren neuen Erfahrungen in der alten Heimat. Fast alle
gaben zu Protokoll, keinerlei Hilfe bei der Suche nach einer geeigneten
Schule oder einem Kitaplatz für ihre Kinder bekommen zu haben. Nur
sieben Prozent wurden bei der Suche nach einem Job für den Partner
unterstützt. Dies ist ohne Zweifel ausbaufähig. Den Aufbau aber
treiben vor allem die rund 30 existierenden Dual Career Services selbst
voran. Anfang Oktober fand ein Auftakttreffen für ein bundesweites
Netzwerk statt, mitinitiiert vom Dual Career Service der TU München,
der bereits mit Partnereinrichtungen der LMU sowie den Standorten Heidelberg,
Tübingen, Konstanz und Kiel in Kontakt steht. Es sollen weitere hinzukommen.
Netzwerke für
Doppelkarrieren
Gedacht sei das Netzwerk als Forum für einen kollegialen
Austausch, so Kerstin Dübner-Gee. Die einzelnen Anlaufstellen
könnten Best-Practice-Beispiele sammeln und sich über
einen internationalen Gesamtauftritt verständigen oder über
die Koordination einzelner Veranstaltungen. So lud das Wissenschaftszentrum
Bonn Anfang Oktober zu einer Tagung; dort wurden die Ergebnisse zweier
Projekte vorgestellt, die Ursachen für den hohen Anteil kinderloser
Wissenschaftler beleuchten und aufzeigen, wie sich Arbeit und Elternschaft
besser vereinbaren lassen.
Mit dieser Fragestellung
beschäftigt sich auch das internationale Netzwerkprojekt Förderung
Dualer Karrieren, dem sieben Hochschulen aus Deutschland und der
Schweiz angehören. Koordiniert wird es von der Universität Konstanz.
Die Kooperation der nah beieinander liegenden Hochschulen soll die beruflichen
Anschlussmöglichkeiten von Paaren gerade in Regionen erhöhen,
die nicht mit Großunternehmen und Forschungseinrichtungen gespickt
sind. Wie an den meisten Servicestellen gehören auch hier wissenschaftliche
Weiterqualifizierung sowie Beratung bei der Suche nach Kinderbetreuung
zum Angebot. Kinder sind an vielen Hochschulen ein heikler Punkt. Selbst
an der TU München, die an ihren drei Standorten einen Familienservice
anbietet, sei das Angebot nicht wirklich ausreichend, so Kerstin
Dübner-Gee.
Zumal junge Wissenschaftlerpaare
bei ihrer zeitaufwendigen Tätigkeit Bedarf an einer möglichst
langen Betreuung hätten. Erst neulich rief ein Emmy-Noether-Gruppenleiter
bei Dübner-Gee an. Verzweifelt suchte er eine Unterbringungsmöglichkeit
für seinen 20 Monate alten Sohn. Viele stehen auf sämtlichen
Wartelisten und durchleben trotzdem lange Phasen der Unsicherheit,
bedauert Dübner-Gee. Ohne Betreuung mache auch die Stellensuche
für die Partnerin eines Wissenschaftlers wenig Sinn.
Nur für Spitzenwissenschaftler?
Und wer nach einer Teilzeitstelle sucht? Da unterscheiden sich die
Möglichkeiten je nach beruflicher Position: Während es für
Doktoranden leichter sei, etwa auf eine halbe Stelle zu gehen, böten
sich solche Gelegenheiten für Projektleiter und Juniorprofessoren
nur selten, so Dübner-Gee. Und wenn, dann ist in der Realität
noch lange nicht gesagt, dass die reduzierte Arbeitszeit auch eingehalten
werden kann. Häufig wird dann doch hundertprozentige Verfügbarkeit
erwartet ganz anders als etwa in den skandinavischen Ländern,
bemängelt Dr. Andres Keller, im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung
und Wissenschaft (GEW) zuständig für den Bereich Hochschule
und Forschung.
Solche
Angebote richten sich ja nur an
Spitzenwissenschaftler und haben auch
etwas von Vetternwirtschaft.
Seine
Kritik zielt aber auch auf das Konzept der Doppel-Karriere an sich:
Solche Angebote richten sich ja nur an Spitzenwissenschaftler und
haben auch ein Stück weit etwas von Vetternwirt-schaft-.
Nicht immer sei klar, ob bei den Qualifikationen des Partners genau hingeschaut
werde, wenn ihnen die Hochschule eine Stelle an einem universitätseigenen
Institut beschaffe, glaubt er. Vor allem aber findet er: Solche
Angebote gehen am Hauptproblem vorbei. Was junge Wissenschaftler
vor allem brauchten, sei eine verlässliche Berufsperspektive.
Für die GEW ist dies das Tenure-Track-Verfahren, das dem
Nachwuchs bei Bewährung eine Professur in Aussicht stellt.
Um Mauscheleien
vorzubeugen, hat sich die TU München für folgende Strategie
entschieden: Sie sucht vornehmlich extern nach Stellen für die Partner
von Wissenschaftlern. Bei der guten Nachbarschaft mit Max-Planck,
Helmholtz und Fraunhofer sowie Firmen wie Allianz und Siemens ist das
nicht weiter schwierig.
In puncto Berufsperspektive
wiederum kam die bayerische Hochschule zu ähnlichen Ergebnissen wie
Keller, als sie kürzlich den eigenen Nachwuchs nach dessen Bedürfnissen
fragte. Auch die Jungwissenschaftler wünschen sich mehr Tenure Track.
An den genauen Maßnahmen, die aus dieser Erkenntnis folgen, wird
nun gebastelt. Fest steht: Der Dual Career Service ist fester Teil der
Nachwuchsförderung geworden. Kerstin Dübner-Gee hat inzwischen
auch eine Team-Assistenz bekommen, die sich fortan ausschließlich
um junge Wissenschaftler und ihre Familien kümmern wird.
Den Luxus aber,
den etwa der Inhaber einer Humboldt-Professur genießt, wenn
Dübner-Gee für dessen Kinder beispielsweise eine internationale
Schule sucht, kann sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs nicht bieten:
Ich kann schließlich nicht für jeden einen roten Teppich
ausrollen.
Yvonne
Globert
ist Journalistin in Frankfurt/Main.
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